Hedonismus (von ; Wortbildung mit dem Suffix -ismus) im philosophischen Sinne bezeichnet eine Gruppe von Theorien, in denen der Begriff der Lust eine zentrale Rolle spielt.
Laut dem psychologischen Hedonismus zielen all unsere Handlungen darauf ab, die Lust zu erhöhen und Schmerzen zu vermeiden. Der ethische Hedonismus ist die These, dass es von der Steigerung der Lust und der Verringerung des Schmerzes abhängt, was wir tun sollen oder welche Handlung richtig ist. Der axiologische Hedonismus ist die These, dass nur Lust intrinsischen Wert hat. Dem ästhetischen Hedonismus zufolge ist eine Sache genau dann schön, wenn die Wahrnehmung von ihr von interesselosem Wohlgefallen begleitet wird. Im Gegensatz zu dem philosophischen Verständnis wird im alltagssprachlichen Gebrauch mit dem Begriff Hedonismus häufig eine nur an momentanen sinnlichen Genüssen orientierte egoistische Lebenseinstellung bezeichnet. In diesem Sinne wird der Begriff Hedonismus oft abwertend gebraucht und als Zeichen der Dekadenz interpretiert.;
Die Natur der Lust Lust (engl.: pleasure) spielt in allen Formen des Hedonismus eine zentrale Rolle. Lust bezieht sich auf Erfahrung, die sich gut anfühlt, die den Genuss von etwas beinhaltet. Lust steht im Gegensatz zu Schmerz oder Leid, die Formen davon sind, sich schlecht zu fühlen. Diskussionen innerhalb des Hedonismus konzentrieren sich normalerweise mehr auf die Lust, aber als negative Seite ist der Schmerz in diesen Diskussionen ebenso impliziert. Sowohl Lust als auch Schmerz treten in Graden auf und werden als eine Dimension angesehen, die von positiven Graden über einen neutralen Punkt bis zu negativen Graden reicht. Der Begriff „Freude“ (happiness) wird in dieser Tradition häufig verwendet, um den Überschuss von Lust gegenüber Schmerz zu bezeichnen.
In der Alltagssprache wird der Begriff „Lust“ in erster Linie mit Sinnesfreuden wie dem Genuss von Essen oder Sex in Verbindung gebracht. Im allgemeinsten Sinne umfasst er jedoch alle Arten von positiven oder angenehmen Erfahrungen, einschließlich der Freude am Sport, am Anblick eines schönen Sonnenuntergangs oder an einer intellektuell befriedigenden Tätigkeit. Theorien der Lust versuchen zu bestimmen, was all diese angenehmen Erfahrungen gemeinsam haben, was für sie wesentlich ist. Sie werden traditionell in Qualitätstheorien (quality theories) und Einstellungstheorien (attitude theories) unterteilt. Qualitätstheorien gehen davon aus, dass Lust eine Eigenschaft der angenehmen Erfahrungen selbst ist, während Einstellungstheorien besagen, dass Lust in gewisser Weise extern zu der Erfahrung ist, da sie von der Einstellung des Subjekts zu der Erfahrung abhängt.
Die Plausibilität der verschiedenen Versionen des Hedonismus wird dadurch beeinflusst, wie die Natur der Lust verstanden wird. Ein wichtiger Anreiz der meisten Formen des Hedonismus besteht darin, dass sie in der Lage sind, eine einfache und einheitliche Darstellung ihrer jeweiligen Bereiche zu geben. Dies ist jedoch nur möglich, wenn die Lust selbst ein einheitliches Phänomen ist. Dies wurde infrage gestellt, vor allem aufgrund der großen Vielfalt von Lusterfahrungen, die anscheinend kein gemeinsames Merkmal aufweisen. Eine Weise für Qualitätstheoretiker, auf diesen Einwand zu reagieren, besteht darin, darauf hinzuweisen, dass der hedonische Ton von Lusterlebnissen keine reguläre Qualität ist, sondern eine Qualität höherer Ordnung. Einstellungstheorien haben eine einfachere Möglichkeit, auf dieses Argument zu antworten, da sie behaupten können, dass dieselbe Art von Einstellung allen angenehmen Erfahrungen zukommt. Diese Einstellung wird häufig mit Begierde identifiziert.
