Dieter Keller (geb. 1909 in Stuttgart; gest. 1985 ebenda) war ein deutscher Verleger, Fotograf, Druckereileiter und Kunstsammler.
Lebensweg
Dieter Keller war ein Sohn des Stuttgarter Verlegers Walther Keller (1864–1952)Waschzettel zu: Dieter Keller – „Das Auge des Krieges / The Eye of War“, in: Buchkunst Berlin, Galerie, Verlag, Agentur, https://www.buchkunst-berlin.de/produkt/dieter-keller-das-auge-des-krieges-the-eye-of-war/ : „Dieter Keller (1909–1985), als Sohn des erfolgreichen Inhabers des Franck-Kosmos Verlagshauses geboren…“ und seiner Ehefrau Paula, geb. Regensberg (1875–1957).Adalbert Brauer: Keller, Walther, in: Neue Deutsche Biographie 11 (1977), S. 468–469, Online-Version, https://www.deutsche-biographie.de/pnd137730802.html Walther Keller war Mitinhaber der Franckh’schen Verlagshandlung, des späteren Kosmos-Verlags. Dort arbeitete Dieter Keller zeitweilig als Herstellungsleiter.Eva Zimmer: Wandbilder für die Schulpraxis: Eine historisch-kritische Analyse der Wandbildproduktion des Verlags Schulmann 1925–1987. Verlag Julius Klinkhardt, 2017, S. 121, https://books.google.de/books?id=sgFADwAAQBAJ&newbks=1&newbks_redir=0&lpg=PA121 Sein jüngerer Bruder Rolf Keller (1916–1987) trat im Jahr 1948 in das väterliche Unternehmen, die Franckh’sche Verlagshandlung W. Keller & Co., ein, die er von 1950 bis zu seinem Tod 1987 leitete.
Dieter Keller sammelte moderne Kunst. Mit dem Bauhaus-Künstler Oskar Schlemmer verband ihn eine enge Freundschaft; er pflegte auch freundschaftlichen Kontakt zu Willi Baumeister, Marcel Duchamp, Alexej von Jawlensky, Ida Kerkovius und anderen namhaften Künstlern der Moderne.Ausstellung Dieter Keller (1909–1985). Photos von der Ostfront, 10. September – 18. Dezember 2010, in: Galerie Berinson, Berlin, https://www.berinson.de/exhibitions/keller/
Dem nationalsozialistischen Regime, das seinen Freund Oskar Schlemmer als „Kulturbolschewisten“ schmähte, stand Keller nicht nah.Sven Felix Kellerhoff: „Dieter Keller fotografierte den Krieg so hässlich, wie er war.“ In: Die Welt, 25. Dezember 2021. Dieser Artikel wurde erstmals im Juni 2021 veröffentlicht, https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article232085323/Fall-Barbarossa-Dieter-Keller-fotografierte-Krieg-so-haesslich-wie-er-war.html Keller gehörte zu einem Kreis Stuttgarter Kunstfreunde, die sich der völkischen Kulturpolitik des Nationalsozialismus zum Trotz weiterhin zur Moderne bekannten. Zu diesem Kreis zählten neben vielen Künstlern auch der Rechtsanwalt Arnulf Klett (1905–1974), der 1945 von der französischen Militärverwaltung zum ersten Oberbürgermeister Stuttgarts bestellt wurde, sowie der Kunstsammler Hugo Borst (1881–1967), ein Neffe von Robert Bosch und kaufmännischer Direktor der Robert Bosch GmbH Stuttgart, der unbeirrt weiter junge Kunst kaufte, gleichgültig, ob diese von den Nationalsozialisten als „entartet“ verfemt wurde oder nicht.Eckhart Gillen (Hrsg.), „Deutschlandbilder: Kunst aus einem geteilten Land“. Katalog zur zentralen Ausstellung der 47. Berliner Festwochen im Martin-Gropius-Bau, Köln, Dumont-Verlag, 1993, S. 65, https://archive.org/details/deutschlandbilde0000unse/page/62/mode/2up?q=%22Dieter+Keller%22 Keller sammelte nicht nur moderne Kunstwerke, sondern auch alte Hinterglasbilder.Karin von Maur, „Oskar Schlemmer“ (Monographie), herausgegeben vom Oskar Schlemmer Archiv der Staatsgalerie Stuttgart, Prestel-Verlag, München, 1979, ISBN 3-7913-0370-8, S. 263, https://archive.org/details/oskarschlemmer0000maur/page/262/mode/2up?q=%22Dieter+Keller%22 Er schätzt die von den Nationalsozialisten gedemütigten, geschmähten und verbotenen Maler wie August Macke, Paul Klee und Adolf Hölzel.Thomas Borgmann, „Schlemmer-Wandgemälde in der Staatsgalerie. Eine halbe Tonne großer Kunst.