mini|Fassade des Baptisteriums San Giovanni unterhalb des Chors des Doms von Siena, errichtet 1316–1325, vermutlich unter der Leitung von Camaino di Crescentino; die gotische Fassade blieb unvollendet Camaino di Crescentino (auch Camaino di Crescenzino, Camaino di Crescenzio, Camaino di Dietisalvi oder Camerino) war ein italienischer Baumeister und Architekt sowie vermutlich auch Bildhauer. Er wurde um 1260 in Siena geboren und ist zwischen 1298 und seinem Tod im Jahr 1337/1338 in Siena urkundlich nachweisbar.
Leben Camaino di Crescentino wurde vermutlich als Sohn eines Crescentino di Dietisalvi in der Contrada di Vallepiatta geboren. Seine erste Ausbildung als Architekt dürfte in der Schule oder zumindest im Umfeld Giovanni Pisanos erfolgt sein, der zwischen 1284 und 1296 mit dem Bau des unteren Teils der Domfassade von Siena betraut war. Die erste dokumentierte Nachricht über seine Tätigkeit stammt vom 10. August 1298, als er und vier weitere von der Kommune Siena beauftragte Meister die Lage, die Ausmaße und die architektonische Beschaffenheit des neu zu errichtenden Brunnens (fonte nuova) im Piano d’Ovile in der contrada di Vallerozzi festlegten. Das dort bestehende Brunnengehäuse wird ihm allerdings nicht zugeschrieben, da unmittelbar danach eine neue Kommission eingesetzt wurde. Im Jahr 1305 ist er ebenfalls im Auftrag der Kommune belegt, als er an der Aufteilung von Grundstücken bei Macereto, Foiano und Tocchi zwischen der Opera del Duomo und den Mönchen von San Galgano mitwirkte. Zudem begutachtete und schätzte er gemeinsam mit fünf weiteren Sachverständigen Häuser und Plätze zwischen der Abteikirche San Donato und der Strada di Camollia, die für den Bau einer neuen Straße abgerissen werden sollten. Diese ist mit der heutigen Via della Stufa Secca nahezu identisch.
Camainos Haupttätigkeit und größtes Engagement galten jedoch den Arbeiten am Dom von Siena, denen er bis zu seinem Tod nachging. Möglicherweise stand er bereits 1300, sicher aber 1305, im Dienst der Opera del Duomo, als sein Name gemeinsam mit denen der Meister Ciolo und Orlando in einem Dokument erwähnt wird. Nach heutigem Forschungsstand war er von 1310 bis 1318 sowie erneut von 1321 bis zu seinem Tod Capomaestro des Doms. In den Jahren 1319 und 1320 hatte dagegen sein Sohn Tino di Camaino dieses Amt inne. In einem Dokument vom 28. November 1310 steht Camaino an erster Stelle der zehn Meister, die von der Kommune nach der Entlassung aller übrigen weiterhin mit den Arbeiten am Dom betraut wurden.
Die von ihm geleitete Baumaßnahme war die Erweiterung bzw. Verlängerung der Kathedrale in Richtung der Apsis. Dies war ein technisch und statisch anspruchsvolles Unterfangen, da der mächtige Baukörper auf dem steilen Abhang von Vallepiatta errichtet werden musste. Zugleich war es auch ästhetisch heikel, da das architektonische Gleichgewicht im Inneren, insbesondere im Verhältnis zur Kuppel, nicht gestört werden durfte. Die Arbeiten begannen laut Vittorio Lusini am 21. April 1316; im AKL wird hingegen das Jahr 1317 als Beginn der Verlängerungsarbeiten genannt. Im zur Vallepiatta hin entstehenden, darunterliegenden Gelände wurde das Baptisterium San Giovanni errichtet, dessen mächtige Kreuzgewölbe im Jahr 1326 geschlossen wurden. Die Vollendung der gesamten Erweiterung erlebte Camaino jedoch nicht mehr; sie erfolgte erst in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts, nachdem das Projekt eines neuen, größeren Doms (Duomo Nuovo) gescheitert war. Aus dem Jahr 1318 sind zwei Dokumente vom 8. Juni überliefert. In einem davon erkennt die Opera del Duomo Camaino, seinem Sohn Tino und 23 weiteren Meistern eine Schuld von 300 Lire für in jenem Jahr geleistete Arbeiten an. In dem anderen werden Camaino, Tino und Giovanni di Nerio mit 25 Goldflorin für von ihnen vorgestreckte Kosten für eine Lieferung von Marmor aus Gerfalco entschädigt.