Psychologischer Hedonismus Der psychologische Hedonismus (psychological hedonism) ist eine empirische Theorie darüber, was uns motiviert. Er besagt, dass alle unsere Handlungen darauf abzielen, die Lust zu erhöhen und Schmerzen zu vermeiden. Dies wird in der Regel in Kombination mit Egoismus verstanden, d. h. dass jeder Mensch nur auf sein eigenes Glück abzielt. Unsere Handlungen beruhen auf Glaubenshaltungen darüber, was Freude verursacht. Falsche Überzeugungen können uns in die Irre führen, sodass unsere Handlungen nicht zu Lust führen, aber selbst gescheiterte Handlungen sind laut dem psychologischen Hedonismus durch Lusterwägungen motiviert. Das Paradox des Hedonismus besagt, dass lustsuchendes Verhalten häufig auch auf andere Weise fehlschlägt. Es behauptet, dass durch Lust motiviertes Verhalten in dem Sinne kontraproduktiv ist, dass es zu weniger tatsächlicher Lust führt, als wenn man anderen Motiven folgt.
Eine Attraktion des psychologischen Hedonismus besteht darin, dass er eine einfache Darstellung liefert, die verspricht, die Gesamtheit des menschlichen Verhaltens zu erklären. Auf den ersten Blick ist er intuitiv plausibel, da lustsuchendes Verhalten ein weit verbreitetes Phänomen ist und unser Verhalten in der Tat zeitweise dominieren kann. Aber die Behauptung, dass dies auf all unser Verhalten verallgemeinert werden kann, ist höchst umstritten. Eine gängige Strategie der Gegner ist es, auf verschiedene Gegenbeispiele von Handlungen hinzuweisen, für die es keine plausible Erklärung in Form von Lust gibt. Zu diesen Gegenbeispielen gehören egoistische Motive für andere Dinge als Lust, wie z. B. Selbstverbesserung oder Ruhm nach dem Tod, und altruistische Motive, wie z. B. die Sorge um das Glück des eigenen Kindes, sich für eine höhere Sache zu opfern oder Gerechtigkeit trotz persönlicher Nachteile zu verteidigen. Psychologische Hedonisten haben versucht, diese Fälle im Sinne von lustsuchendem Verhalten umzudeuten. Solche Neuinterpretationen sind in bestimmten Fällen plausibel. Beispielsweise kann die Verbesserung der eigenen Gesundheit als langfristige Vermeidung von Schmerzen angesehen werden oder das Glücklichsein der Kinder kann auch den Eltern Freude bereiten. Es ist jedoch zweifelhaft, ob dies in allen Fällen funktioniert, beispielsweise bei einem Soldaten, der sich selbst aufopfert.
Aber sogar in vielen alltäglichen Fällen scheint die Introspektion darauf hinzudeuten, dass das Streben nach Lust nur eine Art von Motiv ist, das uns unter anderen antreibt. Eine Neuinterpretation all dieser Fälle in Bezug auf Lust würde der introspektiven Einsicht zuwiderlaufen. Ein weiteres Problem des psychologischen Hedonismus als einer philosophischen Theorie besteht darin, dass seine grundlegenden Behauptungen zur Motivation anscheinend eher zur empirischen Psychologie als zur Philosophie gehören. Daher wären harte empirische Beweise erforderlich, um seine Behauptungen zu bestätigen. Es reicht nicht aus, nur eine plausible Geschichte erzählen zu können.
