Die Kunstgewerbe- und Handwerkerschule Magdeburg war eine bedeutende und traditionsreiche Kunstgewerbeschule in Magdeburg. mini|Eingang zur ehemaligen Kunstgewerbe- und Handwerkerschule

Geschichte Zeichenschule Die Gründung der Schule geht auf das Jahr 1793 zurück. Regierungsrat Wilhelm Vangerow eröffnete am 6. Oktober 1793 im Saal des freiwilligen Arbeitshauses im Magdeburger Breiten Weg eine Zeichenschule. Die Aufsicht über die als Kunstschule firmierende Einrichtung übte eine Gesellschaft patriotischer Männer ohne Unterschied des Standes aus, die durch Vangerow geleitet wurde.

Als Ziel hatte die Gesellschaft formuliert: „den vaterländischen Kunstfleiß zu befördern und auf Manufacturen und Gewerbe den wichtigen Einfluß“ auszuüben, damit „einheimische Künstler mit geschmackvollen Arbeiten jeder Art, den Auswärtigen nicht ferner nachstehen“.

Ab 1794 erhielt die Schule einen bescheidenen staatlichen Zuschuss. 1796 durfte sie dann bereits, nach Anerkennungen durch die Regierung und die Berliner Akademie den Titel Königlich Magdeburgische Provinzial-Kunstschule führen. Die Schule war als Sonntags- bzw. Abendschule tätig.

Ziel war die auf die gewerbliche Praxis bezogene Darstellung geschmackvoller Gegenstände des täglichen Gebrauchs, wobei nach der Ansicht der damaligen Zeit nicht der eigene Entwurf im Vordergrund stand, sondern die Nachahmung der insbesondere von der Berliner Akademie empfohlenen Vorschläge und Zeichnungen.

Die Schule erhielt schnell überregionale Anerkennung. 1797 wurde von Vangerow zum Ehrenmitglied der Berliner Akademie ernannt. Arbeiten von Schülern der Schule wurden von der Akademie regelmäßig prämiert. 1798 gelang die Verpflichtung von Johann Adam Breysig als Lehrer. Breysig, der als Erfinder des Panoramas gilt, ergänzte den bis dahin reinen Zeichenunterricht mit handwerklichen Tätigkeiten. Modellieren, aber auch Form- und Holzschneiden waren Unterrichtsbestandteil, wobei wohl außer Breysig, der die Schule 1802 in Richtung Danzig verließ, zunächst kein weiterer Lehrer handwerkliche Komponenten in den Unterricht einbezog. Die Einführung beruhte auf einer Reform des Lehrplans im Jahr 1800. Die preußischen Kunstschulen sollten stärker in das Baufach integriert werden. Diese Reform schlug sich auch in der Benennung der Schule nieder. 1801 heißt sie Provinzial- Kunst- und Handwerks-Schule, später nach den Befreiungskriegen dann Provinzial- Kunst- und Baugewerks-Schule.

Von 1807 bis 1817 war der Zeichner und Kupferstecher Johann Friedrich Klusemann als Erster Lehrer tätig. Erwähnenswert ist auch der spätere bekannte Porträtmaler Carl Sieg, der Schüler der Schule war.

1832 war Magdeburg einer Cholera-Epidemie ausgesetzt. In dieser Zeit gab es Pläne die Schule ganz zu schließen. Bis in die 1850er Jahre hatte sich die Institution jedoch erholt. Mit 350 Schülern war sie eine der schülerreichsten Kunstschulen Preußens.

Mit dem Aufkommen der Industriegesellschaft änderten sich auch die Anforderungen an die Gestaltung. Zur Hebung des gestalterischen industriellen Standards, der in Deutschland hinter dem Niveau anderer Industrienationen wie Frankreich oder Großbritannien zurücklag und zur Förderung des Handwerks, wurde die Einrichtung gewerblicher Zeichenschulen gefordert. Am 1. Oktober 1871 wurde die zu diesem Zeitpunkt als Kunst- und Baugewerks-Schule bezeichnete Schule dementsprechend reorganisiert. Die neue Firmierung lautete Vereinigte Provinzial- Kunst- und gewerbliche Zeichenschule. Der Unterricht wurde intensiviert. 1876 wurde in der Brandenburger Straße Nr. 10 in Magdeburg ein neu errichtetes Schulgebäude bezogen. mini|Gebäudekomplex der Schule in der Brandenburger Straße

Kunstgewerbe- und Handwerkerschule Die Schule war aber immer noch als Sonntags- und Abendschule ausgerichtet. Das Ministerium für Handel und Gewerbe drängte die Stadt Magdeburg, die Schule erneut zu reformieren und insbesondere Tagesklassen für kunstgewerblichen Unterricht speziell für Dekorationsmaler einzuführen. Vergleichbares war 1868 bereits in Wien und Berlin eingerichtet worden. So wurde dann am 9. Oktober 1887 mit dem neuen Namen Kunstgewerbe- und Handwerkerschule eine neue Reform eingeführt.

