mini|Matilda Kschessinskaya als Nikiya in La Bayadère (ca. 1900–1903) mini|Natalia Matsak in La Bayadère, National Oper der Ukraine, 2014
La Bayadère oder Die Tempeltänzerin (russisch: Баядерка = „Bajaderka“) ist ein Großes Ballett (Grand Ballet), das zum ersten Mal 1877 in Sankt Petersburg aufgeführt wurde. Die Musik komponierte Léon Minkus, das Libretto verfassten der Choreograf Marius Petipa und Sergei Khudekov. La Bayadère, auf der Website der Marius Petipa Society (englisch; Abruf am 17. Dezember 2020) In der im Alten Indien angesiedelten Handlung sind Exotik und romantische Poesie verbunden, daher wird es auch als „Giselle des Orients“ bezeichnet.
La Bayadère genießt einen fast legendären Status unter Kennern und wird auch manchmal als „heiliges Ballett“ angesehen.„...this ‘holy’ ballet which has always been popular with audiences and loved by dancers.“. Siehe den Abschnitt: La Bayadère’s Destiny After Petipa, in: Violeta Mainiece: La Bayadère, Informationen auf der Website des Bolschoi-Theaters, Moskau (englisch; Abruf am 19. Dezember 2020) Der berühmteste Teil ist das „Königreich der Schatten“ im 3. Akt (auch „Schattenszene“ oder „Schattenakt“ genannt), das traditionell als Ballet blanc inszeniert wird.
Die sehr ausdrucksvolle und melodiöse Ballettmusik von Minkus gilt als dessen Meisterwerk. Die Orchester-Partitur wurde nicht veröffentlicht, und das Original-Manuskript wurde erst 2002 von Sergei Vikharev und Pavel Guerchenzon in den Archiven des Mariinski-Balletts aufgefunden. La Bayadère, Informationen zur Version von Rudolf Nurejew (1992) auf der Website der The Rudolf Nurejew Foundation (englisch; Abruf am 17. Dezember 2020)
Personen mini|hochkant|Matilda Kschessinskaya und Pavel Gerdt im Schattenakt von La Bayadère (um 1900) Nikiya, die Bayadere Solor, edler Krieger Madhavaya, ein Fakir der Oberste Brahmane Dugmanta, der Radscha Gamzatti, Tochter des Radscha, Verlobte von Solor drei Schatten (seit dem 20. Jahrhundert auch: das goldene oder bronzene Idol, ein Solotänzer)
Tempeltänzerinnen, Fakire, Yogis, Pilger, Freundinnen von Gamzatti, Diener, Sklaven und Sklavinnen, Schatten, Hochzeitsgäste u. a.
Handlung und Aufbau Die Handlung spielt im alten Indien. Im Mittelpunkt steht die Liebe zwischen der „Bayadère“ Nikiya und dem Krieger Solor. Die folgende Inhaltsangabe basiert auf dem Original-Libretto, wie es von der Marius Petipa Society veröffentlicht wurde. Originallibretto von La Bayadère auf der Website der Marius Petipa Society (englisch; Abruf am 17. Dezember 2020) Man beachte, dass viele moderne Inszenierungen bereits nach dem berühmten Reich der Schatten (3. Akt) enden! Nur in Einzelfällen wird der 4. Akt in der angegebenen Form aufgeführt (u. a. Ratmansky-Version Berlin 2018).
1. Akt mini|hochkant=1.3|Matilda Kschessinskaya als Nikiya und das Corps de Ballet des Mariinski-Theaters in Akt 1,1 (1901) 1. Szene: Vor einem indischen Tempel inmitten des Waldes; im Hintergrund der Himalaya.
Der edle Kshatriya-Krieger Solor ist mit seinen Gefährten auf Tiger-Jagd. Nachdem die anderen Jäger verschwunden sind, bleibt er allein vor dem Tempel zurück und bittet den Fakir Madhavan, ein Treffen mit der Tempeltänzerin Nikiya zu arrangieren.
Nachdem Solor gegangen ist, erscheint der Oberste Brahmane mit einem Gefolge von Mönchen, Sehern, Priestern und Gurus, um feierliche Zeremonien zu Ehren des Heiligen Feuers abzuhalten. Nachdem auch die Devadasis (Tempeltänzerinnen) aufgetreten sind, erscheint schließlich die verschleierte Nikiya, die heiligste der Tempeltänzerinnen. Sie beginnt um das heilige Feuer zu tanzen.
