Schrippenkirche war von 1883 bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts die volkstümliche Benennung einer Initiative in den damaligen Berliner Stadtteilen Wedding und Gesundbrunnen, die ihre an Menschen ohne Obdach gerichtete Missionstätigkeit mit der Ausgabe von Schrippen und einer Tasse Kaffee vor jedem Gottesdienst verbunden hat. Der Name „Schrippenkirche“ stand auch für das Vereinshaus in der Ackerstraße 52, in dem die Gottesdienste stattfanden. 1939 wurde die Benennung im Namen des Vereins „Schrippenkirche e. V.“ aufgegriffen. Die Benennung ist von der Berliner Schrippe abgeleitet, einem ovalen Weißmehlbrötchen mit Mitteleinschnitt.

Geschichte

Vorgeschichte mini|hochkant|Constantin Liebich, 1920er Jahre

Aufgrund des Aufschwungs nach dem Ende des Deutsch-Französischen Kriegs und Überwindung der Gründerkrise erlebte Berlin zum ausgehenden 19. Jahrhundert einen massiven Zuzug von Arbeitssuchenden, die sich bessere Arbeits- und Lebensbedingungen erhofften. Wurden bislang Nichtsesshafte in Arbeitshäuser gebracht, war dies nun aufgrund der hohen Zahl nicht mehr möglich. Bereits 1854 hatte die Innere Mission „Herbergen zur Heimat“ für Wandergesellen gegründet, um die Verwahrlosung einzudämmen. Die städtische Armenfürsorge zählte zu der Zeit 13.000 Almosenempfänger, von denen jedoch nicht alle unterstützt wurden.

Der 1847 in Breslau geborene Journalist Constantin Liebich, Betreiber der Zeitungskorrespondenz Liebich & Pfeiffer, hatte sich aus ärmlichen Verhältnissen emporgearbeitet und war zeitweilig „auf Wanderschaft“ und obdachlos. Sein Versuch, nach Amerika auszuwandern, scheiterte schon in Belgien, weshalb er 1880 nach Deutschland zurückkehrte und in Berlin dem „Älteren Evangelischen Jünglingsverein“ beitrat. Hier begegnete er dem Prediger Adolf Stoecker, der ihn vermutlich dazu brachte, für Zeitungen zu schreiben und selbst eine Agentur zu gründen. Er schrieb für christliche und konservative Zeitungen wie den Reichsboten, die ultrakonservative Kreuzzeitung und den Bundesboten.

Die Berliner Stadtmission entstand 1877 auf Anregung des evangelischen Berliner Generalsuperintendenten und geistlichen Leiters in Berlin Bruno Brückner und hatte anfangs eine antisozialistische und antisemitische Ausrichtung. Stoecker wurde deren erster Leiter. Er engagierte sich für Kranke, Behinderte und die verelendete Arbeiterschaft und war als Prediger und Politiker eine der herausragenden Figuren eines Bündnisses von Teilen des Adels und der evangelischen Kirche, das sich mit Hilfe des Christentums den Kampf gegen die erstarkende Sozialdemokratie zur Aufgabe gemacht hatte. Die von ihm verfassten und vervielfältigten Pfennigpredigten erreichten zeitweise eine hohe Auflage. Parallel dazu gründete sich 1878 wesentlich auf Stoeckers Initiative die Christlich-Soziale Arbeiterpartei.

Liebich war ein großer Bewunderer von Stoecker, der damals sehr populär war. Weil er in seinem Leben schon viel erreicht und dabei Höhen und Tiefen erlebt hatte, hatte er aus Dankbarkeit für seinen Erfolg das Bedürfnis, „Gottes Wegen zu folgen“. Er nahm im September 1882 mit hunderten christlichen jungen Männern am Treffen der „Deutschen Jünglingsvereine“ am Hermannsdenkmal teil und war dort vom deutsch-amerikanischen Evangelisten und Gründer des ersten CVJM in Deutschland, Friedrich von Schlümbach, so beeindruckt, dass es ein Erweckungserlebnis für ihn wurde.

Bereits am 8. Oktober 1882 hielt er im „Älteren Evangelischen Jünglingsverein“ in der Oranienstraße 106 in Kreuzberg einen Vortrag zum Thema „Aus der Enge in die Weite“ und gewann andere mit seiner Idee eines Frühstücksgottesdienstes für Arbeits- und Obdachlose. Noch am selben Tag wurde der „Verein Dienst an Arbeitslosen“ informell gegründet. Die ersten Mitglieder waren zwei anwesende christliche Handwerker, ein Kandidat der Theologie sowie Liebich selbst. Für den ersten Gottesdienst ergab eine Sammlung neun Mark. Im Dezember 1882 gründete Liebich dann formell den „Verein Dienst an Arbeitslosen“.

