Die Staatsbürger-Zeitung war eine deutsche Tageszeitung. Sie erschien vom 1. Januar 1865Walther G. Oschilewski, „Zeitungen in Berlin im Spiegel der Jahrhunderte“, Verlag Haude & Spener, Haude & Spenersche Verlagsbuchhandlung, Berlin, 1975, S. 79, ISBN 3-7759-0159-0 bis zum 4. Dezember 1926Zeitschriftendatenbank (ZDB), Katalog, »Staatsbürger-Zeitung«, https://zdb-katalog.de/title.xhtml?idn=016683528&view=brief in Berlin.

Sie ist nicht mit der Constitutionellen Staatsbürgerzeitung zu verwechseln.

Werdegang

Im Jahr 1864 gründete der zum Apotheker ausgebildete Berliner Likör-FabrikantJournal für Buchdruckerkunst, Schriftgießerei und die verwandten Fächer, No. 36, XXXVIII. Jahrgang (38. Jahrgang), den 4. October 1871, begründet von Dr. Heinrich Meyer, S. 1, „Juristisches.“ Richard Friedrich Ludwig Ferdinand Daubitz, der bis dahin als Hersteller von Kräuter-Likör bekannt war, die Staatsbürger-Zeitung zusammen mit Friedrich Wilhelm Held, der als einer der Wortführer der bürgerlichen Revolution von 1848 in Erscheinung getreten war und journalistische Erfahrungen mitbrachte. Held hatte ab Januar 1843 die Wochenzeitung Leipziger Locomotive herausgegeben, die eine Auflage von 20.000 Exemplaren erreichte. Ab April 1848 gab er sein Blatt in Berlin als Locomotive. Zeitung für politische Bildung des Volkes heraus.

In Werbeanzeigen für die neue Staatsbürger-Zeitung, die Ende 1864 / Anfang 1865 zum Beispiel in der Berliner Gerichts-ZeitungSiehe: Beilage der Berliner Gerichts-Zeitung, No. 152, 12. Jahrgang, 29. Dezember 1864, S. 1 dieser Beilage. Auch: Beilage der Berliner Gerichts-Zeitung, No. 153, 12. Jahrgang, 31. Dezember 1864, S. 2 dieser Beilage und in der National-Zeitung erschienen,National-Zeitung (Abend-Ausgabe), Berlin, 2. Januar 1865, 18. Jahrgang, No. 2, S. 4 wurde allerdings nicht Friedrich Wilhelm Held, sondern Rudolph Altschaffel als verantwortlicher Redakteur genannt.

Die neue Zeitung wurde wie folgt beworben:

Daubitz erwarb im Jahr 1865 eine Buchdruckerei, zunächst wohl nur zu dem Zweck, dort die Staatsbürger-Zeitung zu drucken.Journal für Buchdruckerkunst, Schriftgießerei und die verwandten Fächer, No. 36, XXXVIII. Jahrgang (38. Jahrgang), 4. Oktober 1871, S. 1, Juristisches.

Die Staatsbürger-Zeitung erreichte in den Jahren 1866 bis 1868 mit einer Auflage von ca. 25.000 Exemplaren ihre größte Verbreitung und zählte damit zu den damals auflagenstärksten deutschen Tageszeitungen.Germania, Zeitung für das deutsche Volk, Berlin, 1881, Local-Nachrichten, 28. März 1881, „Die 'Berliner Nachrichten' sind unlängst in die 'Volks-Zeitung' aufgegangen.“, https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb11459100?q=%22Mertelmeyer%22&page=480,481

Im Jahr 1880 war die am weitesten verbreitete Zeitung das Berliner Tageblatt mit 70.000 Abnehmern. Diesem kamen am nächsten Berliner Zeitung, Berliner Volks-Zeitung, Vossische Zeitung mit zwischen jeweils 20. bis 30.000 Exemplaren; dann folgten Staatsbürger-Zeitung, Berliner Börsenzeitung, National-Zeitung mit einer Auflage von jeweils 15. bis 20.000 Exemplaren.Carl B. Lorck, „Handbuch der Geschichte der Buchdruckerkunst“, 2. Teil: „Wiedererwachen und neue Blüte der Kunst, 1751–1882.“, Leipzig, Verlag von J. J. Weber, MDCCCLXXXIII (1883), https://archive.org/details/handbuchdergesch02lorc/page/366/mode/2up?q=Staatsb%C3%BCrger

In der ersten Hälfte des Jahres 1871 erreichte die Staatsbürger-Zeitung eine Auflage von mehr als 30.000 Exemplaren.Journal für Buchdruckerkunst, Schriftgießerei und die verwandten Fächer, No. 36, XXXVIII. Jahrgang (38. Jahrgang), 4. Oktober 1871, S. 1, „Juristisches.“

