mini|Eingang zur Kapelle, die als Tagungsraum diente mini|Blick in den Saal, in dem die Empfehlungen erörtert wurden Die Asilomar Conference on Recombinant DNA Molecules (Asilomar-Konferenz über rekombinante DNA-Moleküle) wurde organisiert, um den wissenschaftlichen Fortschritt auf dem Gebiet der Forschung an rekombinanten DNA-Molekülen zu überprüfen und „geeignete Wege zum Umgang mit den potenziellen biologischen Gefahren zu finden“, die aus der Forschung an gentechnisch veränderten Organismen hervorgehen könnten.Paul Berg, David Baltimore, Sydney Brenner, Richard 0. Roblin III und Maxine F. Singer: Asilomar Conference on Recombinant DNA Molecules. In: Science. Band 188, Nr. 4192, 1975, S. 991–994, doi:10.1126/science.1056638.
Diese Konferenz fand vom 24. bis 27. Februar 1975 auf den Asilomar Conference GroundsAsilomar Conference Grounds. Website der Asilomar Conference Grounds in Pacific Grove, Kalifornien, USA, statt. Sie war vorbereitet worden – unter der Bezeichnung International Conference on Recombinant DNA Molecules – durch ein Organisationskomitee, bestehend aus Paul Berg (Leitung), David Baltimore, Sydney Brenner, Richard O. Roblin III und Maxine F. Singer.Organizing Committee for the International Conference on Recombinant DNA Molecules. Im Jahr 2008 beschrieb Paul Berg in der Fachzeitung Nature die Ergebnisse der einflussreichen Konferenz wie folgt: „Auf dem Treffen in Kalifornien wurden Standards festgelegt, die es Genetikern ermöglichen, die Forschung bis an ihre Grenzen voranzutreiben, ohne die öffentliche Gesundheit zu gefährden.“Paul Berg: Asilomar 1975: DNA modification secured. In: Nature. Band 455, 2008, S. 290–291, doi:10.1038/455290a.
Vorgeschichte Die Vorgeschichte der Asilomar-Konferenz von 1975 reicht zurück bis in den Juni 1971. Matthew Cobb: Money and murder: the dark side of the Asilomar meeting on recombinant DNA. In: Nature. Band 638, 2025, S. 603–606, doi:10.1038/d41586-025-00457-w. Damals leitete der US-amerikanische Mikrobiologe Robert Pollack, beschäftigt als Postdoc am Cold Spring Harbor Laboratory, einen Kurs für eine Gruppe von Doktoranden, darunter die spätere Onkologin Janet E. Mertz. Von Mertz erfuhr Pollack, dass ihr Doktorvater – Paul Berg – sie beauftragt habe, im Rahmen eines Projektes zur Krebsforschung das Genom des Affen-Virus 40 (SV40) in das Darmbakterium Escherichia coli einzuschleusen. SV40 konnte in Hamsterzellen unkontrolliertes Wachstum verursachen, und man befürchtete, dass es beim Menschen Krebs verursachen könnte; der Gentransfer sollte es ermöglichen, potenzielle „Krebsgene“ zu identifizieren. Pollack war durch diesen Bericht zutiefst beunruhigt, weswegen er Berg am nächsten Tag anrief, um ihn zu fragen, warum er ein solch „verrücktes“ Experiment plane. Berg erinnerte sich später, dass er die Bedenken für „Quatsch“ und „unerhört“ hielt. Doch dieses Telefonat hatte Gespräche mit Freunden, Kollegen und Studenten über die Befürchtung zur Folge, der Gentransfer könne zu einem Bakterium führen, das beim Menschen Darmkrebs verursacht. Auch wurde erörtert, wie man Forscher und Umwelt vor einer versehentlichen Freisetzung solcher gentechnisch veränderten Organismen schützen könne. Zudem war der bei Mertz beauftragte Gentransfer ohnehin nur ein Seitenaspekt seiner Forschungsprojekte, und angesichts der – wenn auch aus seiner Sicht geringen – Möglichkeit, dass das Experiment schiefgehen könnte, gab Berg diesen Teil des Projekts auf.