Zunächst wurden in der Oranienstraße Morgenandachten mit Frühstück für Obdachlose organisiert und dabei auch die stöckerschen Pfennigpredigten verteilt. Am 22. Oktober 1882 fand die erste Andacht mit 25 Gästen statt, die meisten von ihnen aus der benachbarten „Herberge zur Heimat“. Am darauffolgenden Sonntag kamen schon 35 Obdachlose und am dritten Sonntag 43. Bei den Andachten erhielt jeder eine Tasse Kaffee und zwei Schrippen, was zahlreiche Besucher anzog. Allerdings waren die zerlumpten und oft von Ungeziefer befallenen Besucher von der Leitung des Vereinshauses nicht gern gesehen, weshalb man für die Weihnachtsfeier einen anderen Raum suchte, den man in der Lindenstraße fand. Aber auch hier duldete der Hausverwalter keine weiteren Veranstaltungen.

Ein neues Domizil fand man im ehemaligen 300 Personen fassenden Tanzlokal „Fürst Blücher“ am Weddingplatz, Müllerstraße 6, das von den Gemeinden St. Michael und Nazareth aufgekauft worden war, um es zu einem christlichen Vereinshaus umzubauen. Vereinsvorsitzende waren Eduard von Pückler, der Mitbegründer des CVJM, und Pfarrer Diestelkamp. Durch die Vermittlung Adolf Stoeckers konnten sie das Vereinshaus für ihre Frühstücksgottesdienste nutzen.

Zum ersten Gottesdienst im Januar 1883 erschienen nur sieben Besucher, aber die Frühstücksgottesdienste sprachen sich schnell herum, sodass nach kurzer Zeit bis zu 385 Gäste kamen. Predigten hielten Pfarrer Hapke von der Böhmisch-Reformierten Gemeinde, Pfarrer Diestelkamp von der Nazareth-Gemeinde und gelegentlich Adolf Stoecker. Ansprachen hielten der Hofprediger Frommel oder Oberkonsistorialrat Bayer. Die Vorbereitungen für den Gottesdienst, Aufstellen der Tische, Kaffee kochen und Verteilen der Schrippen machten junge Männer aus umliegenden Kirchengemeinden. Zu den Gottesdiensten erschienen nur Männer, für Frauen gab es keine vergleichbaren Veranstaltungen, aber eigene Frauenasyle.

1883–1902 mini|Skulptur Kaffeebecher von Michael Spengler mini|Sonntagnachmittag in einer „Schrippenkirche“ zu Berlin im Jahre 1889. Arme Menschen werden bei einem Schrippengottesdienst mit Tee und Schrippen versorgt.

Die vom Volksmund nun „Schrippenkirche“ genannten Gottesdienste sollten die nächsten 20 Jahre im Winter hier stattfinden und machten den Verein in ganz Berlin bekannt. Um den Obdachlosen Arbeitsmöglichkeiten zu schaffen, nahm Liebich Kontakt mit Friedrich von Bodelschwingh, einem engen Freund von Stoecker auf, der im Vorjahr die Arbeiterkolonie Wilhelmsdorf gegründet hatte. Nach deren Vorbild gründete der „Verein Dienst an Arbeitlosen“ den „Verein für Berliner Arbeiterkolonien“, der im April 1881 in der Reinickendorfer Straße 36a ein Grundstück erwarb und den Obdachlosen gegen Arbeit Kost und Logis bot.

1887 konnte der Verein im Haus der Berliner Stadtmission in der Straße Am Johannistisch 6 in Kreuzberg eine zweite Schrippenkirche eröffnen, die sich dauerhaft etablierte. 1888 war die Existenz der Schrippenkirche gefährdet, sie konnte aber durch die Spende von Mary von Waldersee und eines bis dato unbekannten Spenders gerettet werden.

Die Arbeit der Schrippenkirche finanzierte sich in den Gründungsjahren aus Spenden von Pfarrern und Kirchenmitarbeitern und aus Adelskreisen. Hierzu gehörte eine einmalige Spende von 150 Mark des späteren Kaiserpaares Prinzessin Auguste Viktoria und Prinz Wilhelm von Preußen. Andere Spender waren Eduard von Pückler, Gründer der christlichen Gemeinschaftsbewegung „St. Michael“, und weitere Adelige. Die meisten Spenden kamen aber von Berliner Handwerksmeistern, Ladeninhabern, Lehrern und kleinen Angestellten. Die stoeckerschen Pfennigpredigten erhielt der Verein unentgeltlich. Auch von den Zeitungen, für die Liebich schrieb, konnte er Spenden einwerben. Ab 1891 gab das Evangelisch-Kirchliche Hilfswerk jährlich 5000–6000 Mark zum Erhalt der Schrippenkirche, was 1893 zur Gründung der Abteilung Jugendhilfe führte, die aber trotz eines angestellten Jugendhelfers klein blieb, da ihr ein Raum fehlte. Ein Ziel der Jugendarbeit war die Vermittlung von Jugendlichen an märkische Gutshöfe, wovon man sich eine sichere Zukunft der Jugendlichen versprach.

