mini|350px|Die hölzerne Synagoge in Wolpa bei Grodno; erbaut 1643, niedergebrannt 1942 Die Geschichte der Juden in Litauen geht bis ins frühe Mittelalter zurück. Litauen wird im Folgenden nicht als politisches Territorium, sondern als Kulturraum verstanden. Die ersten Juden waren wahrscheinlich von Südosten ins Gebiet des späteren Großfürstentums Litauen eingewandert.Herman Rosenthal: Origin of Lithuanian Jews Artikel „Lithuania“ in: Jewish Encyclopedia, Band 8, New York/London 1904, S. 119 (englisch). Abgerufen: 28. Januar 2010 In bedeutend größerer Zahl wanderten aschkenasische Juden ab Ende des 11. Jahrhunderts infolge der Judenverfolgungen während der Zeit der Kreuzzüge und der großen Pest sowie zahlreicher lokaler Massaker und Vertreibungen aus deutschsprachigen Gebieten ostwärts zuerst in die slawischen und dann auch in die baltischen Länder ein. Die zumeist religiös toleranten polnischen und litauischen Herrscher förderten die Ansiedlung jüdischer Einwanderer, deren Kenntnisse und Kontakte für die wirtschaftliche Entwicklung ihrer Länder von großem Nutzen waren. Nicht nur im Königreich Polen, sondern auch im aus der Personalunion von Litauen und Polen als Teil der Realunion verbleibenden Großfürstentum Litauen, das mit dem in der jüdischen Kulturgeschichte als „Litauen“ (hebräisch „Lita“ oder „Lito“, jiddisch „Lite“) bezeichneten Gebiet weitgehend übereinstimmt, wuchs die Zahl der jüdischen Bevölkerung und der jüdischen Gemeinden, denen eine weitgehende Autonomie in inneren Angelegenheiten zugestanden wurde. Im 17. und 18. Jahrhundert entwickelte sich das Großfürstentum Litauen allmählich zu einem der Zentren des Ostjudentums mit Wilna, das als „Jerusalem Litauens“ oder „Jerusalem des Nordens“ bezeichnet wurde, als seinem Mittelpunkt und bildete die Grundlage dessen, was sich im 19. Jahrhundert bis zum Zweiten Weltkrieg zu einer typisch litauisch-jüdischen Kultur und Gelehrsamkeit entfaltete.
Vor der deutschen Besatzung während des Zweiten Weltkrieges lebten mehr als eine Million Juden auf dem Gebiet des historischen Litauens, verteilt auf sechs Staaten: Lettische SSR: 94.000, Litauische SSR: 147.000, Polen: 505.000, Russische SFSR: 4000, Weißrussische Sozialistische Sowjetrepublik: 375.000, Ukrainische SSR: 32.000. Mehr als 90 % von ihnen wurden während der deutschen Besatzung von Deutschen und ihren lokalen Helfern ermordet.Dovid Katz: Lithuanian Jewish Culture. Vilnius 2004, S. 22 ff. und 323 (englisch)
Älteste Spuren um 1000 Bis in die moderne Literatur verweisen Historiker auf eine Bemerkung des Missionars und Bischofs Adalbert von Prag über jüdische Sklavenhändler angeblich bei den Liutizi für das Jahr 997, doch bezieht sich die fragliche Stelle eindeutig auf Böhmen.Leo Rosenberg: Die Juden in Litauen: Geschichte, Bevölkerung und Wirtschaft, politische Forderungen. In: Verl. der Neuen Jüdischen Monatshefte, 1918. Vgl. https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/freimann/content/pagetext/727798?lang=en. In der Vita S. Alberti Episcopi (Johannes Canaparius zugeschrieben) heißt es in c. 12 über eine enttäuschende Erfahrung Adalberts: ... propter captivos et mancipia christianorum, quos mercator Iudaeus infelici auro emerat emptosque tot episcopus redimere non potuit. [... Gefangene und Sklaven der Christen, die ein jüdischer Kaufmann mit unglückbringendem Gold gekauft hatte und die in solcher Anzahl der Bischof nicht zurückkaufen konnte].