Im zweiten Quartal des Jahres 1871 kam es zum Bruch zwischen Daubitz und Held.Journal für Buchdruckerkunst, Schriftgießerei und die verwandten Fächer, No. 36, XXXVIII. Jahrgang (38. Jahrgang), 4. Oktober 1871, S. 1, „Juristisches.“ Nach ihrer Trennung voneinander erschienen eine Zeit lang zwei Staatsbürger-Zeitungen: die Aelteste, gegründet von R. F. Daubitz‚ und die Alte – Heldsche.Germania, Zeitung für das deutsche Volk, Berlin, 1881, Local-Nachrichten, 28. März 1881, „Die 'Berliner Nachrichten' sind unlängst in die 'Volks-Zeitung' aufgegangen.“, https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb11459100?q=%22Mertelmeyer%22&page=480,481

Held ließ seine Zeitung in der Strousberg’schen Buchdruckerei drucken, die Helds Freund, der frühere Buchdruckereibesitzer Ferdinand Reichardt, leitete. Die Namen in der gesetzlichen Druckfirma (also im Impressum) der Held’schen Staatsbürger-Zeitung waren folgende: Verantwortlicher für Redaktion: Dedo Müller, für Verlag: Ferdinand Reichardt, für Druck: A. Neuendorff. Der nominelle Redakteur Müller sowie der Maschinenmeister Neuendorff waren zuvor in derselben Verantwortlichkeitsstellung in der Daubitz’schen Staatsbürger-Zeitung tätig gewesen und mit Held fortgezogen.Journal für Buchdruckerkunst, Schriftgießerei und die verwandten Fächer, No. 36, XXXVIII. Jahrgang (38. Jahrgang), den 4. October 1871, begründet von Dr. Heinrich Meyer, S. 1, „Juristisches“.

Die Auflage der Daubitz’schen Staatsbürger-Zeitung ging seit Helds Ausscheiden im Jahr 1871 immer weiter zurück. Sie gelangte schon bald nach der Spaltung in den Besitz eines Konsortiums und erschien dann unter dem Titel Berliner Bürger-Zeitung.Germania, Zeitung für das deutsche Volk, Berlin, 1881, Local-Nachrichten, 28. März 1881, „Die 'Berliner Nachrichten' sind unlängst in die 'Volks-Zeitung' aufgegangen.“, https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb11459100?q=%22Mertelmeyer%22&page=480,481 Das Konsortium der Eigentümer der Berliner Bürger-Zeitung wurde von dem Buchhändler Daniel Collin, dem Berliner Stadtverordneten und Regierungsrat a. D. Beutner und dem Abgeordneten Karl Braun – Wiesbaden angeführt. Als dieses Konsortium die Daubitz’sche Staatsbürger-Zeitung übernahm, schied Dr. Alexis Schmidt, ein Chefredakteur der alten Spener’schen Zeitung, aus der Staatsbürger-Zeitung aus, die er eine Weile geleitet hatte.Otto Glagau, „Der Börsen- und Gründungs-Schwindel in Berlin. Gesammelte und stark vermehrte Artikel der »Gartenlaube.«“, Leipzig, Verlag von Paul Frohberg, 1876, S. 250/251, Fußnote, https://archive.org/stream/bub_gb_sUAKAQAAMAAJ/bub_gb_sUAKAQAAMAAJ_djvu.txt ; https://archive.org/details/bub_gb_sUAKAQAAMAAJ/page/n287/mode/2up?q=Staatsb%C3%BCrger

Eigentümerin der Held’schen Staatsbürger-Zeitung war eine Genossenschaft, deren faktischer Leiter Held war. Held starb am 26. März 1872 in Berlin. Die Held’sche Staatsbürger-Zeitung schlug nach seinem Tod eine klar antisemitische Richtung ein. Franz Mehring, der gelegentlich Artikel in der Staatsbürger-Zeitung veröffentlicht hatte, schrieb, nachdem Held 1872 gestorben war, über das Blatt: „Möglichst querköpfig in sachlichen, möglichst anzüglich in persönlichen Fragen ist ihre Parole; ohne publizistisches Talent redigiert, weiß sie durch pfiffige Spekulationen auf die schlechten Neigungen des gemeinen Mannes sich weitreichenden Einfluss zu sichern.“zitiert nach: Walther G. Oschilewski, „Zeitungen in Berlin im Spiegel der Jahrhunderte“, Haude & Spenersche Verlagsbuchhandlung, Berlin, 1975, ISBN 3-7759-0159-0, S. 79

In den späten 1880er Jahren schrieb Richard Schott (1860–1921) für die Staatsbürger-Zeitung.Adolf Bartels, Die deutsche Dichtung von Hebbel bis zur Gegenwart: Die Jüngeren, 1922, S. 61, Digitalisat - Auszug; Franz Brümmer, Lexikon der deutschen Dichter und Prosaisten vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart, 6. Band: Risch bis Spiller, sechste, völlig neu bearbeitete und stark vermehrte Auflage, Leipzig, Verlag von Philipp Reclam junior, 1913, S. 296, Digitalisat

