Optische (visuelle) Halluzinationen (Trugwahrnehmungen, Gesichtshalluzinationen, GesichtstäuschungenUwe Henrik Peters: Lexikon Psychiatrie. 7. Auflage. Elsevier, München 2017, ISBN 978-3-437-15063-0, S. 253, engl. visual hallucinations) sind Sinnestäuschungen auf visuellem (von lateinisch videre „sehen“) Gebiet. Eine entsprechende Reizquelle fehlt. Das Symptom gehört zu den medizinischen Fachgebieten der Neurologie und Psychiatrie. Ist dem Patienten der Trugcharakter bewusst, spricht man von Pseudohalluzinationen.
Im Bereich der Psychiatrie handelt es sich um psychopathologische Symptome. Der Patient empfindet die Sinneswahrnehmungen als von außen kommend. Der Begriff Vision als Zukunftsvorstellung ist etwas anderes, ebenso Pareidolie.
Beschreibung Visuelle Halluzinationen können mehr elementarer, ungeformter Art (Photopsien) oder mehr komplexer Art (Morphopsien) sein. Photopsien sind z. B. Lichtblitze, Sterne, Farben. Diese treten in erster Linie bei Erkrankungen des Auges, der Sehbahn und des Gehirns (Okzipitallappen) auf. Bei Morphopsien werden Personen, Gegenstände, Bilder, seltsame Tiere (z. B. als Miniatur-Halluzinationen) gesehen, die sich bewegen („Film“) oder stillstehen.
Traumähnliche, szenische Halluzinationen, bei denen der Patient meist aktiv im Mittelpunkt steht, werden oneiroide Halluzinationen genannt.Dieter Ebert: Psychiatrie systematisch. 3. Auflage. Uni-Med, Bremen 1999, ISBN 3-89599-141-4, S. 38. Heautoskopie (Doppelgängererlebnis) ist die (seltene) optische Erscheinung der eigenen Gestalt bei intaktem Icherleben (ohne Störung des personalen Einheitserlebens).Christian Scharfetter: Allgemeine Psychopathologie 8. Auflage. Thieme, Stuttgart New York 2020, ISBN 978-3-13-243843-9, S. 197.
Beispiele von Patientenäußerungen „Ich habe gestern kurzfristig und undeutlich das Anlitz der Madonna gesehen.“ „Der ganze Raum war mit Lichtblitzen und bunten Vierecken ausgefüllt.“Rolf-Dieter Stieglitz, Achim Haug: Das AMDP-System, 11. Auflage. hogrefe, Göttingen 2023, ISBN 978-3-8017-3157-1, S. 89. „Vor jedem epileptischen Anfall sehe ich farbige Lichtblitze.“ „Was sollen die vielen Käfer auf meiner Bettdecke?“
Einordnung Im AMDP-System (System zur Erstellung des psychiatrischen Befundes) finden sich optische Halluzinationen als Nr. 50.
Vorkommen (Ursachen) Das Charles-Bonnet-Syndrom entsteht durch chronische Sehverschlechterung. Häufig sind ungeformte visuelle Halluzinationen bei Migräne. Als isolierte Auren treten sie auch ohne Kopfschmerz auf. Ebenfalls häufig sind visuelle Halluzinationen bei deliranten Syndromen und Demenzen, insbesondere Lewy-Body-Demenz. Hierbei fühlt sich der Patient jedoch im Regelfall nicht bedroht. Epileptische Anfälle können mit Halluzinationen beginnen. Das Visual-Snow-Syndrom geht mit Bildrauschen im gesamten Gesichtsfeld einher.
Bei psychiatrischen Erkrankungen wie Schizophrenie treten Halluzinationen, Gedankenausbreitung, Gedankenlautwerden u. ä. oft zusammen auf und können vom Patienten nicht gut differenziert (unterschieden) werden. Die optischen Halluzinationen stehen bei schizophrenen Patienten nicht im Vordergrund, deutlich häufiger sind akustische Halluzinationen. Dies kann jedoch bei Einnahme psychotroper Substanzen (Halluzinogene) der Fall sein.
„Häufiger handelt es sich um mehr bildhafte und zum Teil im subjektiven Raum wahrgenommene Sinnestäuschungen ohne Realitätsgewissheit und Realitätsurteil, d. h. um Pseudohalluzinationen: Hände, ein Gesicht, ein Totenkopf tauchen auf; der Patient spricht selbst von ‚Bildern‘, der Trugcharakter wird sogleich erkannt“ (Huber 2005).
Hypnagoge Halluzinationen treten im Halbschlaf auf und sind nicht ohne weiteres als pathologisch (krankhaft) zu werten. Letzteres ist aber der Fall bei Narkolepsie.
Diagnose Halluzinationen werden bei der Untersuchung im Gespräch zwischen Arzt und Patient anamnestiziert. Wenn (wie oft) der Patient Halluzinationen nicht spontan berichtet, müssen sie explizit (ausdrücklich) erfragt werden: z. B. „Haben Sie Personen oder ungeformte Gegenstände gesehen, die andere nicht sehen konnten?“Erdmann Fähndrich, Rolf-Dieter Stieglitz: Leitfaden zur Erfassung des psychopathologischen Befundes: 6., überarbeitete Auflage. Hogrefe, Göttingen 2023, ISBN 978-3-8017-3114-4, S. 88. „Haben Sie Dinge gesehen, die Ihnen irgendwie merkwürdig vorgekommen sind?“
Abgrenzung (Differentialdiagnose)
Illusionen: verfälschte Wahrnehmungen. Es bestehen reelle Wahrnehmungen, die aber inkorrekt sind.
Wahnwahrnehmungen: einer an sich richtigen, auch optischen Wahrnehmung wird eine wahnhafte Bedeutung zugeschrieben.
Pareidolien: in Dingen oder Mustern werden z. B. Gesichter erkannt.
Behandlung Diese erfolgt im Rahmen der Behandlung der Grundkrankheit. Mit Zunahme des Behandlungserfolges werden die krankhaften Empfindungen seltener, schwächer und treten in den Hintergrund der Wahrnehmung des Patienten bis zum vollständigen Verschwinden. Die Halluzinationen können vor völligem Verschwinden vorübergehend in Pseudohalluzinationen übergehen.
Ob Neuroleptika spezifisch gegen optische Halluzinationen wirksam sind, ist umstritten.Hans Bangen: Geschichte der medikamentösen Therapie der Schizophrenie. Berlin 1992, ISBN 3-927408-82-4, S. 82–84
Siehe auch (Literatur) AMDP-System (System zur Erfassung eines psychopathologischen Befundes)
Einzelnachweise
Kategorie:Psychopathologisches Symptom