Said Baalbaki (; * 1974 in Beirut, Libanon) ist ein deutsch-libanesischer Künstler. Seit 2002 lebt und arbeitet er in Berlin sowie temporär in Beirut und verbindet in seinen Arbeiten die kulturellen und künstlerischen Wurzeln seiner Herkunft mit zeitgenössischen Diskursen seiner Wahlheimat.
Leben und Ausbildung Said Baalbaki wuchs in Beirut während des libanesischen Bürgerkriegs auf, eine Erfahrung, die sein Werk nachhaltig geprägt hat. Von 1994 bis 1998 studierte er Malerei an der Université Libanaise-Institut des Beaux-Arts in Beirut. 2000/01 besuchte er die Sommerakademie Darat al Funun in Amman bei Marwan Kassab-Bachi. Ab 2002 studierte er an der Universität der Künste Berlin, wo er 2005 als Meisterschüler von Burkhard Held abschloss. Anschließend absolvierte er ein Studium am Institut für Kunst im Kontext der UdK, das er 2008 mit dem Master of Arts beendete.
Said Baalbaki entstammt einer Künstlerfamilie: Sein Onkel Abdel-Hamid Baalbaki (1940–2013) und sein Vater Fawzi Baalbaki (* 1942) sind Maler, ebenso sein Bruder Ayman Baalbaki (* 1975), der insbesondere durch die Werkserie „Al Moulatham“ (Männer mit Keffiyeh) bekannt wurde.
Werk Said Baalbaki arbeitet auf der Grundlage komplexer Beziehungsgeflechte aus kunsthistorischen, politischen und persönlichen Kontexten. Er nutzt verschiedene Medien, darunter Malerei, Grafik, Skulptur und Installation. Zudem konzipiert er multidisziplinäre Projekte an der Schnittstelle von Kunst, Wissenschaft und Politik, die oft in Rauminstallationen übergehen, für die er auch die Szenografie entwickelt.
Wiederkehrende Themen seiner offenen Werkreihen und konzeptuellen Projekte sind Erinnerung, Verlust, Vertreibung, Identität und Machtstrukturen sowie die Untersuchung von Mechanismen der Wahrheitsfindung und der Konstruktion von Geschichte. In seiner Malerei verwendet Said Baalbaki wiederkehrende Motive, in seinen frühen Arbeiten vor allem Militärjacken, Stiefel und Gürtel, zunehmend aber auch andere Alltagsgegenstände, die zu bildbestimmenden Solitären werden und als Chiffren für Autorität, Macht und Gewalt über ihre ursprüngliche Funktion hinausweisen.
Eine zentrale Werkgruppe bildet die fortlaufende Reihe „Mon (t) Liban“, in der aus aufeinandergestapelten Koffern und anderen Dingen, darunter auch einem Transistorradio, Formen entstehen, die zunehmend in abstrakte Formationen übergehen und das Licht seiner ursprünglichen Heimat evozieren. Er thematisiert sowohl persönliche Kriegserfahrungen als auch universelle Fragen von Verlust und Identität. Die Doppeldeutigkeit des Titels resultiert aus der französischen Phonetik, die „mein Libanon“ und „Der Berg des Libanon“ bedeuten. Das Werk verhandelt malerisch Erfahrungen von Zerstörung und Gewalt, die für Said Baalbaki bereits in Kindheit und Jugend zur Alltagsrealität gehörten, und verschränkt diese mit persönlichen Erinnerungen an seine Kindheit.
"Unspectacular, everyday things are awakened to take on lives of their own, enlivened by the breath of a magician. As though randomly heaped into mountains of life's residuals, the things would appear to be mundane. In reality however, the objects are of existential importance, though this is revealed only to those who are open toward entering Said's world."
Beirut bleibt Said Baalbakis zentraler Referenzraum. Wie in seiner Malerei verfährt er auch in seinen Grafik-Portfolios, die sich wie ein visuelles Palimpsest lesen lassen, archäologisch: Schichten von Erinnerung, subjektiver Erfahrung und historischer Spur werden freigelegt, überlagert und zu seriellen Bildgefügen verdichtet. Diese machen die Transformation Beiruts sowie die Einschreibungen von Krieg und Zeit in den urbanen Raum sichtbar. Exemplarisch zeigt sich dies in den Grafik-Portfolios „The Baalbaki Journey, or Said & The Little Boat“ (2010, Text: Marwan), „Wadi Abou Jmil“ (2015) mit Texten von Gregory Buchakjian und „Nos Âmes en Chantier“ (2015) mit Texten von Valérie Cachard: Erinnerungsräume verdichten sich hier zu motivischen Konstellationen, die Beirut als Stadt im permanenten Wandel erfahrbar machen – nicht zuletzt als Resultat kriegsbedingter Zerstörungen.
