Als Lithophon (von griechisch „Stein“ und „Klang“) oder Klangstein bezeichnet man Gegenstände, deren Klangkörper aus Stein bestehen und die auf mechanischem Wege (Anschlag, Reibung) in Schwingung versetzt werden. Entsprechend der grundlegenden Hornbostel-Sachs-Systematik gehören Lithophone zur Gruppe der Idiophone. Bevorzugtes Material ist auf Grund seiner besonderen Klangqualität das als Phonolith bekannte Lavagestein. Andere Mineralien sind Jade, Granit oder auch Serpentin. Im Unterschied zum Metallophon und Xylophon, bei denen zur Tonererzeugung metallische bzw. hölzerne Stäbe benutzt werden, sind Lithophone von beliebiger Gestalt, häufig bestehen sie aus stab- oder plattenförmig geformten, abgestimmten Steinen.
Geschichte mini|hochkant|Lithophone vor der Kirche des Klosters Zeghie Azwa Mariam in Bahir Dar, Äthiopien. Als Signalruf dem hölzernen frühchristlich-orientalischen Naqus und dem orthodoxen Semantron entsprechend. Vermutlich liegen die Wurzeln der Klangerzeugung mittels geeigneter Steine schon in der Steinzeit. Auch wenn bisher die Verwendung von Lithophonen im Holozän nur vermutet werden kannIégor Reznikoff: Prehistoric Paintings, Sound and Rocks. In: Ellen Hickmann u. a. (Hrsg.): Musikarchäologie III - Archäologie früher Klangerzeugung und Tonordnung. (Reihe Orientarchäologie, Band 10), Rahden (Leidorf) 2000, S. 39–56., sind die Ansätze, die Tropfsteine in den Luray Caverns in Form der Great Stalacpipe Organhttps://luraycaverns.com/ (hier auch Klangproben); eingesehen am 25. September 2016 zum Klingen zu bringen, so überzeugend, dass eine steinzeitliche Lithophonmusik, wenn auch weniger elaboriert als in der modernen Form, durchaus möglich erscheint.
Felsen, Felsnasen und Tropfsteine in Kalksteinhöhlen, die zur Klangerzeugung dienen können, sind Lithophone, die im Englischen nach Jeremy Montagu (1965) als rock gong bezeichnet werden.Jeremy Montagu: What is a Gong. In: Man, Band 65. Januar–Februar 1965, S. 18–21 Solche klingenden Felsen sind hauptsächlich aus Afrika, Asien und Nordamerika bekannt. Unabhängig von der Gesteinsart sind lange, dünne und möglichst frei stehende Felsen am besten geeignet.Robert G. Bednarik: About Lithophones. In: R. Querejazu Lewis, Robert G. Bednarik (Hrsg.): Mysterious cup marks: proceedings of the First International Cupule Conference. In: Archaeopress. 2010, S. 115–118.
Die Erforschung der Litophone im asiatischen Bereich wird seit einigen Jahren mit Nachdruck betrieben. Erste konkrete Ergebnisse wurden 2016 von den Wissenschaftlern Schu-chi Lee, Uwe U. Pätzold und Christoph Louven auf dem 4. Symposium der Studiengruppe PASEA (Performing Arts of Southeast Asia) in Penang/Malaysia vorgelegt.http://www.pasea.usm.my/images/pdf/xabstrac.pdf, Aufruf 10.1.2026 Demnach gehört zu den ältesten gesicherten Zeugnissen das in der Provinz Westsumatra auf Sumatra als prähistorisches Lithophon identifizierte Talempong batu. Es besteht aus sechs Steinblöcken unterschiedlicher Größe und Klanghöhe, wobei die Tonhöhe mit großer Genauigkeit dem abendländischen Pythagoreischen Tonsystem entspricht.Uwe Pätzold: S. 279. Ein Lithophon aus Ndut Lieng Krak in Südvietnam wird der eisenzeitlichen Sa-Huynh-Kultur zugerechnet. Erwähnenswert ist auch der Fund von 20 Klangsteinen in der ostindischen Provinz Odisha, der von der Forschung dem 2. Jahrtausend v. Chr. zugeordnet wird.Paul Yule, Martin Bemmann: Klangsteine aus Orissa. Die frühesten Musikinstrumente Indiens? In: Archaeologia musicalis. 