mini|Aachen, „Hof“ (2003) mini|Schematische Karte römischer Befunde in Aachen mini|hochkant|Replik einer römischen Arkadenreihe am „Hof“ (2008) Aquae Granni ist die seit dem Mittelalter tradierte Bezeichnung für das antike, römische Aachen. Unter einer Reihe weiterer Variationen dieses Namens – beispielsweise Aquisgranum – konnte sich diese Schreibweise in der fachwissenschaftlichen Literatur durchsetzen. Die römischen Relikte des nordrhein-westfälischen Aachens konzentrieren sich im Wesentlichen auf den Bereich der Altstadt und den Stadtteil Burtscheid (siehe Artikel Porcetum). Die jüngeren archäologischen Untersuchungen haben gezeigt, dass – entgegen aller früheren Vermutungen – das römische Aachen nicht nur ein Kurort für römische Soldaten innerhalb eines Provinznestes war, sondern eine blühende Stadt mit allen urbanen Infrastrukturen.
Etymologie Der lateinische Name Aquis Granni ist erst seit dem Frühmittelalter bekannt. Im Jahre 765 wird unter dem Frankenkönig Pippin der Jüngere erstmals der Name Aquis („bei den Wassern“) für das heutige Aachen genannt. Sein Sohn Karl der Große feierte dort im Jahr 768 in der Villa Aquis das Weihnachtsfest.Ernst Günther Grimme: Der Dom zu Aachen. Einhard-Verlag, Aachen 2000, ISBN 3-930701-75-8. S. 11–49. Der Name hat seinen Ursprung in den zahlreichen Aachener Thermalquellen an diesem Ort. Als Badeort und wegen der heißen Quellen, die in Thermen gefasst waren, war die Gegend schon bei den römischen Legionären sehr beliebt. Der Namenszusatz Granni geht auf den keltischen Wasser- und Bädergott Grannus zurück, der in der Interpretatio Romana mit Apollo gleichgesetzt war. Antike Quellen zur Verwendung dieser Namensgebung während der Römerzeit liegen nicht vor, jedoch kann eine solche auch nicht ausgeschlossen werden.Andreas Schaub: Aachen in römischer Zeit aus archäologischer Sicht. Versuch einer Neubewertung. In: Raban von Haehling, Andreas Schaub (Hrsg.): Römisches Aachen. Archäologisch-historische Aspekte zu Aachen und der Euregio. Schnell & Steiner, Regensburg 2013, ISBN 978-3-7954-2598-2, S. 131–205, hier: S. 135.
Forschungsgeschichte, Besiedlung und Topographie Die archäologische Forschung in Aachen wurde lange, mit kurzphasigen Ausnahmen, bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts, eher stiefmütterlich behandelt. Dies endete erst, als die Stadt mit Andreas Schaub im Jahr 2006 einen eigenen provinzialrömischen Stadtarchäologen bekam, der sich seither um die archäologischen und bodendenkmalpflegerischen Belange Aachens kümmert.
Spuren vorrömischer Besiedlung liegen – wenn man von den neolithischen Werkplätzen am LousbergDaniel Schyle: Der Lousberg in Aachen. Ein jungsteinzeitlicher Feuersteintagebau mit Beilklingenproduktion (= Rheinische Ausgrabungen. 66). von Zabern, Mainz 2010, ISBN 978-3-8053-4326-8. und den bronzezeitlichen Hügelgräbern am peripher gelegenen KlausbergBernhard Pröschel: Die Rekonstruktion der Paläotopographie des Aachener Kessels . Dissertation an der RWTH, Aachen 2019, hier: S. 24–26 (Digitalisat). einmal absieht – nur wenige vor. Einzelne Spuren deuten auf die Anwesenheit von Menschen in der Hallstattzeit und in der Latènezeit, jedoch ohne dass es Beweise für konkrete Siedlungen gäbe.Johannes Heinrichs: Der Raum Aachen in vorrömischer Zeit (ca. 200 – 1 v. Chr.) In: Raban von Haehling und Andreas Schaub (Hrsg.): Römisches Aachen. Archäologisch-historische Aspekte zu Aachen und der Euregio. Schnell & Steiner, Regensburg 2013, ISBN 978-3-7954-2598-2, S. 13–96. Die als Vicus anzusprechende römische Siedlung lag zwischen