mini|Jean Piaget in Ann Arbor, 1967
Die Theorie der kognitiven Entwicklung nach Piaget ist eine umfassende Theorie über die Natur und Entwicklung menschlicher Intelligenz. Sie geht auf den Schweizer Entwicklungspsychologen Jean Piaget zurück. Die Theorie befasst sich mit der Natur von Wissen und Erkenntnis, mit deren Erwerb, Konstruktion und Gebrauch. Piagets Theorie ist hauptsächlich als Theorie kognitiver Entwicklungsstufen bekannt.
Im Jahr 1919, während seiner Arbeit an der Alfred-Binet-Laborschule in Paris, war Piaget fasziniert von der Tatsache, dass Kinder unterschiedlichen Alters beim Lösen von Problemen unterschiedliche Fehler machten.Franzoi, Stephen L. (2007). Essentials of Psychology, S. 119. Seine Erfahrungen und Beobachtungen am Alfred-Binet-Laboratorium waren die Anfänge seiner Theorie der kognitiven Entwicklung.
Piaget glaubte, dass Kinder nicht wie ‚kleine Erwachsene‘ seien, die nur über weniger Wissen verfügten – Kinder dächten und sprächen grundsätzlich anders. Da Piaget davon ausging, dass Kinder über große kognitive Fähigkeiten verfügen, entwickelte er vier verschiedene Stufen der kognitiven Entwicklung, die er in Tests untersuchte. Es gelang ihm, die verschiedenen untersuchten Altersgruppen diesen vier Entwicklungsstufen zuzuordnen. Für jede Stufe beschrieb Piaget die jeweilige Entwicklung der kognitiven Fähigkeiten der Kinder.
Für Piaget war kognitive Entwicklung gleichzusetzen mit einer fortschreitenden Reorganisation geistiger Prozesse, die sich aus der biologischen Reifung und den Erfahrungen der Umwelt ergäben. Er ging davon aus, dass Kinder ein Verständnis für die sie umgebende Welt aufbauten, Diskrepanzen zwischen dem, was sie bereits wüssten, und dem, was sie in ihrer Umgebung entdeckten, erfahren und danach ihre Vorstellungen entsprechend anpassen würden. Darüber hinaus behauptete Piaget, dass die kognitive Entwicklung im Zentrum des menschlichen Organismus stehe und die Sprache von dem durch die kognitive Entwicklung erworbenen Wissen und Verständnis abhänge.
Kognitive Funktionen Im Zentrum der Piagetschen Theorie stehen zwei komplementäre funktionale und bereits den rein biologischen Bereich kennzeichnende Prozesse: Assimilation auf der einen und Akkommodation auf der anderen Seite. Beide sind Aspekte der Anpassung (Adaptation) des Individuums an seine Umwelt, denn im Austauschverhältnis zwischen Mensch und Umwelt sind zwei Arten der Anpassung möglich: zum einen die Anpassung des eigenen Verhaltens an die Außenwelt (Beispiel: das Kind ahmt die Eltern nach), zum anderen die Anpassung der Außenwelt an das eigene Verhalten (zum Beispiel im symbolischen Kinderspiel: «Ich wäre jetzt die Mutter und du wärst jetzt das Baby …»).
Zur weiteren Veranschaulichung dient die von Piaget selbst verwendete Analogie der Nahrungsaufnahme: Das Aufnehmen der Nahrung, deren Zerkauen und das stoffliche Zersetzen bedeutet Assimilation im Sinne von Anpassung an den Organismus. Der Organismus selbst passt sich aber auch der Nahrung an, da er bei der Nahrungsaufnahme den Besonderheiten der jeweiligen Nahrung Rechnung tragen muss (zum Beispiel wird eine Suppe nicht gekaut).
Ein zuweilen zitiertes Beispiel ist der Greifakt des Kindes in den frühen Stadien: Das Kind kommt mit einem Greifreflex zur Welt. Ein Gegenstand, der anfangs durch Zufall berührt und dann automatisch ergriffen wird, wird sozusagen an den Greifakt assimiliert. Der Gegenstand bildet für das Kind etwas Greifbares. Er existiert für das Kind zu diesem Zeitpunkt nur als solcher, also quasi als „Greifobjekt“ und noch nicht als Objekt im geläufigen Sinne mit all seinen sensorisch erfassbaren Eigenschaften (siehe Objektpermanenz).