Die Staatsbürger-Zeitung verkündete im Zeitungskopf ihre Grundsätze: „Mit Vernunft für Wohlfahrt, Freiheit und Macht. Im Innern: Besserung der Zustände; in der äußeren Politik: Deutschlands Interessen.“Walther G. Oschilewski, „Zeitungen in Berlin im Spiegel der Jahrhunderte“, Haude & Spenersche Verlagsbuchhandlung, Berlin, 1975, S. 79

Im Jahr 1898 beteiligte Wilhelm Bruhn sich am Verlag der Berliner Staatsbürger-Zeitung, deren Leitung er als Verleger und Herausgeber übernahm. Unter seiner Führung entwickelte die Staatsbürger-Zeitung explizit antisemitische Tendenzen.Walther G. Oschilewski, „Zeitungen in Berlin im Spiegel der Jahrhunderte“, Haude & Spenersche Verlagsbuchhandlung, Berlin, 1975, S. 79 So druckte die Zeitung wiederholt antisemitische Reden des Grafen Walter von Pückler ab. Dieser hatte beispielsweise in seiner Rede Die praktische Lösung der Judenfrage in der Berliner Tonhalle am 13. Juli 1900 das „Durchhauen und Rausschmeißen“ der Juden als „das einzige Mittel“ zur „Lösung der Judenfrage“ angepriesen und vor Mitleid gegenüber „dem jüdischen Ungeziefer“ gewarnt.Christoph Jahr, „Antisemitismus vor Gericht: Debatten über die juristische Ahndung judenfeindlicher Agitation in Deutschland (1879-1960)“, Campus-Verlag, 2011, S. 194

Die Staatsbürger-Zeitung stand der Deutschsozialen Partei nahe, war jedoch nicht deren offizielles Parteiorgan.„Die Vorbereitungen für den bevorstehenden Parteitag in Hamburg“, in: Deutsch-Soziale Blätter, Berlin/Leipzig, 22. Juni 1899, S. 137, https://archive.org/stream/bub_gb_IjsZAAAAYAAJ/bub_gb_IjsZAAAAYAAJ_djvu.txt ; https://archive.org/details/bub_gb_IjsZAAAAYAAJ/page/n203/mode/2up?q=Staatsb%C3%BCrger

Aufgrund ihrer antisemitischen Artikel gerieten Mitarbeiter der Staatsbürger-Zeitung wiederholt mit dem Gesetz in Konflikt. So wurden am 3. Juni 1899 ihr Redakteur Johannes Wilberg und ihr Herausgeber Wilhelm Bruhn wegen öffentlicher Anreizung zu Gewalttätigkeiten, begangen durch die Verbreitung von antisemitischen Reden des Grafen Pückler, zu Geldstrafen verurteilt.Volksstimme, Nr. 129, 10. Jahrgang, Magdeburg, 6. Juni 1899, S. 3, „Nachrichten aus dem Reiche. Berlin (Anreizung zu Gewaltthätigkeiten.)“, http://library.fes.de/magdeburg/pdf/1899/1899-129.pdf : „Die 9. Strafkammer des Landgerichts I hat am Sonnabend [03.06.1899] die Redakteure Wilberg von der Staatsbürger-Zeitung und Schürkämper vom Berliner antisemitischen Generalanzeiger wegen öffentlicher Anreizung zu Gewaltthätigkeiten, begangen durch die Verbreitung der antisemitischen Reden des Grafen Pückler-Kleintschirne, zu je 200 Mark, den Verleger der Staatsbürger-Zeitung, Wilhelm Bruhn, zu 100 Mark Geldstrafe verurteilt; der Verleger des Generalanzeigers Gedlatzer wurde freigesprochen.“ Am 26. Oktober 1900 wurde Paul Bötticher, der abermals antisemitische Reden des Grafen Pückler abgedruckt hatte, vom Landgericht von dem Vorwurf der Aufreizung zum Klassenhass freigesprochen.Christoph Jahr, „Antisemitismus vor Gericht: Debatten über die juristische Ahndung judenfeindlicher Agitation in Deutschland (1879-1960)“, Campus-Verlag, 2011, S. 194: „Die siebte Strafkammer des Landgerichts Berlin I sprach Pückler am 26. Oktober 1900 dennoch wieder vom Vorwurf der Aufreizung zum Klassenhass frei, da seine Äußerungen zwar objektiv den Tatbestand des Paragraphen 130 StGB erfüllten, subjektiv aber keine Absicht der Anreizung vorgelegen habe, schließlich hätten seine Reden noch nie zu Gewalttätigkeiten geführt.336 Im Gegensatz zum Urteil der neunten Strafkammer des Landgerichts Berlin I vom 3. Juni 1899 wurde in diesem Fall der mitangeklagte Redakteur der Staatsbürger-Zeitung, Paul Bötticher, ebenfalls freigesprochen, weil das Verbreiten einer rechtlich einwandfreien Rede in der Presse nicht strafwürdig sei.“