Der Brahmane gesteht Nikiya heimlich seine Liebe, aber sie weist ihn zurück. Als Nikiya dem Fakir Madhavan etwas Wasser vom heiligen Brunnen zu trinken gibt, überbringt dieser ihr eine Botschaft von Solor.
Nach Beendigung der heiligen Rituale ziehen sich alle in den Tempel zurück. Bei Mondschein treffen sich Solor und Nikiya und schwören sich vor dem heiligen Feuer ewige Liebe. Dabei werden sie heimlich vom Obersten Brahmanen beobachtet, der voller Eifersucht schwört, sich an Solor zu rächen.
2. Szene: Halle im Palast des Radscha
Der Radscha Dugmanta teilt seiner Tochter Gamzatti und Solor mit, dass ihre von Kindheit an geplante Hochzeit nun bald stattfinden werde. Solor versucht zu widersprechen, kann sich aber gegen die herrischen Befehle des Radschas nicht durchsetzen. Als dieser ihm Gamzatti vorstellt und ihren Schleier lüftet, ist Solor zwar von ihrer Schönheit beeindruckt, muss jedoch zugleich an Nikiya und seinen Schwur denken.
Solor zieht sich zurück, als der oberste Brahmane erscheint. Dieser berichtet dem Radscha, dass Solor die heilige Bayadère Nikiya liebt und sich heimlich und verbotenerweise nachts mit ihr trifft. Der Radscha ist empört und sinnt danach, Nikiya aus dem Wege zu räumen. Der Brahmane ist entsetzt, als er davon hört und versucht Dugmanta zu überzeugen, dass sie die Götter gegen sich aufbringen, wenn sie die Tempeltänzerin umbringen; aber der Radscha ist fest entschlossen.
Gamzatti hat die beiden heimlich belauscht und schickt nach Nikiya. Als diese erscheint, konfrontiert Gamzatti sie mit dem Bild ihres zukünftigen Gemahls. Als die Bayadère ihren Solor erkennt, gesteht sie der Prinzessin, dass sie ihn liebe und dass er ihr ewige Liebe geschworen habe. Zwischen den Frauen kommt es zu einem heftigen Streit, währenddessen Nikiya die Prinzessin im Affekt mit einem Dolch bedroht. Sie flieht in großer Verzweiflung.
2. Akt mini|hochkant=1.3|Szenenfoto aus La Bayadère, Akt 2 (1900) 3. Szene: Palastgarten mit der Pagode von Megatshada und dem Himalaya im Hintergrund.
Während des prunkvollen Verlobungsfestes von Gamzatti und Solor erscheint auch der Oberste Brahmane mit der verschleierten Nikiya. Der Tanz der Bayadère ist von großer Traurigkeit und Verzweiflung über Solors Treuebruch erfüllt. Gamzatti lässt Nikiya über eine Dienerin einen angeblich von Solor gesendeten Korb mit Blumen überreichen. Doch in dem Korb ist eine Schlange verborgen! Die ahnungslose Nikiya wird mitten in ihrem Freudentanz über das Geschenk von der Schlange gebissen und bricht zusammen. In einem Rettungsversuch reicht ihr der Brahmane ein Gegengift, doch die Tänzerin weist es zurück. Sie stirbt in Solors Armen und erinnert ihn noch einmal an seinen Liebesschwur.
3. Akt 4. Szene: Solors Gemach
Solor ist außer sich vor Schmerz über den Tod Nikiyas. Versuche des Fakirs und von Gamzatti, ihn aufzuheitern, misslingen. Solor betäubt sich mit Opium. mini|Szenenfoto aus dem Schattenakt
5. Szene: Im Königreich der Schatten
In einer Vision begegnet er Nikiya im Reich der Schatten. Sie tanzen miteinander. Nikiya erinnert ihn an seinen heiligen Liebesschwur, und dass er im Jenseits glücklich mit ihr werde, wenn er ihn einhalte.
(In vielen modernen Inszenierungen endet das Ballet an dieser Stelle !)
6. (= 4.) Szene: Solors Gemach
Als Solor erwacht, bringen die Diener des Radschah bereits Hochzeitsgeschenke für Solor; dieser folgt ihnen wie in Trance.
4. Akt 7. Szene: Im Tempel
Das Hochzeitsfest für Solor und Gamzatti beginnt. Während der Tänze sieht Solor den Geist Nikiyas. Als vier Mädchen der Braut einen Blumenkorb als Geschenk darbieten, weicht Gamzatti schaudernd zurück, in Erinnerung an ihren Mord an Nikiya, die ihr auch prompt erscheint. Gamzatti flüchtet entsetzt in die Arme ihres Vaters, der den Befehl zum Beginn der Zeremonie erteilt. Als der Oberste Brahmane die Hände des Hochzeitspaares nimmt, um die Trauung zu vollziehen, verdunkelt sich der Himmel, und es beginnt zu blitzen und zu donnern. In einem schrecklichen Erdbeben, in dem sich der Zorn der Götter entlädt, stürzt der Tempel zusammen und begräbt Alle unter seinen Trümmern.