Die Assimilationsbewegung wird an diesem Objekt nun immer wieder geübt. Der Gegenstand bildet «Nahrung» für das Greifschema. Das Kind begegnet natürlich anderen Gegenständen. Diese werden ebenso an das Schema assimiliert. Dennoch kann nun nicht mehr dieselbe Greifaktion ausgeführt werden. Ein Spielzeugauto muss anders gegriffen werden als eine Rassel. Noch prägnanter wird das Beispiel mit dem Versuch eines Kleinkindes, Wasser zu greifen. Das ausgebildete Greifschema muss dem neuen Gegenstand angepasst, also akkommodiert werden, im Falle des Wassers resultiert eine Schöpfbewegung. Die Eingliederung (incorporation) des Greifschemas einer Reihe von Gegenständen nennt Piaget generalisierende Assimilation.
Explizit bedeutet Assimilation so viel wie kognitive Integration von Sinneswahrnehmungen und Akkommodation der Differenzierung dieser (bereits integrierten) Sinneswahrnehmungen. Diese beiden Prozesse bilden die Grundlage für die Differenzierung eines Modells der Umwelt und sind die Grundlage für das Weltbild des Kindes (und auch des Erwachsenen).J. Piaget: Das Weltbild des Kindes. dtv/Klett-Cotta, München 1978.
Theorie über die Entstehung von Identität Piaget betrachtet den Menschen als ein offenes System. Darunter versteht er einen Organismus, der sich wandelt, auf Einflüsse der Umwelt reagiert, sich anpasst und die Umwelt selbst beeinflusst. Somit gliedert der Mensch seine Welt. Das System bleibt offen.
In diesem offenen System ist vieles möglich. Dennoch sind dem Menschen Grenzen gesetzt, z. B. die biologische Grenze. Zur Offenheit des Systems gehören Denkstrukturen und Gefühle, die für andere Menschen nicht ohne weiteres erkennbar sind.
Piaget ist der Ansicht, dass Menschen nach einem Äquilibrium (übers. Ausgleich) ihres Verständnis der sie umgebenden Umwelt streben. Dies geschieht durch Assimilation oder Akkommodation (siehe oben). Den Zustand empfundener Unzulänglichkeit in Bezug auf das Verstehen der eigenen Umwelt bezeichnet Piaget als Desäquilibrium. Indem der Organismus nach Erkenntnis strebe, entwickle sich das offene System schließlich weiter.
Auf diese Weise entsteht nach Piaget Identität durch das ständige Streben nach Gleichgewicht bzw. Auflösung von Zuständen des Ungleichgewichts.
Stadienmodell der kognitiven Entwicklung Die Stadien der kognitiven Entwicklung werden nach Piagets Entwicklungsmodell wie folgt eingeteilt: (vgl. auch Klann-Delius (1999)) Stadium der sensomotorischen Intelligenz (0–2 Jahre): Erwerb von sensomotorischer Koordination, praktischer Intelligenz und Objektpermanenz; Objektpermanenz aber noch ohne interne Repräsentation Stadium der präoperationalen Intelligenz (2–7 Jahre): Erwerb des Vorstellungs- und Sprechvermögens; gekennzeichnet durch Realismus, Animismus und Artifizialismus (zusammenfassend: Egozentrismus); kann nun zwischen belebt und unbelebt unterscheiden Stadium der konkret-operationalen Intelligenz (7–12 Jahre): Erwerb der Fähigkeit zum logischen Denken in Bezug auf konkrete (tatsächliche oder vorgestellte, aber nicht hypothetische) Sachverhalte. Dies ist verbunden mit Dezentrierung, Reversibilität, Invarianz, Seriation, Klasseninklusion und Transitivität Stadium der formal-operationalen Intelligenz (ab 12 Jahre): Erwerb der Fähigkeit zum hypothetischen logischen Denken, was die Fähigkeit bedeutet, die konkreten logischen Operationen der Stufe 3 auf andere solche Operationen anzuwenden.