Im Juni 1973 kam es auch während einer Gordon Research Conference im Zusammenhang mit der Erforschung von Nukleinsäuren zu einer Sicherheitsdebatte,Geschichte der Gentechnik und Gentechnik-Gesetzgebung. Übersicht auf dem Server des Bayerischen Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, Mai 2014. als deren Ergebnis die National Academy of Sciences aufgefordert wurde, eine offizielle Untersuchung der möglichen Risiken rekombinanter DNA zu veranlassen.Maxine Singer und Dieter Soll: Guidelines for DNA Hybrid Molecules. In: Science. Band 181, Nr. 4105, 1973, S. 1114, doi:10.1126/science.181.4105.1114.a. Tatsächlich wurde umgehend unter Leitung von Paul Berg ein gemeinsames Committee on Recombinant DNA Molecules von Akademie und National Research Council berufen, das im Juli 1974 gleichzeitig in den drei Fachzeitschriften Science, Nature und PNAS einen Offenen Brief mit einer Warnung vor „potenziellen biologischen Risiken von rekombinanten DNA-Molekülen“ (Potential Biohazards of Recombinant DNA Molecules) veröffentlichte.Paul Berg, David Baltimore, Herbert W. Boyer, Stanley N. Cohen, Ronald W. Davis, David S. Hogness, Daniel Nathans, Richard O. Roblin, James D. Watson, Sherman Weissman und Norton D. Zinder: Potential Biohazards of Recombinant DNA Molecules. In: Science. Band 185, Nr. 4148. 1974, S. 303, doi:10.1126/science.185.4148.303.PNAS, Band 71, Nr. 77, 1974, S. 2593–2594, doi:10.1073/pnas.71.7.2593.Nature, Band 250, 1974, S. 175–176, doi:10.1038/250175a0. Darin hieß es:
Aufgrund dieser Befürchtungen forderten die Mitglieder des Committee on Recombinant DNA Molecules weltweit alle Wissenschaftler auf, freiwillig auf derartige Experimente zu verzichten, „bis die potenziellen Gefahren solcher rekombinanter DNA-Moleküle besser bewertet worden sind oder bis angemessene Methoden zur Verhinderung ihrer Verbreitung entwickelt worden sind.“ Der Direktor der National Institutes of Health wurde u. a. aufgefordert, Leitlinien ausarbeiten zu lassen, die von Wissenschaftlern zu beachten sind, wenn in ihren Forschungsvorhaben mit potenziell gefährlichen rekombinanten DNA-Molekülen umgegangen wird. Schließlich wurde gefordert „ein internationales Treffen der beteiligten Wissenschaftler aus der ganzen Welt“ zu Beginn des Jahres 1975 einzuberufen, um in erweitertem Rahmen über geeignete Sicherheitsmaßnahmen beim Umgang mit den potenziellen Gefahren rekombinanter DNA-Molekülen zu diskutieren.
Ergebnisse der Konferenz von Asilomar Vom 24. bis 27. Februar 1975 fanden sich rund 150 Molekularbiologen, Ärzte und Juristen, Mitarbeiter von Behörden und Unternehmen sowie 16 Journalisten, vorwiegend aus Nordamerika und Großbritannien stammend,Shobita Parthasarathy: Viewing Asilomar from the Global South. In: Science. Band 387, Nr. 6733, 2025, S. 454, doi:10.1126/science.adw2511. auf den Asilomar Conference Grounds in Kalifornien zu einer Fachtagung ein, um erste verbindliche Sicherheitskonzepte und Richtlinienvorschläge für den Umgang mit rekombinanter DNA zu erarbeiten. Ziel der Veranstaltung war daher u. a., den im Juli 1974 vorgeschlagenen, freiwilligen Verzicht auf Experimente mit rekombinanter DNA zu beenden, ohne Menschen, Tiere und Pflanzen sowie das gesamte Ökosystem allzu großen Risiken auszusetzen. In einer im Juni 1975 in Nature veröffentlichten Zusammenfassung der Konferenz-Ergebnisse hieß es, die Teilnehmer der Konferenz seien sich einig gewesen, dass die meisten Arbeiten zur Konstruktion rekombinanter DNA-Moleküle fortgesetzt werden sollten. Voraussetzung hierfür sei, dass angemessene Sicherheitsvorkehrungen – vor allem biologische und physische Barrieren – geschaffen werden, die geeignet sind, die versehentliche Ausbreitung „neugeschaffener Organismen“ (newly created organisms) zu verhindern.Paul Berg, David Baltimore, Sydney Brenner Richard 0. Roblin III und Maxine F. Singer: Asilomar conference on DNA recombinant molecules. In: Nature. Band 255, 1975, S. 442–444, doi:10.1038/255442a0. Sollten biologische und physische Schutzmaßnahmen nicht in ausreichendem Maße möglich sein, sollten Experimente weiterhin unterlassen werden.