dem Johannis- und dem Paunellbach. Dieses Gebiet ist aufgrund seiner Geomorphologie mit Höhenunterschieden von bis zu 100 Metern nicht als siedlungsgünstiger Raum zu werten. Dessen ungeachtet wurde es schon früh von den Römern besiedelt. Erste Spuren weisen ans Ende des ersten Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung. Der Grund ist in den heißen Thermalquellen zu sehen, die aus dem am südöstlichen Rand der Stadt liegenden Höhenzug austreten und wahrscheinlich im Zusammenhang mit dem immer noch aktiven Vulkangebiet Eifel stehen. Das bis zu 75 Grad heiße, leicht schwefelhaltige Wasser führt gelöste Mineralien aus dem devonischen Kalkgestein und anderen Nebengesteinen mit sich. Eine in rund 15 km Entfernung nördlich verlaufende frühaugusteische Überlandstraße von Bavai (Bagacum Nerviorum) über Tongern (Atuatuca Tungrorum), Heerlen (Coriovallum) und Jülich (Iuliacum) nach Köln (Colonia Claudia Ara Agrippinensium) erschloss das Gebiet. Zu dieser Fernstraße, die auch mit der modernen Namensschöpfung Via Belgica bezeichnet wird, führte von Aachen aus eine Stichstraßenverbindung nach Coriovallum (Heerlen) und querte dabei mittels einer Brückenkonstruktion den Johannisbach am heutigen südlichen Ende der Eilfschornsteinstraße.Brücke über den Johannisbach bei Über Nebenstraßen, beispielsweise nach Mosa Traiectum (Maastricht), Porcetum und zum Vicus Gressenich, war der Ort regional gut vernetzt.Dietmar Kottmann: Beobachtungen zum römischen Wegenetz im Aachener Umland. In: Raban von Haehling, Andreas Schaub (Hrsg.): Römisches Aachen. Archäologisch-historische Aspekte zu Aachen und der Euregio. Schnell & Steiner, Regensburg 2013, ISBN 978-3-7954-2598-2, S. 343–354. Im direkten Umfeld der Stadt gibt es weitere römische Siedlungsspuren, so wurde im Stadtbezirk Brand Eisen verarbeitet und im Stadtteil Forst-Schönforst Keramik produziert. Weitere Fundstellen haben zumeist einen landwirtschaftlichen Charakter und können als Villae rusticae angesprochen werden, so in den Bereichen Walheim/Friesenrath, Laurensberg-Süsterfeld und in Richterich-Butterweiden (lateinisch: Recteriacum).Andreas Schaub: Aachen in römischer Zeit aus archäologischer Sicht. Versuch einer Neubewertung. In: Raban von Haehling, Andreas Schaub (Hrsg.): Römisches Aachen. Archäologisch-historische Aspekte zu Aachen und der Euregio. Schnell & Steiner, Regensburg 2013, ISBN 978-3-7954-2598-2, S. 131–205, hier: S. 131 f.
Archäologische Befunde und Funde Vicus
Schon früh konnten bei archäologischen Grabungen augusteische Siedlungsbefunde entdeckt werden. 1927 fand der Aachener Museumskustos Otto Eugen Mayer an der Ostseite des Marktplatzes frühe römische Keramik. Weitere Ausgrabungen zeigten, dass der heutige Marktbereich in römischer Zeit mittels holzausgesteifter Kanäle trockengelegt worden war. Darüber errichteten die Römer auf Pfahlrosten stehende Schwellbalkenhäuser, sogenannte Streifenhäuser, eine für die römischen Nordwestprovinzen typische Bauform. Die Schwellbalken, Dielenböden und aufgehenden Wände der ältesten Gebäude konnten dendrochronologisch mit Fälldaten am „Hof“ zwischen 3 v. u. Z. und 10 u. Z und am „Markt“ für das Jahr 1 u. Z. datiert werden.Helga Scholten: Urbanität und Romanisierung. Eine siedlungshistorische Einordnung Aachens. In: Raban von Haehling und Andreas Schaub (Hrsg.): Römisches Aachen. Archäologisch-historische Aspekte zu Aachen und der Euregio. Schnell & Steiner, Regensburg 2013, ISBN 978-3-7954-2598-2, S. 269–296. Eine römische Siedlungskontinuität ist bis in das fünfte Jahrhundert nachgewiesen.