Diese vier Stadien haben folgende Charakteristika: die einzelnen Stadien folgen aufeinander; ein Stadium muss durchlaufen sein, bevor das nächste folgen kann die Stadien kommen in allen Kulturen vor in unterschiedlichen Aufgabenbereichen geht die Stadienentwicklung unterschiedlich schnell vonstatten (décalage horizontal), weil die völlig abstrakte Beherrschung der kognitiven Strukturen erst mit Stufe 4 erreicht wird und die Fähigkeiten zuvor mithin an bestimmte Inhalte gebunden bleiben die Stadien sind durch qualitative, nicht nur durch quantitative Unterschiede voneinander abgegrenzt, die sich aber im Sinne des Verhaltens eines komplexen dynamischen Systems rekonstruieren lassen (letztlich als Ergebnis der Zunahme des Ausmaßes der Koordination) in den Stadien wird durch die Prozesse Assimilation und Akkommodation eine bessere Anpassung der Person an die durch die Umwelt bedingten Gegebenheiten (Adaptation) angestrebt. Insbesondere Akkommodation geschieht, wenn durch neue Erfahrungen ein Ungleichgewicht zwischen den bereits aufgebauten kognitiven Strukturen und realen Situationen festgestellt wird. Diese beiden Prozesse werden durch Reifung, durch Erfahrung und durch ErziehungVgl. etwa Jean Piaget: Theorien und Methoden der modernen Erziehung. angeregt und dies führt zum Durchlaufen der einzelnen kognitiven Stadien.
Stadium der sensomotorischen Intelligenz 0–1 Monat (Angeborene Reflexmechanismen): Bei Geburt ist das Kind in einem Zustand des absoluten Egozentrismus eingeschlossen, es unterscheidet nicht zwischen sich und der Außenwelt. Die Bewegungen des Kindes sind einfache Spontanbewegungen und Reflexe wie das Saugen, das Folgen von bewegten Objekten mit den Augen, das Schließen der Hand bei Berührung, unwillkürliches Strampeln usw.; aus diesen Reflexen werden später willkürliche Aktionen. 1–4 Monate (Primäre Kreisreaktionen): Neue Reaktionsmuster bilden sich durch zufällige Kombination einfacher Reflexe. Das Kind vereinigt getrennte Aktionen, z. B. mit der Hand zappeln und daran saugen. 4–8 Monate (Sekundäre Kreisreaktionen): Das Kind reagiert auf äußere Reize, aber Sehen und Greifen sind noch nicht koordiniert. Erste Versuche werden unternommen, um auf die Umgebung einzuwirken, z. B. durch das Erzeugen der Geräusche einer Rassel. 8–12 Monate (Intentionales Verhalten): Zielgerichtetes Verhalten entsteht. Ein Hindernis wird zur Seite geschoben, um einen Gegenstand zu greifen. Jetzt entsteht die Objektpermanenz. Neu tritt in diesem Alter auch die Acht-Monat-Angst („fremdeln“) auf: das Kind kann nun unterscheiden, welche Personen ihm vertraut sind und welche Personen ihm fremd sind. Während es früher alle menschlichen Gesichter angelächelt hat, schenkt es jetzt nur noch den ihm vertrauten Personen ein Lächeln. Auf Gesichter, die ihm fremd sind, reagiert es abweisend. 12–18 Monate (Tertiäre Kreisreaktionen): Gerichtetes Tasten, Hilfsmittel werden gebraucht, das Versuch-und-Irrtum-Verhalten ist auf ein Ziel gerichtet. 18–24 Monate (Übergang zur voroperationalen Phase): Das Kind beginnt, mentale Vorstellungen zu entwickeln. Bewegungen und ihre Auswirkungen können zunehmend symbolisch repräsentiert, also in der Vorstellung bedacht werden. Es gibt seinen egozentrischen Standpunkt auf der physischen, noch nicht auf der geistigen, Ebene auf.
Stadium der präoperationalen Intelligenz Das Kind ersetzt die sensomotorischen Aktivitäten immer mehr durch verinnerlichte geistige Aktivitäten wie sprachlicher Ausdruck und Bildvorstellung. Es agiert in Gedanken. Ein Kind, das sich den zwingenden Aspekten des unmittelbaren konkreten Reizes nicht entziehen und sich nicht vorstellen kann, wie das Objekt vor einer Änderung ausgesehen hat, befindet sich im präoperationalen, vorgedanklichen Stadium.
Im präoperationalen Stadium sieht sich das Kind mit seinen Bedürfnissen und Zwecken noch als das Zentrum. Alles wird in Bezug auf das Ich gesehen. Der Egozentrismus des präoperationalen Kindes lässt es annehmen, dass jeder so denkt wie es selbst denkt und dass die ganze Welt seine Emotionen, Gefühle und Wünsche teilt. Aufgrund seines kindlichen Egozentrismus ist das Kind nicht fähig, sich in andere Menschen hineinzuversetzen und nimmt an, dass alle Mitmenschen seine Perspektive teilen. Das Kind glaubt aufgrund seines mangelnden Kausalitätsverständnisses, dass alles, was es für real hält (Bilder oder Träume), wie es selbst existiert und belebt ist. Dieses nennt man Animismus.