Direktor wurde der Ingenieur Eduard Spieß. Die Schule erlebte eine Zeit großer Veränderungen. Statt der zunächst geplanten 280 Schüler besuchten 1892 bereits deutlich mehr als 1000 Schüler, nach anderen Angaben sogar ungefähr 1500 SchülerGerd Kley in Magdeburger Biographisches Lexikon, Magdeburg 2002, S. 694., den Unterricht. Der starke Anstieg der Schülerzahlen bei gleichzeitiger Reform der Schule und Anwerbung neuer Lehrkräfte erforderte große organisatorische Anstrengungen. Mehrfach musste sich der Direktor wegen des Schuletats mit Ministerium und Regierungspräsidium auseinandersetzen, laufend mussten neue Räumlichkeiten gesucht und Arbeitsmaterialien beschafft werden. 1892 verließ der als Organisationstalent bezeichnete Spieß die Schule. Sein Nachfolger wurde, nachdem Adolf Rettelbusch die Leitung kommissarisch übernommen hatte, 1892 Ferdinand Moser, der auch ein erstes schriftliches Programm der Schule erstellte. Schwerpunkt war auch hier noch die Ausbildung von Lehrlingen und Gehilfen in den Abend- und Sonntagskursen. Gestalterische und pädagogische Fragen wurden im Programm kaum angesprochen. Die Tagesklassen für Maler, Bildhauer, Tischler, Schlosser und sonstige Gewerbetreibende nahmen nur ein Achtel des Stundenplans ein. mini|Rettelbusch, Selbstbildnis, Öl auf Pappe, 1925

Es gab sowohl praktische Übungen als auch theoretischen Unterricht. Der Schwerpunkt bei den praktischen Übungen lag weiterhin im Zeichenunterricht. Es gab jedoch je nach Ausbildungsrichtung auch Gipsschneiden und Holzschnitzen, Modellieren mit Ton, Wachs oder Plastilin, Gipsguss und Malen mit Temperafarben, Wasserfarben oder Leimfarben. Die Arbeiten erfolgten meist im Stil des Historismus. Vereinzelt deuteten sich modernere Formen an.

Der theoretische Unterricht fand in den Abendstunden statt. Es wurden die Fächer Geometrie, Algebra, Perspektive, Schattenkonstruktion, Mechanik und kunstgewerbliche Formenlehre unterrichtet.

Der Tagesunterricht wurde von den zahlenmäßig wenigen hauptamtlichen Lehrern gegeben. Die Unterrichtsstunden am Sonntag und den Abendstunden wurden von vielen nebenamtlichen Lehrern gehalten. Bekanntere Lehrer in dieser Zeit waren der Architekt Carl Skomal, der bis 1915 als Lehrer tätige Bildhauer Carl Wegner, der Architekt Richard Dorschfeldt und der später als Brockenmaler bekannt gewordene Adolf Rettelbusch. Rettelbuschs Klasse gelangen in Ausstellungen und Beurteilungen größere Erfolge.

Die örtliche Handwerkerschaft stand der Schule kritisch gegenüber. Dies sowohl aus Furcht vor einer in dieser Institution entstehenden Konkurrenz, aber auch aus der Ablehnung des Theoretischen und Künstlerischen selbst.

Reform unter Emil Thormälen ab 1897 1897 übernahm Emil Thormählen das Amt des Direktors. Er reformierte die Ausbildung auch im Sinne der Werkbundbewegung und führte Lehr- und Versuchswerkstätten ein. Er strebte die Entwicklung zu einer Hochschule für Gestaltung an. Dieser erst viel später mit dem Bauhaus tatsächlich umgesetzte Ansatz, ließ sich jedoch nicht durchführen. Ministerium und Stadt strebten jedoch immerhin das Model einer kunstgewerblichen Fachschule mit nach oben unbegrenztem Ausbildungsniveau an. Ein Wechsel an eine Hochschule sollte unnötig sein. mini|hochkant|Bernardellis Kronleuchter wurde 1904 in St. Louis gezeigt Der kunstgewerbliche Unterricht wurde von Thormählen deutlich gegenüber dem handwerkschulischen Unterricht gestärkt. Für das Kunstgewerbe gab es nun einen vorbereitenden Unterricht in Zeichenklassen, darüber hinaus Fachklassen oder Fachabteilungen und Werkstätten. Ergänzt wurde dies mit Vortragsunterricht, der Fächer wie Stillehre, Kunstgeschichte oder Anatomie umfasste.

Thormählen bemühte sich stark, jedoch nur mit begrenztem Erfolg, um eine Erweiterung des Raumangebots der Schule. Es bestanden nur Werkstätten für Keramik, Druck und Textil.