Über Said Baalbakis Reise schreibt Marwan: "'Kleines Boot' am Rand aufgetürmter Haufen. Beginnende Form. Ein Maler. Es zieht ihn hinaus in die Welt. Ein neuer Sindbad setzt die Segel, macht sich auf zu fernen Inseln und unbekannten Städten hinter dem fernen Blau, erzählt seine Geschichten, um Träume zum Leben zu erwecken und um sich Trost zu holen." (Aus dem Arabischen von Leila Chammaa)
Projekte / Installationen (Auswahl) Darüber hinaus realisiert Said Baalbaki groß angelegte, fortlaufende Projekte und Installationen. Beispielsweise inszeniert er in seinem zentralen Projekt „Al-Burak“, das er während seines Kunst-im-Kontext-Studiums bei Michael Fehr entwickelte, mithilfe fingierter, wissenschaftlich anmutender Dokumente und Objekte eine fiktive archäologische Entdeckung des mythologischen Reittiers des Propheten Mohammed und reflektiert dabei, wie museale Präsentationsformen unsere Wahrnehmung von Exponaten prägen und beeinflussen.
Ein weiterer zentraler Aspekt seines Werks ist die Auseinandersetzung mit dem Erbe seiner ursprünglichen Heimat sowie mit seinem Alltag in Berlin. Exemplarisch hierfür steht das Projekt „Lisan al-‘Arab“ (Arabisches Lexikon), bei dem es sich um eine Serie arabischer Schriftzeichen handelt, die als kalligrafische Reliefs in Bronze gegossen wurden – darunter etwa das Wortrelief „Ikra“ (2020), im Deutschen „lies“, sowie „Kein Zwang im Glauben“ (2020).
In einem weiteren Projekt mit dem Titel „Black Rock“, in dem der Künstler den Zusammenhang zwischen Geld (Kohle), Religion und Macht hinterfragt, entstehen Architekturen aus Kohle, die zuvor bereits ein Thema seiner Malerei waren. Bei den Objekten handelt es sich beispielsweise um Museen, Kirchen, Moscheen, Synagogen und Bankgebäude. Ausgehend davon entwickelte er für die Ausstellung „WIR. 19 Grundrechte. 19 künstlerische Positionen. Ein Gesprächsraum“, die anlässlich des 75. Jahrestages des Grundgesetzes 2024 vom Deutschen Bundestag ausgerichtet wurde, die Arbeit „Heimat ist kein Souvenirshop“ zu Artikel 11 GG (Freizügigkeit).
Recherche Für sein Projekt zur Erforschung des Lebens und Werks des Bildhauers Jussuf Abbo, das Baalbaki zu einem profunden Kenner und Sammler von dessen Werk machte, erhielt er 2016 das Recherchestipendium des Berliner Senats. Abbos Lebenschronologie zeichnet er dabei akribisch nach und überführt sie in eine museale Installation, in der zentrale Stationen seines Lebens visuell aufbereitet werden. Baalbaki nähert sich Abbos Biografie dabei nicht nur über dessen künstlerische Stationen, sondern rückt auch dessen persönliche und historische Lebensumstände in den Fokus.
Parallel beschäftigt sich Said Baalbaki seit langem mit (Märtyrer-)Denkmälern in Beirut als Ausdruck der Transformation der libanesischen Gesellschaft und erhielt dafür 2022 das Recherchestipendium des Berliner Senats. Auch dieses Projekt versteht sich als Spurensuche, in der Baalbaki der Frage nachgeht, wie – unabhängig von der jeweils dargestellten Person – die Form der Repräsentation selbst zum Symbol wird und das Denkmal zu einem Ort der Bedeutungsproduktion avanciert, der Eingang in das kollektive Gedächtnis findet.
Rezeption Baalbaki wird als Künstler gesehen, der biografische Erfahrungen mit kollektiven historischen Prozessen verknüpft und Themen wie Flucht, Vertreibung und Heimatlosigkeit in den zeitgenössischen Kunstdiskurs einbringt. Seine Arbeiten werden in der Kunstkritik und Fachpresse überwiegend als reflektierte Auseinandersetzung mit Geschichte, Identität, Wahrnehmung und institutioneller Macht gewürdigt.
Sammlungen Said Baalbakis Werke befinden sich weltweit in privaten und öffentlichen Sammlungen, beispielsweise in der Sammlung Barjeelartfoundation Beirut, im British Museum, London und der Kunstsammlung Deutscher Bundestag in Berlin.