Ab 1898 bis 1933 wurde vierteljährlich unter dem Titel Aus dem dunkelsten Berlin über die Vereinsaktivitäten berichtet, wobei regelmäßig rührende Dankschreiben zitiert sowie konkrete Zahlen präsentiert wurden.

Viele Kunden, wie man die Besucher nannte, kamen aus dem 1896 eröffneten Obdachlosenasyl „Die Palme“ und der 1897 errichteten Wiesenburg. Die Schrippenkirche war ein Anziehungspunkt für Obdachlose, da sie hier geduldet wurden und auch weil ihre Helfer den Obdachlosen pragmatisch und mitfühlend entgegentraten. Am 30. August 1900 wurde der „Verein Dienst an Arbeitslosen“ in das Vereinsregister eingetragen.

Umzug in die Ackerstraße Im Jahr 1900 war der Versammlungsort in der Müllerstraße zu klein geworden, es kamen bis zu 500 Besucher zu den Morgenandachten, auch die Räume für die „Jugendhilfe“ waren zu klein. In dieser Situation schenkte der reiche Gönner, der zu Lebenszeiten anonym bleiben wollte, dem Verein das Grundstück Ackerstraße 52 Ecke Hussitenstraße 71 mit Vorderhaus und Stallgebäuden im Wert von 162.000 Mark. In der näheren Umgebung des Grundstücks fanden sich Meyers Hof, die Fabrikanlagen der AEG, die Wohnanlage des christlich geprägten Vaterländischen Bauvereins; zum Obdachlosenasyl Wiesenburg waren es nur zwei Kilometer. Am 29. September 1900 konnte der „Verein Dienst an Arbeitslosen“ in das Grundbuch eingetragen werden und im Herbst des Jahres eröffnete er im Wohnhaus Ackerstraße 52 das Vereinsbüro.

In den folgenden zwei Jahren fanden zahlreiche Bauarbeiten und Umbauten statt. Im Vorderhaus an der Ackerstraße entstanden 20 dringend gesuchte Kleinwohnungen mit Toiletten und eine Waschküche. Im Frühjahr 1901 begannen die Bauarbeiten zu einem neuen Wohnhaus an der Hussitenstraße und am 7. Dezember 1901 erfolgte die Grundsteinlegung zu dem Quergebäude in der Mitte des Grundstücks, der eigentlichen Schrippenkirche. Architekt wurde das Vereinsmitglied Fritz Fuhrmann. Später schenkte der Förderer dem Verein noch das Nachbargrundstück Ackerstraße 51.

Das Wohnhaus Hussitenstraße 71 mit zwölf Wohnungen und einem Laden wurde am 27. Januar 1902 fertiggestellt. Das Quergebäude mit dem neuen Vereinshaus wurde am 5. Oktober 1902 eingeweiht und eröffnet. Die Baukosten des Hauses betrugen 180.000 Mark.

Hermann Fölsch mini|hochkant=0.85|Hermann C. J. Fölsch

Die Baukosten übernahm Hermann Fölsch, der mit dem Handel von Chilesalpeter ein Vermögen verdient hatte. Fölsch, der bis zu seinem Tod der ungenannte Gönner bleiben wollte, wurde in der Gemeinde als edler Wohltäter, uneigennütziger Mann, als tiefgläubiger Christ idealisiert und als Rittergutbesitzer bezeichnet. Seit 1891 gehörte ihm das Gut Moholz bei Görlitz; er profitierte durch die Vermittlung von Arbeitskräften auf sein Gut. Er schloss sich der Herrnhuter Brüdergemeine an.Dietrich Meyer: Zinzendorf und die Herrnhuter Brüdergemeine. 1700–2000. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2009, ISBN 978-3-525-01390-8.Gisela Mettele: Weltbürgertum oder Gottesreich. Die Herrnhuter Brüdergemeine als globale Gemeinschaft 1727–1857. (= Bürgertum, Neue Folge, Band 4.) Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2009, ISBN 978-3-525-36844-2. (zugleich Habilitationsschrift, Technische Universität Chemnitz, 2004) Befreundet mit Johannes Wichern, engagierte er sich für soziale Projekte, wozu auch die Innere Mission und die Schrippenkirche gehörte.

1902–1918