Apotheose
Am Ende schweben die Seelen von Nikiya und Solor vor der Bergkulisse des Himalaya ins Nirwana.
Geschichte
Entstehung und Uraufführung In der Romantik waren der Orient und die exotische Figur der indischen Tempeltänzerinnen oder „Bajaderen“ ein beliebtes Thema, das vor Petipa und Minkus bereits unter anderem Filippo Taglioni behandelte, dessen Ballett Le Dieu et la Bayadère 1830 in Paris uraufgeführt worden war.Abschnitt History in: La Bayadère, auf der Website der Marius Petipa Society (englisch; Abruf am 17. Dezember 2020) Die Faszination an diesem Thema bekam besonderen Aufwind, nachdem 1838 eine Gruppe echter Tänzerinnen aus Indien mit der Solotänzerin Amani in Paris zu Gast waren, die von Théophile Gautier beschrieben wurden.Laut Guest war dies 1839. Ivor Guest: „La Bayadère“, Booklettext, S. 16, zur CD-Einspielung: Léon Minkus: La Bayadère (Orchestrierung: John Lanchbery), English Chamber Orchestra, Dir.: Richard Bonynge (1994/2012; Decca) Als ein mögliches direktes Vorbild für La Bayadère wird manchmal das Ballett Sacountalâ vermutet, das am 14. Juli 1858 in der Pariser Oper von Petipas Bruder Lucien Petipa auf die Bühne gebracht wurde, und auf einem Stück des indischen Poeten Kalidasa basierte.
La Bayadère hatte ursprünglich vier Akte und sieben Bilder mit Apotheose. Petipa brauchte fast sechs Monate für die aufwendige Inszenierung, deretwegen die Eintrittspreise extra erhöht wurden (höher als für die italienische Oper, die bereits sehr teuer war!).
mini|hochkant=0.7|rechts|Ekaterina Vazem als Nikiya in La Bayadère, 1877 Das Ballett erlebte seine Uraufführung am im kaiserlichen Bolschoi-Kamenny-Theater in St. Petersburg – nur wenige Wochen vor der Moskauer Premiere von Tschaikowskys damals weniger beachtetem Schwanensee. Die Titelrolle der Tempeltänzerin Nikiya wurde für die Primaballerina Ekaterina Vazem geschaffen, zu deren Gunsten auch die Einnahmen der Premiere gingen. In den anderen Hauptrollen tanzten Lev Ivanov als Solor, Maria Gorshenkova als Hamsatti (sic!), Nikolai Goltz als Höchster Brahmane und Christian Johansson als Radschah.Siehe Original 1877 Cast, in: La Bayadère, auf der Website der Marius Petipa Society (englisch; Abruf am 17. Dezember 2020) Allein in der Verlobungsszene des 2. Aktes traten 230 Tänzer und Statisten auf,Ivor Guest: „La Bayadère“, Booklettext, S. 17, zur CD-Einspielung: Léon Minkus: La Bayadère (Orchestrierung: John Lanchbery), English Chamber Orchestra, Dir.: Richard Bonynge (1994/2012; Decca) und in der berühmten Szene des Schattenreichs im 3. Akt tanzten 64 Tänzerinnen (heute nur 32 !) – was bedeuten könnte, dass die Arabesque penchée-Bewegungen beim berühmten Eintritt schneller ausgeführt wurden als heute.Siehe The Kingdom of the Shades, in: La Bayadère, auf der Website der Marius Petipa Society (englisch; Abruf am 17. Dezember 2020)
La Bayadère war ein großer Erfolg, der Schlussapplaus am Ende der Premiere soll über eine halbe Stunde gedauert haben. La Bayadère Ballet in three acts, Informationen zur Produktion am Bolschoi-Theater, Moskau (englisch; Abruf am 19. Dezember 2020) Die Hauptdarstellerin Ekaterina Vazem wurde durch das Geschenk einer Brosche mit Rubinen und Diamanten geehrt und erhielt Blumen von der berühmten Opernsängerin Adelina Patti überreicht. La Bayadère wurde das Lieblingsballett der Vazem, die später erklärte:
mini|hochkant=0.6|links|Vera Trefilova in der „Danse Manu“ in La Bayadère, 1900