2.1, 1988, S. 41–50 (online auf archiv.ub.uni-Heidelberg.de) (PDF; 613 kB) S. 13. Bei Ausgrabungen in An-Yang (China) fand man die der Shang-II-Dynastie (1350–1050 v. Chr.) zuzuordnenden Orakelinschriften, Trommeln, Trommelstöcke, Schlegel, eine kugelförmige Gefäßflöte sowie den ch’ing genannten Klangstein. Die richtige Bezeichnung für einen einzelnen, großen Klangstein ist t’e-ch’ing. Außerdem wurde das Klangsteinspiel pien-ch’ing gefunden, welches aus verschiedenen, gestimmten Steinen besteht. Es ist unwahrscheinlich, dass diese Lithophone und die Gefäßflöte bereits in der früheren, der Shang I-Periode vorhanden waren, nachweisbar ist jedoch, dass sich die Stimmung der Instrumente aus Stein, Jade und Bronze in der frühen Chou-Dynastie vervollkommnete. Aus jüngerer Zeit sind Lithophone in weiten Teilen Südostasiens von Vietnam bis Korea nachweisbar. Der stärkste Entwicklungsimpuls ging jedoch von China aus, wobei sich zwei charakteristische Formen herausgebildet haben: Zum einen die aufgehängten Platte in traditionell pentagonaler Form mit gebogener Basis und zum anderen der flach liegende Jade-Klangstein in Scheibenform. Die als Bianqing bezeichneten Lithophone bestehen aus 16 genau abgestimmten Steinplatten. Sie wurden zu zeremoniellen Zwecken im Tempel und im Palast verwendet und dienten auch als Grabbeigabe. Bemerkenswert ist ein aus 32 Steinplatten bestehendes Lithophon, welches von Archäologen in der Nähe von Suizhou in der chinesischen Provinz Hubei in dem Zeng-Hou-Yi Grab gefunden wurde. Mit einem Tonumfang von drei Oktaven und präzise gestimmt, diente es als Grabbeigabe für einen adligen Herrscher im 4. vorchristlichen Jahrhundert.https://depts.washington.edu/chinaciv/archae/2marmain.htm; Aufruf 14.1.2026
Neben dem fernöstlichen Raum sind es zwei weitere Verbreitungsgebiete, in denen das Lithophon eine jeweils eigene Tradition ausgebildet hat: In Zentralafrika und im Norden Südamerikas. So wurden schon seit frühesten Zeiten in Nordtogo fünf sternförmig auf dem Boden angeordnete Basaltplatten zu ganz bestimmten Ritualen gespielt – eine Tradition, die auch in Benin und Nigeria nachgewiesen werden konnte. Der französische Archäologe Eric Gonthier identifizierte einen Bodenfund aus Zentralafrika als mittelsteinzeitliches Lithophon.Eric Gonthier, Jacob Durieux: Transfixions et labrets subsahariens néolithiques en quartz. In: M.-H. Moncel, F. Fröhlich: L'Homme et le précieux. Matières minérales précieuses de la Préhistoire à aujourd'hui. BAR International Series 1934, Oxford 2009, S. 81–90 Aus Stein gefertigte Klangstäbe und -platten aus präkolumbianischer Zeit wurden in Ecuador, Kolumbien und Venezuela gefunden.
Orchesterinstrument, Steinspiel mini|Aus Phonolith gefertigtes Lithophon im Botanischen Garten Schellerhau
In Europa sind Steinspiele in Form von Musikinstrumenten erst in der jüngeren Geschichte nachweisbar. Als Pionier auf dem Gebiet der Erforschung neuer Klangquellen ist hier der Engländer Peter Crosthwaite zu nennen, der erstmals ein nach abendländischem Verständnis als Musikinstrument verwendbares Lithophon mit sechs Tönen baute.Alan Smith/Bruce Yardley: The origin of the musical stones of Skiddaw. In: Proceedings of the Cumberland Geological Society, Band 7, Nr. 3, Oktober 2008, S. 1–15; zit. nach: Frank Böhme, 2016 1785James Blades, S. 531. (andere Quellen nennen das Jahr 1875MGG Sachteil Band 5, S. 1383.) wurde im Lake District England ein aus 16 Steinplatten bestehendes und zwei diatonische Oktaven umfassendes Steinspiel gefunden, dessen Alter bisher nicht genauer bestimmt werden konnte. Zwischen 1827 und 1840 entwickelte der Steinmetz Joseph Richardson die „Richardson rock harmonica“ mit fünf Oktaven Tonumfang aus Steinplatten von 15 bis 93 Zentimetern Länge.Alan Smith, Bruce Yardley: The origin of the musical stones of Skiddaw. In: Proceedings of the Cumberland Geological Society, Band 7, Nr. 3, 2008, S. 1–15. 1837 stellte Franz Weber in Wien ein aus abgestimmten Alabasterscheiben bestehendes Lithokymbalon vor, aus dem wenig später (1840) die von Richardson and Sons gebaute Rock Harmonica wurde. Eines dieser von Richardson entwickelten Lithophone wird im Keswick Museum and Art Gallery in Keswick unter der Bezeichnung Musical Stones of Skiddaw ausgestellt. 1883 spielte der Franzose Honoré Baudre im Rahmen der Weltausstellung Amsterdam auf einem aus abgestimmten Feuersteinen hergestellten sogenannten Silex Piano.