Die Keramikwerkstatt und die Klasse für Keramik waren seit 1901 miteinander verbunden. Erster Leiter war Hans von Heider. Sein Nachfolger wurde 1906 sein Bruder Fritz von Heider. 1905 wurde die Abteilung für Innenraum und Gestaltung geschaffen, die von Albin Müller geleitet wurde. Müller hatte zuvor Zeichnen gegeben und dann eine Entwurfsklasse für Metall- und Bildhauerarbeiten geführt. Später übernahm der Architekt Rudolf Rütschi die Abteilung.

Die Abteilung für Buchdrucker und Lithografen wurde ab dem 1. April 1902 von Paul Bürck geführt, der sie trotz seiner bereits 1903 wieder beendeten Tätigkeit stark prägte. Sein Nachfolger wurde Ferdinand Nigg, der neben der Fachklasse für das Buchgewerbe ab 1905 auch die Textilabteilung übernahm. Die Textilabteilung verfügte seit 1904 über eine eigene Werkstatt für Handweberei und Stickerei.

Der Zeichenunterricht blieb ein Schwerpunkt der Schulausbildung. Es gab sowohl Technisches Zeichnen als auch freies Zeichnen, von freien Pinselübungen bis zum zeichnerisch streng korrektem Körper- und Gerätezeichnen. Paul Bernardelli legte besonderen Wert auf das Zeichnen von Pflanzen. 1905 kam das Zeichnen von Tieren hinzu. Natürliche Formen und Farben sollten so in die Ausbildung und Gestaltung einfließen. Andere Lehrer, so Ferdinand Nigg, legten Wert darauf, dass ihre Schüler auch den Unterricht Bernardellis besuchten.

Im Zuge der Reformen Thormälens nahm die künstlerische Qualität, die überregionale Ausstrahlung und die beachteten Erfolge der Schule stark zu. Bemerkenswert ist der Erfolg auf der Louisiana Purchase Exposition, der Weltausstellung in St. Louis 1904. Ein für die Magdeburger Pauluskirche geschaffener Kronleuchter (nach Entwurf von Paul Bernardelli) und die Ausstattung eines Direktorenzimmers mit 122 Einzelpositionen (Albin Müller, Hans von Heider, Fritz von Heider, Paul Lang-Kurz und Paul Bürck) erhielten einen Grand Prix. Auch die auf der III. Deutschen Kunstgewerbeausstellung in Dresden 1906 gezeigten Arbeiten fanden große Beachtung. Die Arbeiten der Lehrer Albin Müller, Ferdinand Nigg, Paul Dobert und Fritz von Heider erhielten Auszeichnungen.

Der Maler Ernst Hoffmann (* 1878) bemühte sich ab 1907 um die Pflege einer künstlerischen Schrift. Etwa ab dieser Zeit wurde auch besonderen Wert auf das Zeichnen aus dem Gedächtnis gelegt. Thormälen und Paul Bernardelli wechselten 1911 an die Kölner Kunstgewerbeschule (die späteren Kölner Werkschulen). 1912 folgte ihnen Ferdinand Nigg. 1910 wurde die bis dahin bestehende Raumnot durch die Fertigstellung eines Neubaus gemildert. Auch folgten ab 1910 die Neueinrichtungen der Werkstätten für Metallarbeit und Dekorationsmalerei. Die übrigen Werkstätten wurden verbessert. mini|Gedenktafel für Erich Weinert an der Fassade

Schule unter der Leitung Rudolf Bosselts ab 1911 Am 6. Mai 1911 wurde Rudolf Bosselt, bekannt als Erneuerer der Medaillenkunst, Direktor der Schule. Er führte Reformen in der künstlerischen Ausbildung ein. So schuf er zwei Klassen für allgemeine künstlerische Vorbildung. Gleich zu Beginn der Ausbildung sollten die Schüler durch selbstgestellte und erteilte Aufgaben sich für ein späteres Spezialfach orientieren können. Bosselt wollte so vermeiden, dass in der Anfangszeit die Schüler von der produktiven Tätigkeit abgeschnitten sind und ihnen die Möglichkeit geben mit Materialien zu arbeiten. Die Leitung der Klassen erfolgte durch Franz Fiebiger und Bernhard Albers. Ergänzt wurde der Unterricht durch Zeichenunterricht, sowie das Modellieren und Schriftzeichnen. Die Betonung des Tier- und Pflanzenzeichnens verschwand. Bosselt bevorzugte die Arbeit am Gipsmodell. Die Gewinnung von Ornamenten aus der Stilisierung von Pflanzen lehnte Bosselt ab und trat für eine subjektive Umsetzung der Form ein, „die bis zur völligen Vernichtung jeder Ähnlichkeit mit der Ausgangsform“Norbert Eisold, Kunstgewerbe- und Handwerkerschule, S. 28. führen konnte.