Feuergefährliche Gewerbebetriebe befanden sich an der Peripherie der Stadt, so konnten insgesamt drei Töpfereien im Norden in den Bereichen MinoritenstraßeTöpfereibetrieb Minoritenstraße bei und Kleinkölnstraße,Töpfereibetrieb Kleinkölnstraße bei und im Süden im Bereich des Alten PosthofsTöpfereibetrieb Alter Posthof bei nachgewiesen werden. Ein ausgesprochenes Handwerkerviertel befand sich vom ersten bis ins ausgehende dritte / beginnende vierte Jahrhundert im Bereich zwischen Büchelthermen und Großkölnstraße, wo Töpferöfen und am östlichen Ende der Antoniusstraße drei Eisenschmelzöfen identifiziert werden konnten.Eisenschmelzereien bei Eine weitere Werkstatt, eine des dritten Jahrhunderts, die aus Tierknochen Nadeln anfertigte, wurde 2017 im östlichen Bereich der Rommelsgasse aufgedeckt.Nadelproduktion ungefähr bei Die neben den Knochen in unterschiedlichen Bearbeitungsstufen und fertigen Nadeln gemachten luxuriösen Beifunde (Schlangenfadenglas, der als Panther modellierte Griff eines Bronzegefäßes, sowie eine Gemme aus Jaspis) weisen auf einen wohlhabenden Fabrikanten.Andreas Schaub: Steinreich durch Knochenarbeit. In: Archäologie im Rheinland 2017, 2018, S. 111–113 (Digitalisat).Eckhard Deschler-Erb, Sabine Deschler-Erb, Nadine Nolde, Andreas Schaub: Nachhaltiger und vielseitiger Umgang mit Ressourcen. Eine Knochen verarbeitende Werkstatt des 3. Jahrhunderts im vicus von Aquae Granni/Aachen. In: Archäologisches Korrespondenzblatt, Band 54, Heft 2, 2024, S. 223–250 (Digitalisat). Römischem Gesetz entsprechend außerhalb des geschlossenen Siedlungsbereichs lagen an den Ausfallstraßen die Gräberfelder, die im Westen auf dem KönigshügelGräberfeld Königshügel weitläufig um und im Osten auf einem Eckgrundstück an der Miriamhilfstraße/AlexanderstraßeGräberfeld Miriamhilfstraße/Alexanderstraße bei identifiziert wurden. Entgegen langjähriger Vermutungen hat sich der Siedlungsbereich in der Spätantike offenbar im vierten Jahrhundert noch nicht verkleinert, wie es in anderen römischen Siedlungen des Rheinlands geschah, sondern erst im fünften Jahrhundert. Wohl ist während der Reichskrise des 3. Jahrhunderts auf dem Markthügel eine Befestigung errichtet worden (siehe weiter unten im Abschnitt Spätrömische Befestigung).
Im Herbst 2014 wurde im Rahmen von Kanalisationsarbeiten an der Nordwestseite des „Hofs“, in Höhe der Einmündung der „Romaneygasse“ ein Inschriftenstein gefunden und 2016 entziffert.Fundort trajanischer Inschriftenstein bei Der Stein war zwar beschädigt, der wesentliche Teil der Inschrift konnte aber rekonstruiert werden:
Die Inschrift ist mehr als außergewöhnlich, impliziert sie doch, dass der Kaiser, vermutlich in seinen frühen Regierungsjahren, den Bau eines nicht bestimmbaren Gebäudes angeordnet und bezahlt hat, was normalerweise nur bei militärischen Anlagen geschah. Möglicherweise steht sie im Kontext umfangreicherer Baumaßnahmen im Stadtzentrum (Errichtung der Büchelthermen, Anlage des Forums), die wiederum Bestandteil eines provinzweiten, trajanischen Bauprogramms (Straßenbau, Gründung der Colonia Ulpia Traiana) waren. Das unmittelbare Fundgebiet liegt im Bereich einer Portikus, die wohl die nordwestliche Begrenzung des dort vermuteten Forums bildete. Der nördliche Eingang des Forums war von einer weiteren, 7,10 m hohen Portikus geschmückt, die auf einem zweistufigen Stylobat stand. Das Stylobat wurde teilweise archäologisch ergraben und am Standort mit vier aufgehenden Säulen Korinthischer Ordnung rekonstruiert. Zum Dekor gehörten Blattkapitelle mit einer profilierten Archivolte sowie Pflanzen- und Schildreliefs im Stil kleinasiatischer Baukunst. Dagegen sprechen die Kapitelle mit wiegenförmigen Hüllblatt-Kelchen für eine lokale Anfertigung. Aufgrund stilistischer Merkmale wird die Portikus an das Ende des 2. / den Anfang des 3. Jahrhunderts datiert. Zwischen den 3,50 m breiten Säulenstellungen öffneten sich Ladenlokale zur Wandelhalle hin. Bei den begleitenden Raumfluchten der Ost- und Westseite könnte es sich um Tabernae gehandelt haben. Die Abmessungen des gesamten Forumsbereichs, der zugleich auch ein sakraler Bezirk gewesen sein könnte, dürften sich auf 65,50/67,50 m mal rund 81,00 m belaufen und damit 5265 m² bis 5467,5 m² umfasst haben.Andreas Schaub: Aachen in römischer Zeit aus archäologischer Sicht. Versuch einer Neubewertung. In: Raban von Haehling, Andreas Schaub (Hrsg.): Römisches Aachen. Archäologisch-historische Aspekte zu Aachen und der Euregio. Schnell & Steiner, Regensburg 2013, ISBN 978-3-7954-2598-2, S. 131–205, hier: S. 177–180. (Siehe auch weiter unten im Abschnitt Kultbezirke.)