Der Vertrag von al-Hudaibiya () war ein Friedensvertrag, der zu Lebzeiten des islamischen Propheten Mohammed abgeschlossen wurde. Es handelte sich um einen entscheidenden Vertrag zwischen Mohammed, der den ersten islamischen Staat Medina vertrat, und dem Stamm der Quraisch in Mekka im März 628 (entsprechend Dhū l-Qaʿda, AH 6). Der Vertrag trug dazu bei, die Spannungen zwischen den beiden Städten abzubauen, sollte den Frieden für einen Zeitraum von 10 Jahren sichern und ermächtigte Mohammeds Anhänger, im folgenden Jahr zu einer friedlichen Pilgerreise zurückzukehren, die später als die erste Pilgerreise nach Mekka bekannt wurde. Dieser Vertrag wurde jedoch nach zwei Jahren gebrochen (islamischen Quellen zufolge durch die Quraisch), was Mohammed dazu veranlasste, 630 mit einer Armee von 10.000 Mann gegen Mekka zu marschieren.
Hintergrund Aufgrund der Ablehnung seiner Botschaft und der Verfolgung seiner Anhänger verließ der islamische Prophet Mohammed im Jahr 622 seine Heimatstadt Mekka und wanderte mit seinen Anhängern in die Oasenstadt Medina.Donner 2010, S. 42–43. Dort gewann er weitere Anhänger und gründete eine lokale Machtbasis. Dreimal kämpften seine Truppen gegen seine mekkanischen Gegner, angeführt von seinem eigenen Stamm, den Quraisch.Donner 2010, S. 43–44, 46–47. Mekka war somit für die Muslime ein Feind,Hawting 1986, S. 1. mit seinem alten Heiligtum, der Kaaba. Obwohl es seit vorislamischer Zeit ein Pilgerzentrum gewesen war, scheint es, dass die Muslime erst in der medinischen Zeit dazu angehalten wurden, Pilgerfahrten zur Kaaba zu unternehmen.Donner 2010, S. 64–65. Bislang hatten die Muslime in Richtung Jerusalem gebetet,Kennedy 2016, S. 35 aber in Medina soll Mohammed eine göttliche Offenbarung erhalten haben, die ihm befahl, stattdessen in Richtung Mekka zu beten.
Traditionelle Überlieferung Im März 628 beschloss Mohammed nach einem Traum, in dem er die Kaaba umrundete, sich auf eine Pilgerreise zu begeben. Da er mit einer gewaltsamen Reaktion der Mekkaner rechnete, lud er Beduinen und Stammesverbündeten aus den Vororten Medinas ein, sich ihm anzuschließen, doch die Mehrheit lehnte ab, wahrscheinlich weil sie keine Aussicht auf Beute sahen oder mit Feindseligkeiten rechneten.Guillaume 1998, S. 499. Mohammed marschierte mit einer Gruppe von Muslimen aus Medina sowie einigen Stammesverbündeten in Richtung Mekka, um die ʿUmra (kleine Pilgerfahrt) zu vollziehen.Watt 1956, S. 46. Insgesamt sollen es 700 bis 1400 Menschen, darunter vier Frauen, gewesen sein.Andreas Görke Die frühislamische Geschichtsüberlieferung zu Hudaibiya Es gibt widersprüchliche Berichte darüber, ob die Muslime Waffen trugen.Donner 1979, S. 240 n Sie waren als Pilger gekleidet und hatten Opfertiere dabei.Guillaume 1998, S. 499–500. Als die Mekkaner davon erfuhren, hielten sie die Annäherung fälschlicherweise für einen Angriff und schickten eine 200 Mann starke Kavallerie, um sie aufzuhalten. Mohammed umging die Streitmacht, indem er eine unkonventionelle Route nahm und seine Zelte am Ort Hudaibiya, an der Grenze zum heiligen Gebiet der Kaaba, aufschlug. Dort soll er einen versiegten Brunnen mit einem Pfeil wieder zum Fließen gebracht haben.
