Reflektor ist das vierte Studioalbum der kanadischen Indie-Rock-Band Arcade Fire. Es wurde am 28. Oktober 2013 durch das eigene Label Sonovox Records in Kanada und Europa sowie von Merge Records in den Vereinigten Staaten veröffentlicht. Das Doppelalbum wurde in verschiedenen Tonstudios aufgenommen und vom LCD-Soundsystem-Frontmann James Murphy, dem regelmäßigen Arcade-Fire-Produzenten Markus Dravs und der Band selbst, produziert.

Reflektor wurde von haitianischer Rara-Musik, dem 1959er Film Orfeu Negro () und Søren Kierkegaards Essay The Present Age beeinflusst. Vor der Veröffentlichung des Albums wurde eine Guerilla-Marketing-Kampagne gestartet mit Veve-inspirierten Zeichnungen und der limitierte Single Reflektor, welche unter dem Bandpseudonym „The Reflektors“ am 9. September 2013 erschien.

Das Album erhielt überwiegend positive Resonanz von Musikjournalisten und war kommerziell erfolgreich. Das Onlinemagazin Pitchfork zählte es im August 2014 zu einem der 100 besten Alben des Jahrzehnts.

Hintergrund mini|Régine Chassagne hat haitianische Wurzeln, die einen großen Einfluss auf das Album hatten. Die Ursprünge des Albums stammen von einer Reise des Sängers und Gitarristen Win Butler mit seiner Frau und Multi-Instrumentalistin Régine Chassagne, in das Heimatland Chassagnes Familie Haiti. Butler sagte:

Inspiriert von der Rara-Musik des Landes und der Musikkultur Jamaikas nahmen Butler und Chassagne Elemente davon in das neue Material der Band auf. Butler sagte in einem Interview: „Es ist nicht so, dass unsere Band versucht haitianische Musik zu spielen. Ich fühlte einfach, dass wir uns neuen Einflüssen gegenüber geöffnet haben. Bob Marley empfand wahrscheinlich genauso, als er zum ersten Mal Curtis Mayfield hörte.“ Die Produktionskosten beliefen sich nach dem Manager der Band, Scott Rodger, auf 1,6 Millionen US-Dollar.

Aufnahme mini|links|Der Produzent James Murphy, 2013 Erste Aufnahmen für Reflektor wurden 2011 in Louisiana gemacht. Im Jahr darauf ging die Band mit dem Produzenten Markus Dravs für weitere Aufnahmen nach Jamaika. Insgesamt entstanden so etwa 60 Ideen für Lieder, die die Band in dem verlassenen Schloss Trident schrieb und aufnahm: „Das Schloss wurde 1979 […] durch einen exzentrischen Jamaikaner gebaut, der einfach nur mit prominenten Menschen rumhängen wollte. Und es hat irgendwie funktioniert. Nach etwa fünf Jahren konnte er die Rechnungen nicht mehr bezahlen, daher war es für viele Jahre verlassen. Ich traf den Typen, der plante ein Hotel daraus zu machen, also konnten wir es günstig ohne Mobiliar mieten. Wir brachten ein paar Betten, ein Klavier und anderes Zeug mit.“ Der Großteil des Albums wurde auf Magnetband aufgenommen.

Im August 2012 begann Arcade Fire die Zusammenarbeit mit dem Produzenten und LCD-Soundsystem-Frontmann James Murphy, mit dem die Band seit über sechs Jahren zusammenarbeiten wollte. So sagte Butler in einem Interview mit dem Rolling Stone: „LCD Soundsystem ist für mich wie New Order und die B-52s und wir teilen viele dieser Einflüsse, mit denen wir komplett andere Dinge getan haben. Régine ist so eine Person die tanzt. Wenn man Régine zum Tanzen bekommt ist man auf dem richtigen Weg. Deswegen wollten wir ein Album machen, zu dem Régine tanzen kann.“

Zur Begründung für die Entscheidung, ein Doppelalbum zu produzieren, sagte Butler: „Das Album ist sehr lang. Wir wollten ein kurzes Album machen und kamen am Ende auf 18 Lieder die alle zwischen sechs und acht Minuten lang waren. Wir dachten uns: ‚Wir haben es verbockt ein kurzes Album zu machen.‘ Es in zwei Hälften zu teilen erlaubt es in verschiedene Welten des Albums einzutauchen.“