Auszeichnungen 2022: Recherchestipendium des Senats von Berlin 2017: Artist in Residence, Auswärtiges Amt in Zusammenarbeit mit dem LVBG / Federal Foreign Office 2016: Stipendium AFAC Visual Arts (The Arab Fund for Arts and Culture), Beirut 2016: Recherchestipendium des Senats von Berlin 2008: Stipendium der „Graduiertenschule für die Künste und die Wissenschaften“, Universität der Künste Berlin 2006: Stipendium „Solidere Artist in Residence“, Beirut 2005: Preisträger des „Meisterschülerpreis des Präsidenten“, Universität der Künste Berlin
Ausstellungen (Auswahl) Einzelausstellungen 2026: „Mon(t) Liban“, Forum Kunst im Bundestag, Berlin 2025: „Unpacked“, Karl Oskar Galerie, Berlin 2024: „Black Rock II“, Berlin-Weekly, Berlin 2024: „Black Rock III“, Galerie Analix Forever, Genf, Schweiz 2023: „Gestern wie heute“, Galerie Nord / Kunstverein Tiergarten, Berlin 2023: „Black Rock I“, Saleh Barakat Gallery / The Upper Gallery, Beirut 2022: „Heim(wehen)“, atelier 22, Celle, Deutschland 2020: „Jussuf Abbo: Der heimatlose Prinz“, atelier 22, Celle, Deutschland 2019: „Sehn-Sucht“, C&K Galerie, Berlin 2018: „Jussuf Abbo: The Sculptor in the Bedouin Tent“, Agial Art Gallery, Beirut 2017: „Umbruch“, C&K Galerie, Berlin 2016: „Wo Milch und Honig fließen“, Kirchengemeinde St. Christophorus, Berlin 2015: „Memories of Stones“, Agial Art Gallery, Beirut 2015: „Beyrouth Mon Amour“, Galerie Analix Forever, Genf, Schweiz 2015: „Milk & Honey“, Galerie Kampl, München 2014: „Riss“, C&K Galerie, Berlin 2014: „Le Musée imaginaire“, La Viennoise, Kairo 2013: „Belt“, Agial Gallery, Beirut 2013: „Once Upon a Butterfly“, Anima Gallery, Doha 2011: „The Sense of the Ending“, Rose Issa Projects, London 2011: „Wo die Sonne niederbrennt“, Herrenhaus Libnow, Libnow, Deutschland 2011: „Al-Burak II“, Die Kunstkammer im Georg-Kolbe-Museum, Berlin 2010: „Al-Burak“, Maqam Gallery, Beirut 2010: „Still Lives – Still Alive“, Rafia Gallery, Damaskus 2010: „Memories in Progress“, Michael Schultz Gallery, Seoul 2010: „I Saw It…“, Schultz Contemporary, Berlin
Gruppenausstellungen 2026: „Past Through Here“, Maraya Art Centre, Schardscha, Vereinigte Arabische Emirate 2025: „Cities Under Quarantine: The Mailbox Project“, SAMoCA, Riad 2025: „Wir. 19 Grundrechte. 19 Künstlerische Positionen. Ein Gesprächsraum“, Forum Kunst im Bundestag, Berlin 2025: „Impressions of Paradise“, Nuhad Es-Said Pavilion, The National Museum Beirut 2025: „Becoming Icon“, Sursock Museum, Beirut 2024: „Das Leben der Dinge“, Museen der Stadt Linz, Bad Ischl, Österreich 2024: „Sinelmä“, Haa Gallery, Helsinki, Finnland 2024: „Haava“, YÖ-Gallery, Helsinki, Finnland 2024: „A Breath of Summer“, Saleh Barakat Gallery, Beirut 2024: „Prints & Printmaking“, Dalloul Art Foundation, Beirut 2023: „Fous-moi la paix“, Galerie Analix Forever, Genf, Schweiz 2023: „Eruption“, Anima Gallery, Doha 2023: „The Future of Traditions“, The Brunei Gallery, SOAS, London 2021: „Changing Landscape“, Karl Oskar Gallery, Berlin 2021: „L’Art Blessé“, Debbane Palace Museum, Saida, Libanon 2020: „In weiter Ferne so nah“, Haus am Lützowplatz, Berlin 2020: „L’Art Blessé“, Villa Audi Mosaic Museum, Beirut 2019: „Arabicity“, Middle East Institute Art Gallery, Washington DC 2019: „Voices of Lebanon“, Kennedy Heights Art Center, Cincinnati, Ohio 2019: „Die haben einen Vogel“, C&K Galerie, Berlin 2018: „Hommage à Marwan“, Galerie Pankow, Berlin 2018: „Kultur im Gepäck“, Spektrale 8, Kulturkirche Luckau, Luckau, Deutschland 2018: „Drucksache“, Galerie Pankow, Berlin 2017: „Wir nennen es Arbeit“, Galleria Opere Scelte, Turin, Italien 2017: „100 chefs-d’œuvre de l’art moderne et contemporain arabe – La Collection Barjeel“, Institut du Monde Arabe, Paris 2017: „The Poetics of Absence“, 1x1 Gallery, Dubai 2016: „Salon der Gegenwart“, Hamburg 2016: „Marvelous Creatures: Animals in Islamic Art“, Aga Khan Museum, Toronto 2016: „Die Schwärze der Nacht“, Köppe Contemporary, Berlin 2015: „Home Ground“, Aga Khan Museum, Toronto