“ in: Stuttgarter Zeitung, 14. April 2016, https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.schlemmer-wandgemaelde-in-der-staatsgalerie-eine-halbe-tonne-grosser-kunst.3d60a4d9-c0a0-49b8-908b-63de1fc3327f.html Seinem Freund Oskar Schlemmer erteilt Keller den Auftrag, eine etwa 2,20 × 4,50 Meter große Wand im Wohnzimmer seines Hauses im Knappenweg 31 in Stuttgart-Vaihingen zu gestalten. Schlemmer erstellte etliche Entwürfe und führte schließlich einen davon in der Zeit vom 19. bis 24. Juli 1940 aus.Karin von Maur, „Oskar Schlemmer“, München, Prestel 1979, S. 262 Zu der Zeit, in der Oskar Schlemmer im Haus Dieter Keller das Wandbild malte, also 1940, war Dieter Keller bereits verheiratet; seine Frau hieß Martha Keller-SchenkElisa Kaiser, Titelthema: „Kunst im Zwiespalt. Gegen die Wand. Die Staatsgalerie Stuttgart erwirbt Oskar Schlemmers großformatiges Wandbild »Familie«“, in: Kulturstiftung der Länder, [ohne Datum], https://www.kulturstiftung.de/gegen-die-wand/ und erwartete ein Kind.„Nachdem er die abstraktere Version mit Todessymbolen aus Rücksicht auf die Auftraggeber (das junge Paar erwartete ein Kind und der Ehemann war Soldat an der Ostfront) verlassen hatte, suchte er das Thema »Familie« darzustellen, allerdings nicht personbezogen, sondern ins Allgemeine und Gleichnishafte übertragen.“, so: Karin von Maur, Oskar Schlemmer (Monographie), herausgegeben vom Oskar Schlemmer Archiv der Staatsgalerie Stuttgart, Prestel-Verlag, München, 1979, ISBN 3-7913-0370-8, S. 262, https://archive.org/details/oskarschlemmer0000maur/page/10/mode/2up?q=%22Dieter+Keller%22 Der Sohn Christian Keller wurde im Knappenweg geboren.
Spätestens im Januar 1941 wurde Keller zur Wehrmacht eingezogen. Er war zunächst in Polen, nahe der Grenze zur Sowjetunion, eingesetzt.Siehe Brief Kellers aus Polen vom 25. Januar 1941 an Ada Nolde: „…, und dann kam vor acht Tagen die Kommandierung hierher, das heißt, in völlige Wildnis, unmittelbar an die russische Grenze, …“, zitiert nach: Stiftung Seebüll Ada und Emil Nolde (Hrsg.): Emil Nolde. Reisen, Ächtung, Befreiung. 1919–1946. Köln, DuMont Schauberg, 1967, 3. Auflage, Köln, DuMont, 1978, ISBN 3-7701-0418-8, S. 145, https://archive.org/details/reisenachtungbef0000unse/page/144/mode/2up?q=%22Dieter+Keller%22 Es sind nicht viele Details zu Dieter Kellers Kriegsdienst bei der Wehrmacht überliefert. 1941/42 war er an der Ostfront im Einsatz.Zwar schreibt Eckhart Gillen (Hrsg.): Deutschlandbilder: Kunst aus einem geteilten Land. Katalog zur zentralen Ausstellung der 47. Berliner Festwochen im Martin-Gropius-Bau, Köln, Dumont-Verlag, 1993, Fußnote 20 auf den Seiten 66 und 70, https://archive.org/details/deutschlandbilde0000unse/page/62/mode/2up?q=%22Dieter+Keller%22: „Dieter Keller wurde nicht an die Ostfront beordert, wie in der Literatur durchgängig zu lesen, sondern als Dolmetscher nach Italien (nach übereinstimmender Mitteilung des Sohnes Frank Keller und Fritz Valentien).“ Dass Keller aber zumindest im Januar 1941 in Polen war, belegt sein Brief aus Polen vom 25. Januar 1941: „…, und dann kam vor acht Tagen die Kommandierung hierher, das heißt, in völlige Wildnis, unmittelbar an die russische Grenze, …“, zitiert nach: Stiftung Seebüll Ada und Emil Nolde (Hrsg.): Emil Nolde. Reisen, Ächtung, Befreiung. 1919–1946. Köln, DuMont Schauberg, 1967, 3. Auflage, Köln, DuMont, 1978, ISBN 3-7701-0418-8, S. 145, https://archive.org/details/reisenachtungbef0000unse/page/144/mode/2up?q=%22Dieter+Keller%22 Und das belegen natürlich vor allem auch seine in der Ukraine aufgenommenen Fotos. Offenbar ist Keller im Laufe des Jahres 1942 von der Ostfront nach Italien versetzt worden. Er war offenbar mit Verwaltungsaufgaben betraut. Soweit bisher bekannt ist, war Kellers Truppeneinheit überwiegend im Grenzgebiet zwischen Russland, Weißrussland und der Ukraine eingesetzt.