Songwriting und Komposition mini|Win Butler während der Tour zum Album im Jahr 2014. Reflektor ist ein Artrock- und Dance-Rock-Album. Der primäre Liedtexter und Frontmann Win Butler gab an, dass der Film Orfeu Negro (1959) von Marcel Camus eine größere Inspirationsquelle für das Album war, insbesondere die Themen Isolation und Tod: „Orfeu Negro ist einer meiner Lieblingsfilme, der während eines Karnevals in Brasilien spielt. Der Orpheus-Mythos ist die ursprüngliche Dreiecksgeschichte, wie Romeo und Julia. Textlich handelt es nicht wirklich von meinem Leben. Ich fühle mit etwas wie ein Schwamm. Wenn Menschen um mich herum Dinge durchstehen finde ich es sehr schwer nicht empathisch zu sein.“ Ein weiterer Einfluss auf die Liedtexte war ein Essay des dänischen Philosophen Søren Kierkegaard, mit dem Titel The Present Age (1846): „Es geht um das reflektierende Zeitalter. Es ist von 1846 aber es klingt so, als ob es heute stattfinden würde. Er spricht über die Presse und Entfremdung.“

Die Lieder Here Comes the Night Time und Here Comes the Night Time II erscheinen jeweils auf den beiden unterschiedlichen Teilen des Albums. So wurde das zweite Lied zuerst geschrieben und leitet die zweite Hälfte des Albums ein. Es soll an die Zeit nach dem alljährlichen haitianischen Karneval erinnern. Beide Lieder sind vom Sonnenuntergang in Port-au-Prince beeinflusst, der dazu führt, dass viele Einwohner versuchen schnell nach Hause zu kommen, da es in großen Teilen der Hauptstadt keine Elektrizität gibt. In Here Comes the Night Time kritisiert Butler zudem die Rolle der Missionare im Land.

Das Lied Supersymmetry wurde zuerst für den Film Her (2013) von Spike Jonze geschrieben, für den die Band zeitgleich zu den Reflektor-Aufnahmen die Filmmusik komponierte. Eine andere Version des Liedes wird während des Abspanns gespielt. Teile der Lieder Supersymmetry und Porno sind immer wieder während des Films zu hören.

Sprachlich sind die Liedtexte größtenteils auf Englisch verfasst sowie einige Textpassagen auf Französisch.

Werbekampagne mini|links|Reflektor-Kreidezeichnung an einer Häuserwand in London. Im August 2013 wurden kryptische Symbole mit dem Wort „reflektor“ an Häuserwände in verschiedenen Städten gezeichnet. Diese Streetart gehörte zur Guerilla-Marketingkampagne für das neue Arcade-Fire-Album. Das Veröffentlichungsdatum wurde über Twitter als Antwort an einen einzelnen Fan geschickt. Ein Instagram-Konto der Band veröffentlichte Bilder und ein Video des Symbols.

Am 26. August bestätigte Arcade Fire den Zusammenhang mit dem Symbol durch ein großes Wandbild an einem Gebäude in Manhattan, welches die Beschriftung „Arcade Fire 9pm 9/9“ enthielt. Am 9. September veröffentlichte die Band zwei Videos für die erste Single Reflektor. Die Symbole waren von haitianischen Veve-Zeichnungen inspiriert.

Teile der Reflektor-Kampagne wurden in einem Slate-Blogeintrag im September 2013 kritisiert. Durch das Sprühen vom Symbol als Graffiti auf Häuserwände entstanden Schäden an Gebäuden. Die Band entschuldigte sich daraufhin öffentlich und erklärte, dass die Symbole aus abwaschbarer Kreide an die Wände gezeichnet werden sollten und nicht wie in einzelnen Fällen geschehen mit Graffitifarbe.

Die Vorbereitung für die Albumveröffentlichung wurde von Pitchfork als „ungewöhnlich, ehrgeizig, vage, verwechselnd, ein wenig umständlich und sehr erfolgreich“ beschrieben. Zudem wurde es mit ähnlichen Werbekampagnen für Alben von Daft Punk und Kanye West verglichen, die im selben Jahr erschienen. Für Butler war die Promotion für das Album wie ein „sonderbares Kunstprojekt“ oder eine „gute Party“.