Ethischer Hedonismus Der ethische Hedonismus (ethical hedonism), wie hier definiert, ist die These, dass Erwägungen zur Steigerung der Lust und zur Verringerung des Schmerzes bestimmen, was wir tun sollen oder welche Handlung richtig ist. Er wird jedoch manchmal in einem umfangreicheren Sinne in Bezug auf intrinsischen Wert definiert. In diesem Fall schließt er den axiologischen Hedonismus, wie weiter unten definiert, ein. Er unterscheidet sich vom psychologischen Hedonismus, da er unser Verhalten nicht beschreibt, sondern vorschreibt. Im engeren Sinne ist der ethische Hedonismus eine Form des Konsequentialismus, da er die Richtigkeit einer Handlung auf der Grundlage ihrer Konsequenzen bestimmt, die hier anhand von Lust und Schmerz bemessen werden. Daher betreffen ihn die Hauptargumente für und gegen Konsequentialismus. Positiv zu vermerken ist, dass die Konsequenzen unseres Handelns von Bedeutung sind und dass wir durch sie die Welt zu einem besseren Ort machen sollen. Auf der negativen Seite würde der Konsequentialismus zur Folge haben, dass wir selten oder nie wissen, was richtig und was falsch ist, da unser Wissen über die Zukunft eher begrenzt ist und die Konsequenzen selbst einfacher Handlungen enorm sein können. Als eine Form des Hedonismus hat er anfänglich einen intuitiven Anreiz, da Lust und Schmerz relevant dafür zu sein scheinen, wie wir handeln sollen. Es wurde jedoch argumentiert, dass es moralisch verwerflich ist, Lust und Schmerz als die einzigen Faktoren anzusehen, die für das, was wir tun sollen, relevant sind, da diese Position beispielsweise die Werte der Gerechtigkeit, der Freundschaft und der Wahrheit zu ignorieren scheint. Der ethische Hedonismus befasst sich in der Regel sowohl mit Lust als auch mit Schmerz. Aber die eingeschränktere Version in Form des negativen Konsequentialismus oder negativen Utilitarismus konzentriert sich nur auf die Verringerung von Leiden.Parfit, Derek. 1984. Reasons and Persons. Oxford: Oxford University Press.Mayerfeld, Jamie, 1996, "The Moral Asymmetry of Happiness and Suffering" Southern Journal of Philosophy 34:317–38Knutsson, Simon. 2016. "What Is the Difference Between Weak Negative and Non-Negative Ethical Views?" Simon Knutsson Der ethische Hedonismus soll von Aristippos von Kyrene ins Leben gerufen worden sein, der die Idee vertrat, dass Lust das höchste Gut ist.Hastings, James, ed. "Hedonism." pp. 567–68 in Encyclopedia of Religion and Ethics 6. Edinburgh: T. & T. Clark, p. 67
Ethische hedonistische Theorien können in Bezug darauf klassifiziert werden, wessen Lust gesteigert werden soll. Nach der egoistischen Version soll jeder Akteur nur auf die Maximierung seiner eigenen Lust abzielen. Diese Position wird normalerweise nicht sehr geschätzt. Altruistische Theorien, allgemein bekannt unter dem Begriff „klassischer Utilitarismus“, sind in der philosophischen Gemeinschaft angesehener. Sie sind der Meinung, dass der Handelnde die Gesamtsumme des Glücks aller maximieren soll. Diese Gesamtsumme beinhaltet auch die Lust des Handelnden, aber nur als einen Faktor unter vielen. Ein gängiger Einwand gegen den Utilitarismus ist, dass er zu anspruchsvoll sei. Dies ist besonders ausgeprägt in Fällen, in denen der Handelnde sein eigenes Glück opfern muss, um das Glück eines anderen zu fördern. Zum Beispiel haben verschiedene Kommentatoren dieses Argument gegen die Position von Peter Singer gerichtet, der in ähnlicher Weise vorschlägt, dass das Richtige für die meisten Menschen aus entwickelten Ländern darin besteht, einen bedeutenden Teil ihres Einkommens an Wohltätigkeitsorganisationen zu spenden, was vielen übermäßig anspruchsvoll erscheint. Singer rechtfertigt seine Position mit dem Hinweis, dass das Leid, das auf diese Weise in den Ländern der Dritten Welt vermieden werden kann, gegenüber der Freude, die durch die anderweitige Verwendung des Geldes entstehen würde, erheblich überwiegt. Ein weiterer wichtiger Einwand gegen den Utilitarismus besteht darin, dass er die persönliche Natur moralischer Pflichten außer Acht lässt, dass es beispielsweise wichtiger sein kann, das Glück derer zu fördern, die uns nahe stehen, wie unserer Familie und Freunde, auch wenn die alternative Vorgehensweise zu etwas mehr Glück für einen Fremden führen würde.
Axiologischer Hedonismus