Im 20. Jahrhundert hat sich das Lithophon zu einem Orchesterinstrument entwickelt. Meist von Schlagwerkern gespielt, ähnelt es in Form und Handhabung den Stabspielen (wie Xylophon, Marimba und Vibraphon) oder den runden Scheiben der Crotales. Üblicherweise kommen die Töne a3 bis c5 zum Einsatz. Erstmals hat Carl Orff den Klang des Lithophons als integralen Bestandteil des Orchesterklangs in Werken wie Antigonae (1949), Astutuli (1953) und Oedipus (1959) verwendet. 1961 verwendete der Komponist Milko Kelemen das Lithophon in seinem Werk Ekvilibri für zwei Orchester.Frank Böhme, 2016, S. 428. Moderne Weiterentwicklungen haben sogenannte stone marimbas entstehen lassen, bei denen gestimmte Steinplatten wie bei einem Stabspiel angeordnet sind und die Spielweise der Marimba-Technik ähnelt. Spezielle Möglichkeiten der Intonation entwickelten die Schweizer Rudolf Fritsche und Lukas Rohner an dem von ihnen 2003 konstruierten Gramorimba. Dieses Steinstabspiel mit vier Oktaven Tonumfang (f–f4) „ist das einzige Lithofon, dessen Platten sowohl grund- wie auch obertongestimmt sind.“Martin Frischknecht: In: Spuren – Das Leben neu entdecken, 2008 (abgerufen am 24. Juli 2020) Die Bezeichnung für das Instrument leitet sich aus den Wörtern Granit, Marmor und Marimba her. Die Schweizer Mathias Steinauerhttps://www.musinfo.ch/de/personen/komponisten/?pers_id=49&abc=S; eingesehen 7. 1. 2026 und Nils Günther, sowie der in Brünn wirkende Ivo Medek und Hans W. Kochhttps://www.khm.de/lehrende/id.21281.prof-hans-w-koch/, eingesehen 7. 1. 2026 schrieben erste Solostücke für die an der ETH Zürich entwickelten Steinspiele und trugen "wesentlich dazu bei, dass rasch eine breite Palette instrumentenspezifischer Klang- und Spieltechniken zu Tage gefördert"https://steinklang-musik.ch/index.php?page=portrait, eingesehen 1. 7. 2026 wurde. - Der Japaner Hitoshi Maeda entwickelte unter Verwendung des hell tönenden Gesteins Sanukitoid unterschiedliche Sanukitophone, wobei er sich in der Tonabstimmung und Bauweise an herkömmlichen Musikinstrumenten orientierte.
Der isländische Komponist Elias Davidsson arrangierte einheimische, durch Verwitterung entstandene Basaltplatten zu Lithophonen, mit denen er zuerst 1982 in Konzerten improvisierte.Elias Davidsson: The Icelandic Lithophone, Experimental Musical Instruments, Vol. 14, September 1998, S. 29ff Die isländische Post-Rock-Band Sigur Rós verwendet gelegentlich ein vom Bildhauer Páll Guðmundsson geschaffenes Lithophon (steinharpa, deutsch Steinharfe) in der Art einer Marimba. 2024 führte sie damit auch in einer Crossover-Kollaboration zusammen mit Guðmundsson und der klassischen Violistin Maria Huld Markan Sigfúsdóttir die Vertonung eines Gedichts der Edda ||auf.
Klangstein, Installation mini|Lithophon im Schloss Freudenberg, Wiesbaden mini|Steinharfe aus Serpentinplatten im Museum Regiunal Surselva, Ilanz