In der Sancti Adalberti episcopi Pragensis vita altera (Brun von Querfurt zugeschrieben) heißt diese Stelle in c. 11: Mancipia christiana perfidis et Iudaeis vendebant. Beide Aussagen werden etliche Kapitel vor der Mission zu den Liutizi (Litauer) getroffen. Adalbert hielt sich im Ostseeraum nur wenige Tage auf. Es geht zuvor um den Sklavenhandel in Böhmen.Dovid Katz: Lithuanian Jewish Culture. Vilnius 2004, S. 51 (englisch) online Dagegen Lutz von Padberg: Christianisierung im Mittelalter, 2006, S. 141. In Eishyshok, litauisch Eišiškės, einer kleinen Stadt südlich von Wilna, wurden jüdische Grabsteine gefunden, die bis ins späte 11. Jahrhundert zurückgehen. Der Historiker Abraham Harkavy vertrat die Auffassung, dass Juden, möglicherweise Karäer, aus Babylonien und anderen Gebieten des Vorderen Orients im 9. und 10. Jahrhundert nach Litauen eingewandert sind. Sowohl Harkavy als auch andere Historiker halten es für wahrscheinlich, dass sich Juden aus dem Chasarenreich nach dessen Untergang ab dem 10. Jahrhundert in den befestigten Städten Litauens als internationale Händler niederließen, insbesondere in Grodno, Kowno, Minsk und Pinsk. Sie standen als servi camerae regis unter dem Schutz der Fürsten.Masha Greenbaum: The Jews of Lithuania. A history of a remarkable community, 1316–1945. Jerusalem 1995, S. 2f. (englisch), ISBN 965-229-132-3. Simon Dubnow und mit ihm die Mehrzahl der Historiker gehen davon aus, dass Juden erstmals infolge des ersten Kreuzzuges Ende des 11. Jahrhunderts aus deutschsprachigen Gebieten nach Litauen eingewandert sind. Auf Dauer sesshaft wurden Juden im Großfürstentum Litauen jedoch wahrscheinlich erst in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts. Großfürstentum Litauen Aufstieg zur Großmacht miniatur|Großfürstentum Litauen und Königreich Polen, 15. J.h.Gelb: Großfürstentum Litauen Der Legende nach soll bereits Großfürst Gediminas den Juden Litauens kurz nach 1320, zur Zeit der Gründung der Stadt Wilna, ein Privileg erteilt haben. Die ältesten belegten Privilegien sind die des Großfürsten Vytautas von 1388 für die Juden von Brest-Litowsk und Trakai, der vormaligen Hauptstadt Litauens, die sich an ältere polnische Vorbilder halten.Herman Rosenthal: The Charter of 1388 Artikel „Lithuania“ in: Jewish Encyclopedia, Band 8, New York/London 1904, S. 119 (englisch). Abgerufen: 28. Januar 2010 Im Jahr danach erteilte Vytautas den Juden von Grodno ein außergewöhnlich umfassendes Privileg, das Eigentum, Freizügigkeit und freie Religionsausübung garantierte. Aus dem Privileg geht hervor, dass die Juden seit längerem in der Stadt gelebt hatten, Land besaßen und in zahlreichen Wirtschaftszweigen tätig waren, dass sie als Handwerker und Händler die gleichen Rechte wie die Christen hatten und eine Synagoge und einen eigenen Friedhof besaßen. Die Juden bildeten im Großfürstentum Litauen, im Unterschied zu Polen, demnach bereits zu diesem Zeitpunkt einen „dritten Stand“, der wirtschaftlich den christlichen Städtebewohnern gleichgestellt war.Haim Ben-Sasson, Ezra Mendelsohn, Stefan Krakowski, Isaiah Trunk, Sara Neshamith, David Sfard, Moshe Avidan, Lena Stanley-Clamp: Poland. Artikel in: Encyclopaedia Judaica, Hrsg.: Michael Berenbaum und Fred Skolnik. Band 16, 2. Auflage, Macmillan Reference, Detroit USA 2007, S. 292, online: Gale Virtual Reference Library (englisch). Unter Großfürst Vytautas wurden auch 480 von der Halbinsel Krim stammende Karäerfamilen in Trakai und Panevėžys angesiedelt, die jedoch von den übrigen Juden, deren Zahl auf 6000 geschätzt wird, weitgehend isoliert lebten.