Die Quraisch schickten ihre Gesandten zu Mohammed, um mit ihm zu verhandeln, und er erklärte ihnen, dass er gekommen sei, um die Pilgerfahrt zu vollziehen und keine feindlichen Absichten hege. Die Quraisch betrachteten es dennoch als Schwäche und als Eingeständnis einer Niederlage, ihn ohne Bedingungen in die Stadt zu lassen. Schließlich sandte Mohammed seinen engen Vertrauten Uthman nach Mekka, um Verhandlungen zu führen. Es verbreitete sich bald darauf das Gerücht, er sei dort getötet worden. Mohammed schwor, seinen Tod zu rächen, und nahm seinen Anhängern das Gelübde ab, gegen die Mekkaner zu kämpfen, bis sie vernichtet seien. Dieses Gelübde wurde als das Gelübde des Baumes (bayʿat asch-schadschara) bekannt. Das Gerücht stellte sich jedoch als falsch heraus, und die Quraisch schickten einen Gesandten namens Suhail ibn 'Amr, um eine Einigung zu erzielen. Nach Verhandlungen einigten sich die Parteien darauf, die Angelegenheit friedlich zu lösen, und es wurde ein Vertrag ausgearbeitet.Goerke 2000, S. 241.Ali 1981, S. 61–62. Die wichtigsten Punkte lauteten:Watt 1956, S. 47–48.
Es wird einen zehnjährigen Waffenstillstand zwischen beiden Parteien geben. Wer ohne Erlaubnis seines Vormunds von den Quraisch zu Mohammad flieht, wird zu den Quraisch zurückgeschickt, aber wer von den Muslimen zu den Quraisch kommt, wird nicht zurückgeschickt. Alle Stämme dürfen sich frei entscheiden, ob sie ein Bündnis mit Mohammad oder mit den Quraisch schließen wollen. Die Muslime werden ohne Pilgerfahrt nach Medina zurückkehren, aber im folgenden Jahr werden sie diese vollziehen dürfen und dafür drei Tage lang in Mekka bleiben. Die Muslime werden keine Waffen mitnehmen außer verdeckt getragene Schwerter. gegenseitige Achtung das Handels und dass es auf keiner Seite zu Überfällen oder Raubzügen gegen die andere Seite kommt (diese Bestimmung wurde von Ibn Hischam erwähnt).
Das Dokument wurde von Ali verfasst. Als er schrieb: „Dies ist, was Muhammad, der Apostel Gottes, mit Suhail ibn. 'Amr vereinbart hat“Guillaume 1998, S. 504., wandte Suhail ein, dass er nicht an seine Prophetenschaft glaube und Muhammad daher nur seinen Namen ohne Zusatz schreiben könne, was Mohammad akzeptierte. Nachdem das Dokument verfasst worden war, konvertierte Suhails Sohn Abu Dschandal zum Islam und schloss sich den Muslimen an, wurde jedoch gemäß dem Vertrag an Suhail ausgeliefert. Umar und einige andere Muslime waren unzufrieden mit dem Waffenstillstand mit den Mekkanern, die sie als Feinde Gottes betrachteten. Nach dem Vertrag schlachten die Muslime ihre Opfertiere und Mohammed ließ sich die Haare scheren. Während die Muslime nach Medina zurückkehrten, soll Mohammed die Sure 48 des Korans offenbart worden sein.
Nachwirkungen Der Vertrag von Hudaibiya wurde gebrochen, als der Stamm der Banu Bakr die Banu Chuzāʿa angriff, die Verbündete der Muslime waren. Auf eine Bitte der Banu Chuzāʿa um Unterstützung sandte der islamische Prophet ein Ultimatum an die Quraisch, in dem er Blutgeld forderte, andernfalls würde der Vertrag für nichtig erklärt werden. Der Vertragsbruch veranlasste die Muslime, 630 n. Chr. nach Mekka zu marschieren und die Stadt unter ihre Kontrolle zu bringen. Die Eroberung verlief unblutig und ohne Zwangskonvertierungen, da der Prophet eine allgemeine Amnestie gewährt haben soll, anstatt Rache zu üben. Zwar wurden zunächst zehn Personen von dieser Begnadigung ausgeschlossen, doch den meisten wurde später vergeben.