Keller fotografierte mit einem sowjetischen Leica-Nachbau, einer sogenannten Fedka.Waschzettel zu: „Dieter Keller – Das Auge des Krieges / The Eye of War“, in: Buchkunst Berlin, Galerie, Verlag, Agentur, https://www.buchkunst-berlin.de/produkt/dieter-keller-das-auge-des-krieges-the-eye-of-war/ Die Fedka war eine vom sowjetischen Hersteller FED hergestellten Kopie der deutschen Leica-Kamera. Während FED bereits ab 1932 sowjetische Leica-Nachbauten produzierte, begann der sowjetische Hersteller Krasnogorski sawod erst 1948 mit der Herstellung seines Leica-Nachbaus namens Zorki. Im Kriegsgebiet zu fotografieren war nur offiziellen Bildberichterstattern erlaubt, aber zahlreiche erhalten gebliebene private Alben mit Fotos aus dem Militäralltag belegen, dass etliche deutsche Soldaten das Verbot privater Fotografien übertraten. Keller hinterließ etwa 200 Photographien, die er während seiner Zeit als Soldat aufgenommen hatte. Seine Aufnahmen zeigen – neben Landschaft, Dörfern und Personen aus der einheimischen Bevölkerung – vor allem die Zerstörungen des Krieges, die deformierten Körper gefallener Soldaten und toter Zivilisten sowie Tierkadaver. Dieter Keller benutzt die Mittel der seriellen Fotografie, um filmisch anmutende Bildsequenzen zu erzeugen.
Dieter Keller wurde 1942 von der Ostfront in den Westen versetzt und war dort als Dolmetscher in Italien tätig.Martin Bayer: Dieter Keller (1909–1985) – Photos von der Ostfront, in: Wartist, 28. Oktober 2010, https://www.wartist.org/blog/?p=737
Dieter Keller hat seine im Kleinbildformat aufgenommenen Fotografien erst nach dem Krieg entwickeln und vergrößern können.Stefan Sauer, Rezension von: Dieter Keller: Das Auge des Krieges/The Eye of War. Ukraine 1941/42. Hrsg. von/Ed. by Norbert Moos, Berlin: Buchkunst Berlin 2020, in: Militärgeschichtliche Zeitschrift, Band 80, Heft 2, 10. November 2021, Walter de Gruyter Von rund 200 seiner Negative fertigte Keller daheim in Vaihingen selbst Vergrößerungen im Format 18 × 24 cm an. Der Gesamtbestand an Negativen aus dieser Zeit ist unglücklicherweise im Jahr 1958 durch Selbstentzündung des Zelluloidfilms verbrannt. Die etwa 200 erhalten gebliebenen Abzüge sind daher Unikate.
Kellers umfangreicher Feldpostbriefwechsel liegt in der Staatsgalerie Stuttgart.
Im Jahr 1943 wurde der Franckh-Kosmos-Verlag ausgebombt.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs führte Dieter Keller in Stuttgart den Kunstverlag KG Dieter Keller & Cie., den er auf Grund wirtschaftlicher Schwierigkeiten bald wieder aufgeben musste.Will Grohmann, München, Verlag Hirmer, 2012, S. 104, https://archive.org/details/willgrohmann0000groh/page/104/mode/2up?q=%22Dieter+Keller%22 Dieter Keller arbeitete später für den W. Kohlhammer Verlag in Stuttgart.
Dieter Keller wurde Geschäftsleiter der Offset-Druckerei Fricke & Co. in Stuttgart-Feuerbach,Zentralarchiv für deutsche und internationale Kunstmarktforschung (ZADIK) der Universität Köln, Philosophische Fakultät, „Dieter Keller“, https://zadik.uni-koeln.de/homepage/person.aspx?p=6822 . S. a.: Sven Felix Kellerhoff, Dieter Keller fotografierte den Krieg so hässlich, wie er war. In: Die Welt, 25. Dezember 2021. Dieser Artikel wurde erstmals im Juni 2021 veröffentlicht., https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article232085323/Fall-Barbarossa-Dieter-Keller-fotografierte-Krieg-so-haesslich-wie-er-war.html: „Nach 1945 betrieb Keller die größte Offsetdruckerei in Süddeutschland …“ die unter anderem Schulwandbilder druckte. Bereits seit 1926 wurden die schulischen Wandbilder des Kosmos-Verlages bei der Druckerei Fricke gedruckt, an der Walther Keller vom Kosmos-Verlag Teilhaber war.Eva Zimmer: Wandbilder für die Schulpraxis: Eine historisch-kritische Analyse der Wandbildproduktion des Verlags Schulmann 1925–1987. Verlag Julius Klinkhardt, 2017, S. 55
Keller engagierte sich für das Werk seines 1943 verstorbenen Freundes Oskar Schlemmer. Er beteiligte sich an der Erstellung des 1957 veröffentlichten ersten Kataloges des Gesamtwerks von Oskar Schlemmer.Karin von Maur, „Oskar Schlemmer“, München, Prestel 1979, S. 11, https://archive.org/details/oskarschlemmer0000maur/page/10/mode/2up?q=%22Dieter+Keller%22 Im Jahr 1969 wurde auf Initiative von Dieter Keller an der Staatsgalerie Stuttgart ein Oskar-Schlemmer-Archiv gegründet.