Im 14. und 15. Jahrhundert wuchsen Wohlstand und Einfluss der jüdischen Gemeinden. Es entstand eine wohlhabende russifizierte jüdische Schicht von Händlern, Großgrundbesitzern und Steuereintreibern, die Mehrheit der Juden lebte dagegen in ärmlichen Verhältnissen. 1495 wurden die Juden von Großfürst Alexander aus Litauen ausgewiesen. Die litauischen Juden ließen sich im benachbarten Polen nieder. Nachdem Alexander nach dem Tod seines Bruders die polnische Krone geerbt hatte, durften sie 1503 nach Litauen zurückkehren. Auch die Haltung seiner Nachfolger Sigismund I. und Sigismund II. August gegenüber den Juden war oft widersprüchlich. Im Jahr 1528 wurde den Juden, auf Drängen der städtischen Burger, die Niederlassung und der Handel in Wilna und danach auch in Kaunas von Großfürst Sigismund verboten, der aber gleichzeitig Juden als Steuereinnehmer für beide Städte ernannte und die Privilegien der Juden im Statut von 1529 bestätigte. Im Statut von 1566 wurde Jüdinnen und Juden jedoch das Tragen einer gelben Kopfbedeckung zur Unterscheidung von der christlichen Bevölkerung vorgeschrieben.
Adelsrepublik der polnischen Krone und des Großfürstentums Litauen miniatur|Adelsrepublik der polnischen Krone und des Großfürstentums Litauen.Gelb: Großfürstentum Litauen Durch die von Sigismund II. August geschaffene Lubliner Union vom 12. August 1569 wurde die im 14. Jahrhundert entstandene Personalunion von Litauen und Polen in eine Realunion umgewandelt. Wolhynien, Podolien und die Ukraine wurden von Litauen abgetrennt und wurden polnisch. Das als Großfürstentum Litauen als Teil der Union verbleibende Gebiet, in dem damals 10.000 bis 25.000 Juden gelebt haben dürften, stimmt mit dem in der jüdische Kulturgeschichte als „Litauen“ bezeichneten Gebiet weitgehend überein.Dovid Katz: Karte aus: Projekt: An Atlas of Northeastern Yiddish. Abgerufen: 26. Januar 2010
Lite Es wird jiddisch Lite (ליטא, auch ליטע oder ליטה), hebräisch Lita, in der aschkenasischen Aussprache Lito, genannt und umfasst das heutige Litauen, Lettland, Belarus, Teile des Nordosten Polens, die nördliche und östliche Ukraine und reicht bis nach Russland hinein. Der älteste Beleg für die Bezeichnung Lite findet sich in den Responsen von Israel Isserlein aus Regensburg aus dem 15. Jahrhundert,Herman Rosenthal: Lithuania Artikel „Lithuania“ in: Jewish Encyclopedia, Band 8, New York/London 1904, S. 119 (englisch). Abgerufen: 28. Januar 2010 der Name dürfte jedoch einiges älter sein. Der westliche Teil Litauens wird jiddisch häufig Samet (זאַמעט) (Žemaitija), der östliche Reisen (רייסן) (Reussen) genannt. Die förmliche jüdische Bezeichnung für das Großfürstentum Litauen lautete dagegen hebräisch medinas Lito (מְדִינַת לִיטָא) (Staat Litauen) oder häufiger medinois Lito (Staaten Litauens).
Litwak Die jiddische Bezeichnung für einen Juden aus Litauen ist Litwak (ליטוואק) (Plural: Litwakes), weiblich Litwitschke (Plural Litwitschkes). Der Ausdruck – ursprünglich pejorativ – ist erst im 19. Jahrhundert belegt. Das Adjektiv litwisch bezeichnet insbesondere das litauische Jiddisch, Litwischer, weiblich Litwische (Plural: Litwische), dürfte früher jedoch auch die übliche jiddische Bezeichnung für die litauischen Juden gewesen sein. Nicht-jüdische Litauer werden jiddisch dagegen als Litwiner oder Litwin, weiblich Litwinerin oder Litwinerke bezeichnet.Dovid Katz: Jewish Cultural Correlates of the Grand Duchy of Lithuania, S. 198 ff. (englisch). Abgerufen: 26. Januar 2010
Litwisch miniatur|Zwei Juden beim Studium der Mischna in Pinsk. Fotografie von Alter Kacyzne, erschienen am 19. Oktober 1924 im Forverts, New York