Cover mini|hochkant|Die auf dem Cover abgebildete Skulptur von Orpheus und Eurydike Das Cover des Albums zeigt ein Bild von Auguste Rodins Skulptur von Orpheus und Eurydike aus der griechischen Mythologie.

Veröffentlichung Am 2. September veröffentlichte Arcade Fire bei Spotify einen 15 Sekunden langen Musikausschnitt mit dem Titel 9pm 9/9 unter dem Albumnamen Reflektor. Eine Woche später gab die Band ein Konzert unter dem Namen „The Reflektors“ bekannt, das noch am selben Abend in Montreals Salsathèque Club um 21 Uhr (9PM) für neun kanadische Dollar stattfand. Nach einem Auftritt am 28. September bei Saturday Night Live wurde zusätzlich eine 30-minütiges Konzertspecial beim Fernsehsender NBC ausgestrahlt, inszeniert von Roman Coppola und mit Cameos von Rainn Wilson, Bono, Ben Stiller, James Franco, Michael Cera und Zach Galifianakis. Dabei wurden die drei Lieder Here Comes the Night Time, We Exist und Normal Person zum ersten Mal gespielt. Am 12. Oktober wurde ein Teaservideo mit 30 Sekunden von dem Lied Awful Sound (Oh Eurydice) veröffentlicht. Neun Tage später erschien das Liedtextvideo zu Afterlife, das aus Szenen des Films Orfeu Negro besteht. Am 21. Oktober spielte die Band unter den Namen „The Reflektors“ das Lied Normal Person beim Colbert Report. Drei Tage später erschien ein Liedtextvideo für das Album.

Im September 2015 wurde eine digitale Deluxe Edition des Albums veröffentlicht. Hinzu kamen fünf neue Lieder sowie eine neu gemischte Version von Flashbulb Eyes durch Dennis Bovell mit Linton Kwesi Johnson. Das neue Lied Get Right erschien zudem als Singleauskopplung. Die Lieder wurden im Oktober 2015 auf Kassette unter dem Titel The Reflektor Tapes veröffentlicht.

Rezeption Pressekritiken

Reflektor wurde überwiegend positiv von Musikkritikern aufgenommen. Beim Bewertungsaggregator Metacritic hat das Album eine Wertung von 80 %, basierend auf 48 Kritiken.

David Fricke von der US-amerikanischen Ausgabe des Rolling Stones bezeichnete das Album als „eine perfekte Zusammenfassung von ihrem immer noch leidenschaftlichen indie-stämmigen Hunger, nach einem Jahrzehnt mit Erfolg im Mainstream.“ Es sei zudem das beste Album, das Arcade Fire jemals gemacht haben. Lindsay Zoladz von Pitchfork beschrieb das Album als Triumph, aber „keine Ehrenrunde“; da die Band nie zufrieden genug erscheint. Edna Gundersen von der Tageszeitung USA Today lobte ebenfalls das Album: „Viel von der Musik — kühn, stark verzerrt und brodelnd mit Elektronik — klingt großartig frisch. Das Ensemble wandelt sich von der klareren Rockvorlage von The Suburbs und Neon Bible hin zu exotischen taktgetriebenen Mashups. Arcade ist David Bowie (hat einen kurzen Cameo) und der Achtung-Ära U2s etwas schuldig. Koproduzent James Murphy vom inaktiven LCD Soundsystem bringt ebenfalls seine rhythmischen Ansätze in den Mix verwirrenden Dance-Hybriden.“

Kitty Empire vom Observer war beeindruckt von den Produktionsqualitäten des Albums und des Songwritings, war jedoch der Meinung, dass jedes Lied etwas zu lang ist. Daher ist Reflektor für sie kein „staunenswerts Album“, sondern stattdessen „lediglich ein sehr, sehr gutes.“ Für Simon Goddard von der britischen Zeitschrift Q schafft Reflektor es nicht „seine ganze Größe zu rechtfertigen“ und es „zerfasert eher als dass es endet“. Es sei der „Beweis, dass man wirklich zu viel von einer guten Sache haben kann“.