Odo von Cambrai (auch Odo von Tournai bzw. Odardus) (* 1060 in Orléans; † 19. Juni 1113 in der Abtei Anchin) war ein Theologe, Abt und schließlich Bischof von Cambrai. Er ist ein Seliger der katholischen Kirche.
Leben Odo wurde um 1060 in Orléans geboren, wo er wahrscheinlich an der Kathedralschule seine Ausbildung erhielt. In den 1080er Jahren lehrte er als Magister in Toul, ehe er von den Mitgliedern des Kapitels von Tournai als Magister in die Stadt gebeten wurde. Der Chronist Hermann von Tournai berichtet, dass Odo der Kathedralschule von Tournai zu einem exzellenten Ruf verhalt und Schüler aus weiter Ferne anzog. Im Gegensatz zu Magister Raimbert im benachbarten Lille lehrte Odo die Universalien nach der althergebrachten Weise in re, d. h. einen Universalienrealismus.
Nach der Lektüre von Augustinus De libero arbitrio erlebte Odo eine conversio und gründete mit einigen seiner Schüler eine Kanonikergemeinschaft an der Kirche St. Martin von Tournai. Diese Gemeinschaft folgte anfangs der Regel des Augustinus, ehe sie die Consuetudines der Benediktiner von Cluny übernahm. 1095 wurde Odo Abt dieser Gemeinschaft, doch während einer Hungersnot im Winter 1095/96 vergab Odo sämtliche Vorräte des Klosters an Bedürftige. Aufgrund dessen wurde er durch seine Mönche von seinen verwalterischen Pflichten entbunden. Er blieb jedoch Abt und gab dieses Amt erst nach seiner Wahl zum Bischof von Cambrai auf.
Im Jahr 1105 wurde er als päpstlicher Kandidat vom Erzbischof Manasse von Reims zum Bischof von Cambrai geweiht. Dabei musste er sich aber mit seinem Vorgänger Galcher auseinandersetzen, der zwar vom Konzil von Clermont 1095 als Simonist abgesetzt worden war, aber von Kaiser Heinrich IV. unterstützt wurde. Die Bürger von Cambrai verweigerten Odo den Zutritt zur Stadt, weshalb Odo sich gezwungen sah, seine Bischofspflichten vorerst von Tournai aus auszuüben. Erst 1111 konnte er sich für kurze Zeit in Cambrai als Bischof etablieren, geriet aber bereits 1112 wieder unter Druck, sodass er sich 1113, bereits schwer erkrankt, ins Kloster Anchin zurückzog. Einen möglichen, kontroversen Grund für seinen Rücktritt stellt eine kaiserliche Investitur durch Heinrich V. im Rahmen des revidierten Vertrags von Ponte Mammolo dar. 2 Diese kaiserliche Investitur verneint Odo selbst in seinem Traktat De blasphemia in Spiritum Sanctum, jedoch sehen einige Forschungspositionen die Möglichkeit, dass dies sich ereignet hat, als durchaus plausibel an (Druckenmüller 2026), während andere Odos Zurückweisung bekräftigen (Resnick 1997). Im Jahr 1113 starb Odo im Kloster Anchin.
Odo wurde im Kloster Anchin begraben.
Gedenktag und Gedenken Sein liturgischer Gedenktag ist der 19. oder 20. Juni.
Godefried von Reims verfasste Gedichte zu Ehren Odos.
Werk Odo war stark von der Philosophie und den frühen christlichen Autoren der Antike beeinflusst. Nach Angaben seines Biographen Hermann von Tournai verfasste Odo drei Schriften zur Logik, die aber nicht erhalten sind. Außerdem verfasste er Erläuterungen zu mehreren Büchern der Bibel. Einflussreich war seine Arbeit über die Erbsünde. Des Weiteren fertigte er Exzerpte von Plinius’ Naturalis historia an. In seiner Schrift De peccato originali bediente er sich dialektischer Methoden.Martin Anton Schmidt: Scholastik (=Die Kirche in ihrer Geschichte. Ein Handbuch. Band 2, Lieferung G, Teil 2). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1969, S. G83.
Werke (Auswahl) Sophistes. (verloren) Liber complexionum (verloren) De re et ente (verloren) De operibus six dierum (verfasst als Hildebert von Lavardin, Autorschaft unsicher) Predigten (nur eine Predigt gesichert) Expositio in Canonem Missae De peccato originali (3 Bücher) Disputatio contra Judaeum... De blaphemia in Spiritum Sanctum De canonibus evangeliorum
Literatur Tina Druckenmüller: Schüler oder bloß Kenner? Das Verhältnis von Odo von Tournai zu Anselm von Canterbury. In: Theo Schley, Marieke Neuburg, Isabel Dillenberger, Eva Neufeind (Hrsg.): Wissens-Ordnung. Beiträge für Eva Schlotheuber. Schnell & Steiner, Regensburg 2026, ISBN 978-3-7954-9101-7, S. 93–125.
Max Manitius: Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Dritter Teil (Band) unter Paul Lehmanns Mitwirkung: Vom Ausbruch des Kirchenstreites bis zum Ende des 12. Jahrhunderts (= Handbuch der Altertumswissenschaft. Band IX,2.3). C. H. Beck, München 1931 (Nachdrucke 1964, 1973). Vollständiges Heiligen-Lexikon. Band 4, Augsburg 1875, S. 612 (Digitalisat).
Einzelnachweise
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