Die Konvertiten, die später nach Medina flohen, wurden gemäß dem Vertrag zurückgebracht. Abu Basir, einer der Rückkehrer, floh an die Küste und wurde später von etwa 70 anderen, darunter Abu Dschandal, begleitet. Sie bildeten eine Guerilla und begannen, mekkanische Karawanen nach Syrien zu überfallen. Die Mekkaner baten Mohammed schließlich, sie nach Medina zurückzubringen.
Erbe und Rezeption Langfristig erwies sich der Vertrag für die Muslime als vorteilhaft und wird oft als „wichtiger Schritt“ in Mohammeds Machtkonsolidierung angesehen.Donner 1979, S. 241. Mit der Unterzeichnung des Vertrags erkannten die Quraisch Mohammed implizit als gleichwertigen Verhandlungspartner anWatt 1956, S. 48, und durch den Zugang zur Pilgerfahrt zur Kaaba konnte Mohammed die Anziehungskraft des Islam auf jene Stämme erhöhen, die die Kaaba hoch schätzten. Der Mohammed-Biograf Ibn Hischam schrieb später: „Kein früherer Sieg im Islam war größer als dieser ... als es zu einem Waffenstillstand kam und der Krieg beendet war und die Menschen sich in Sicherheit trafen und miteinander berieten, sprach niemand auf kluge Weise über den Islam, ohne ihm beizutreten.“Guillaume 1998, S. 507 Der Waffenstillstand ermöglichte es Mohammed, seine Herrschaft ungehindert auf andere Teile Arabiens auszudehnen. Der Historiker Fred Donner vermutet, dass der eigentliche Zweck der geplanten Pilgerreise darin bestand, einen Waffenstillstand mit den Mekkanern zu erreichen, da Medina zwischen zwei feindlichen Städten (der jüdischen Festung Chaibar im Norden und Mekka im Süden) eingeschlossen und daher sehr verwundbar war. Er konnte die Mekkaner jedoch nicht einfach um einen Waffenstillstand bitten; indem er die Situation geschickt ausnutzte, erreichte er ihn, ohne darum zu bitten. Dennoch war es ein „verzweifeltes Glücksspiel“, das in einer Katastrophe hätte enden können, wenn die Quraisch sich gegen einen Frieden entschieden hätten.Donner 1979, S. 242–244. Bald darauf belagerte und neutralisierte er Chaibar.Donner 1979, S. 245. Andere Stämme konnten sich nun frei für eine der beiden Seiten entscheiden, und Mohammed gelang es, einige der ehemaligen Verbündeten der Quraisch für sich zu gewinnen. Laut dem Islamwissenschaftler Montgomery Watt beabsichtigte Mohammed mit dem Vertrag, der die Aufhebung der Blockade des Handels zwischen Medina und Mekka mit Syrien und weitere Zugeständnisse an die Quraisch vorsah, die Beziehungen zu den Quraisch zu verbessern und sie für den Islam zu gewinnen.Watt 1956, S. 48–49
Laut dem deutschen Islamwissenschaftler Andreas Görke legen Unterschiede und Ungereimtheiten in der Überlieferung der Ereignisse zwischen verschiedenen frühislamischen Autoren den Schluss nahe, dass die Ereignisse (z. B. Mohammeds Wasserwunder) mythologisch ausgeschmückt wurden.
Literatur
Andreas Goerke: "The Historical Tradition about al-Ḥudaybiya: A Study of ʿUrwa B. al-Zubayr's Account". In Motzki, Harald (Hrsg.). The Biography of Muḥammad: The Issue of the Sources. Leiden: Brill. 2000, S. 240–275. ISBN 978-90-04-11513-2.
Einzelnachweise
Kategorie:Vertrag (7. Jahrhundert) Kategorie:628 Kategorie:Mohammed Kategorie:Geschichte des Islam (Mittelalter) Kategorie:Quraisch Kategorie:Historischer Vertrag (Saudi-Arabien)