Vorgeschlagen wurde, für die Abschirmungssysteme vier Sicherheitsstufen zu definieren: Typ 1 – minimales Risiko: Gefahren können genau eingeschätzt werden und sind voraussichtlich nur minimal; die üblichen Hygienemaßnahmen in klinischen mikrobiologischen Labors sind einzuhalten. Typ 2 – niedriges Risiko: Aus den verfügbaren Informationen geht hervor, dass die rekombinante DNA das ökologische Verhalten der Empfängerspezies nicht nennenswert verändern und ihre Pathogenität nicht signifikant erhöhen wird. Verboten ist das Pipettieren mit dem Mund, der Zugang von Laborpersonal wird eingeschränkt, und Verfahren, bei denen Aerosole entstehen können, sind unter einer Sicherheitswerkbank durchzuführen. Typ 3 – moderates Risiko: Es besteht die Möglichkeit, einen Erreger zu erzeugen, der ein erhebliches Potenzial zur Pathogenität oder zu ökologischen Störungen aufweist. Ergänzend zu den Regelungen für Typ 2 ist der Gentransfer bei Unterdruck unter einer Sicherheitswerkbank und mit Handschuhen durchzuführen, Abluft muss gefiltert werden. Typ 4 – hohes Risiko: Diese Sicherheitsstufe ist für Experimente vorgesehen, bei denen das Potenzial für ökologische Störungen groß oder die Pathogenität des veränderten Organismus schwerwiegend sein könnte und somit eine potentiell ernste Gefahr für das Laborpersonal oder die Öffentlichkeit besteht. Die Labors müssen konzipiert worden sein, um mit hochinfektiösen mikrobiologischen Agenzien arbeiten zu können, d. h. sie sind baulich isoliert von anderen Bereichen durch Schleusen, man arbeitet unter Unterdruck, das Personal muss beim Betreten der Einrichtung die Kleidung wechseln und sich duschen, es gibt Vorrichtungen zur Inaktivierung oder Entfernung biologischer Agenzien (zur Dekontamination) sowohl für das Personal als auch für Abluft und für alle flüssigen oder festen Abfälle.
Des Weiteren wurden Risikoabschätzungen für unterschiedliche Formen von Experimenten formuliert, und zwar (1) für Prokaryoten, Bakteriophagen und Plasmide, (2) für Tierviren, (3) für Eukaryoten und (4) für aufzuschiebende Experimente. Zu den letztgenannten Experimenten heißt es in der Zusammenfassung der Diskussionsergebnisse vom Juni 1975:
Nachwirkungen In der Fachzeitschrift Science wurde bereits im März 1975 kommentiert, sowohl die Asilomar-Konferenz als auch das vorhergegangene Moratorium hätten zwar nur die Macht eines moralischen Appells, aber die Vorschläge seien Leitlinien, die wahrscheinlich in vielen Ländern von den Behörden, die für die Ausarbeitung der nationalen Vorschriften zuständig sind, genau befolgt werden. Begründet wurde dieser Optimismus durch den Umstand, dass es in der Geschichte der Wissenschaft beispiellos zu sein scheint, dass einer technischen Entwicklung nicht erst nach dem ersten Auftreten der abzuwendenden Gefahren Sicherheitsvorkehrungen auferlegt werden.Nicholas Wade: Genetics: Conference Sets Strict Controls to Replace Moratorium. In: Science. Band 187, Nr. 4180, 1975, S. 931–934, doi:10.1126/science.11643274. Tatsächlich machten sich die US-amerikanischen National Institutes of Health die Vorschläge der Konferenzteilnehmer zu eigen und setzten sie 1976 in verbindliche Richtlinien für das Arbeiten mit neukombinierter DNA um (Guidelines for Research Involving Recombinant DNA Molecules).
1978 wurde in Deutschland die Zentrale Kommission für die Biologische Sicherheit (ZKBS) am damaligen Bundesgesundheitsamt eingerichtet. Die Experten der ZKBS übersetzten noch im gleichen Jahr die US-Richtlinien in geringfügig modifizierter Form in deutsches Recht (Richtlinien zum Schutz vor Gefahren durch in vitro neukombinierte Nukleinsäuren). Diese sogenannten Genrichtlinien wurden mehrfach überarbeitet und galten bis zum Inkrafttreten des Gentechnikgesetzes (GenTG) am 1. Juli 1990. Wie von der Asilomar-Konferenz vorgeschlagen, werden in Deutschland gentechnische Arbeiten im Gentechnikgesetz in vier Sicherheitsstufen eingeteilt. Auch die rechtlichen Grundlagen, deren Ziel der Schutz der Arbeitnehmer gegen eine Gefährdung durch biologische Arbeitsstoffe bei der Arbeit ist (siehe Biologische Schutzstufe#Risikogruppen), orientieren sich in Deutschland an den Vorschlägen der Asilomar-Konferenz.