Neben den Arbeiten am Dom wirkte Camaino auch an anderen kommunalen Projekten mit: Im Jahr 1329 gehörte er zu den Meistern, die die Grenze der Piazza del Campo zur Porta Salaiola hin festlegten und 1330 zu jenen, die die Lage der neuen Stadtmauern bestimmen sollten. Camainos Tod erfolgte zweifellos in Siena. Die Forschung datiert ihn zwischen 1337 (Carli, 1934) und 1338 (Supino, Brach, Thieme-Becker); ein genaues Datum ist nicht überliefert. Sein Grab ist nicht bekannt.
Werk mini|Camaino di Crescentino (zugeschrieben): Bärtiger Prophet mit entrollter Schriftrolle, um 1300–1320, aus dem Dom von Massa Marittima, heute Museo di Arte Sacra, Massa Marittima Die Quellenlage zu Camainos künstlerischer Tätigkeit ist uneinheitlich und wird in der Forschung unterschiedlich bewertet. Nach dem quellenkritisch zurückhaltenden Urteil des Dizionario Biografico degli Italiani (1974) existieren keine verlässlichen Spuren oder Zeugnisse einer bildhauerischen Tätigkeit Camainos. Die ihm in den Dokumenten von 1298 und 1318 zugeschriebene Bezeichnung magister lapidum könne ebenso gut lediglich Architekt bedeuten. Zwar bezeichnen ihn einige ältere Autoren (Romagnoli, Micheli, Thieme-Becker) als Bildhauer, doch handelt es sich dabei um keine belegte Zuschreibung. In diesem Zusammenhang wird auch die von Romagnoli auf einer Fehlinterpretation des Dokuments von 1310 beruhende Bezeichnung als Mosaizist ausdrücklich zurückgewiesen. Enzo Carli stellte 1946 mit großer Vorsicht die Hypothese auf, dass einige der für das Domäußere ausgeführten Statuen Camaino als Bildhauer zugeschrieben werden könnten.
Spätere Forschung, insbesondere die im Allgemeinen Künstlerlexikon (1997) referierte, geht in ihren Zuschreibungshypothesen deutlich weiter. So vermutete Carli 1968 – weiterhin mit Vorbehalt – in Camaino den Autor einiger der Christus- und Apostelstatuen. Diese waren seit dem späten 17. Jahrhundert an den Strebepfeilern der Südflanke des Doms angebracht, standen zuvor im Mittelschiff und befinden sich heute in der sogenannten Cripta delle Statue. Bereits zuvor (1939/1946) hatte er ihm die Statue des heiligen Victor von der Domfassade zugeschrieben. Diese befindet sich heute im Museo dell’Opera del Duomo. Antje Middeldorf-Kosegarten datierte die Apostelfiguren hingegen in eine spätere Phase und vermutet Camainos Hand bei den Fassadenskulpturen der Vorfahrenbüsten Christi und der Madonna an der Fensterrose, die sich heute im Dommuseum befinden. In diesem Zusammenhang wird auch eine Madonnenfigur aus der ehemaligen Sammlung Contini-Bonacossi in Berlin-Dahlem genannt. Sowohl die Zuschreibung der Apostelfiguren als auch die der Madonnenfigur gehen von einer stilistischen Verwandtschaft mit dem Werk Tino di Camainos aus. Sie schließen einander jedoch gegenseitig aus, und der zugrunde liegende Werkkomplex gilt als stilistisch uneinheitlich und in Teilen von geringerer künstlerischer Qualität.
Giovanna Bardotti Biasion ordnete 1984 eine Werkgruppe einem anonymen Bildhauer aus dem Umkreis des Gano di Fazio zu. Diese umfasst die Halbfigurenreliefs an den Hochschifffenstern des Doms von Siena, das Grabmal des im Jahr 1276 verstorbenen Gregor X. im Dom von Arezzo sowie ein Grabmalfragment im Hof der Pinacoteca Nazionale di Siena. Diese Reliefs gelten in der neueren Forschung (Middeldorf Kosegarten) als repräsentativ für den sienesischen Reliefstil ihrer Zeit und als unmittelbare Voraussetzung für das Werk Andrea Pisanos. Zudem stehen sie in enger kompositorischer Beziehung zum Grabmal des Kardinals Petroni, an dessen Ausführung eine Mitwirkung Camainos nicht auszuschließen ist. Trotz des schlechteren Erhaltungszustands der Fassadenskulpturen des Rosengeschosses wird diese Werkgruppe in Teilen der jüngeren Forschung als das qualitativ bedeutendste, Camaino zuschreibbare Œuvre angesehen. Sie lässt ihn als einen der bedeutendsten sienesischen Bildhauer des ersten Viertels des 14. Jahrhunderts erscheinen. Die ältere Forschung (u. a. Vittorio Lusini) vermutete zudem, dass Camaino der Architekt des Baptisteriums San Giovanni war. Manchmal wird ihm auch der zugehörige Bauplan zugeschrieben.
Camainos Bedeutung beruht unter anderem darauf, dass er der Vater Tino di Camainos war, des bedeutendsten sienesischen Bildhauers des Trecento. Das Verhältnis zwischen Vater und Sohn ist sowohl urkundlich belegt als auch durch die bekannte Inschrift bezeugt, die Tino di Camaino 1321/22 am Grabmal des Bischofs Antonio Orso in der Florentiner Kathedrale Santa Maria del Fiore anbrachte. In dieser erklärt er mit kindlicher Ehrerbietung, dass er den Titel Magister erst nach dem Tod seines Vaters verdiene.
Literatur
Guido Tigler: Camaino di Crescentino. In: Allgemeines Künstlerlexikon. Band XV, Saur, München/Leipzig 1997, S. 644–645.
Ettore Romagnoli: Biografia cronologica de’ bellartisti senesi. (1830–1838) Siena, Biblioteca comunale degli Intronati, Ms. L II 2, Bd. II, Bl. 45–47. Giorgio Vasari: Le vite de’ più eccellenti pittori, scultori ed architettori. Hrsg. von Gaetano Milanesi, Band I, Florenz 1878, S. 432, Anm. 1. Gaetano Milanesi: Documenti per la storia dell'arte senese. Band I, Siena 1854, S. 30, 175 f., 181–185. [E. Micheli]: Guida artistica della città e contorni di Siena. Siena 1863, S. 3, 105. Vittorio Lusini: Il Duomo di Siena. Band I, Siena 1911, S. 113–115, 154, 162, 165, 169, 171, 181, 191, 202, 248. Luigi Dami: Siena e le sue opere d’arte. Florenz 1915, S. 55, 68 f., 83. Enzo Carli: Tino di Camaino scultore. Florenz 1934, S. 23, 91, 96. Enzo Carli: Sculture del duomo di Siena. Turin 1941, S. 25 f., 30. Enzo Carli: Il Museo dell’Opera e la Libreria Piccolomini di Siena. Siena 1946, S. 8, 15 f. Giorgio Previtali: Secondo studio sulla scultura umbra del Trecento. In: Paragone. Jg. 21, Nr. 241, 1970, S. 9–27, insbesondere S. 16, 24.
Weblinks
Treccani
Einzelnachweise
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