Die Grotta Paglicci, ein bedeutender, überaus lang genutzter und besonders komplexer jungpaläolithischer und mesolithischer Fundplatz, ist eine Höhle bei Paglicci südöstlich der Gemeinde Rignano Garganico im Norden Apuliens. Die Höhle und der vorgelagerte Abri am Westrand des Monte Gargano, die 107 m über dem Meeresspiegel liegen,Silvana Condemi, Giulia Capecchi, Lucia Monti, Jean-Luc Voisin, Aurélien Mounier, Stefano Ricci, Annamaria Ronchitelli: I resti umani rinvenuti a Paglicci (Rignano Garganico-FG): nota preliminare, in: Annali dell’Università di Ferrara 10,2 (2014) 233-238, hier: S. 234 (online, PDF). erlangten durch Beisetzungen, Steinritzungen, die einzigen umfangreicheren Wandmalereien Italiens aus dem Jungpaläolithikum und Handabdrücke, Knochenwerkzeuge, aber auch den ältesten Nachweis der Gewinnung von Mehl erhebliche Bedeutung für die Urgeschichte. In der Höhle fanden sich zwei Begräbnisplätze und eine Reihe von menschlichen Überresten aus dem Gravettien und dem Epigravettien, die dem Cro-Magnon-Menschen zuzurechnen sind,Arturo Palma di Cesnola: Paglicci ed il Paleolitico del Gargano, Claudio Grenzi Editore, Foggia 2003, S. 129–147. aber auch dem Aurignacien (Schicht 24).

Mehr als 45.000 Fundstücke aus der Höhle befinden sich in den Lagern der Soprintendenza archeologica di Taranto sowie im Museum von Rignano Garganico. Die Werke und Artefakte weisen Ähnlichkeiten mit jenen der Grotta Romanelli auf.

Grabungsgeschichte und -ergebnisse mini|links|Magdalenienfundstelle Nr. 45 Grabungen unter Francesco Zorzi (bis 1963) Die Höhle war in der Region seit langem als Rotte de Jalarde bekannt, was sich auf einen Briganten namens Gabriele Galardi aus San Paolo di Civitate bezog, der sich in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts immer wieder in diese Höhle zurückgezogen hatte. Er hatte dort angeblich einen gewaltigen Schatz hinterlassen, was immer wieder Schatzjäger anzog. 1955 besuchte der Paläontologe und Paläoethnologe Raffaello Battaglia von der Universität Padua als erster im Zuge urgeschichtlicher Untersuchungen am Gargano auch die Paglicci-Höhle, doch maß er ihr keinen hinreichenden Wert für genauere Untersuchungen bei.

1957 gelang es dem Geologen Angelo Pasa, dem Zoologen Sandro Ruffo und Franco Mezzena paläolithische Knochen- und Steinartefakte zu entdecken, während der Schatzjäger Leonardo Esposito über Jahre in der Höhle auf der Suche nach dem besagten Schatz gewaltige Mengen an Schutt zusammengetragen hatte. Nachdem Francesco Zorzi, Direktor des Museo Civico di Storia Naturale di Verona, in Begleitung von Pasa und Fiorenzo Mancini von der Universität Florenz sowie Arturo Palma di Cesnola dort erschienen war, begann Zorzi 1960 mit den Vorbereitungen für eine wissenschaftliche Grabung. Ihm zur Seite standen Angelo Pasa und Franco Mezzena. Doch mussten die Archäologen feststellen, dass der besagte Raubgräber trotz Abratens weiterhin gegraben hatte und sogar mit Sprengstoff vorgegangen war, was den endgültigen Zusammenbruch des Eingangsbereiches der Höhle zur Folge hatte. Daher waren die Hoffnungen, noch ungestörte Schichten zu entdecken, zunächst gering, als die Grabung im April 1961 begann.

Trotz der schweren Schäden fanden sich 6 m unterhalb der herabgestürzten Blöcke und einer jungpaläolithischen Schichtenfolge völlig ungestörte Bereiche, und es gelang, durch den Schutt, der über Jahre zusammengetragen worden war, einen Weg in das Innere der Höhle zu graben. Bis 1963 befassten sich die Ausgräber jedoch ausschließlich mit dem Eingangsbereich.Francesco Zorzi: Palaeolithic Discoveries in the Grotta Paglicci, in: Antiquity 38,149 (März 1964) 38-44. Neben überaus reichen Werkzeugartefakten fanden sich tierische Überreste, aber auch Knochengravuren und menschliche Überreste.

In einem 6 mal 20 MeterC. Mazzi, L. Bigliocca, E. Piovan: Florence Radio Carbon Dates II, in: Radiocarbon 16,1 (1974) 10-14, hier: S. 12, doi:10.1017/S0033822200001405. messenden Saal, der nur durch einen Gang von der tief hängenden Decke aus zu erreichen war und der weit entfernt vom Eingang lag, fanden sich Wandmalereien. Auch fanden sich an der linken Wand der Höhlung nahe dem Eingang weitere Malereien. Trotz dieser bedeutenden Entdeckungen hatte der Tod von Professor Zorzi im Jahr 1964 zur Folge, dass lange Zeit weder gegraben noch publiziert wurde, so dass die Funde beinahe in Vergessenheit gerieten.

Grabungen unter Palma Di Cesnola und Franco Mezzena (ab 1971) Erst 1971, nach einem Lokaltermin im Vorjahr, nahmen Palma Di Cesnola und Franco Mezzena, nachdem der Schutt, den Esposito zurückgelassen hatte, weggeräumt worden war, die Grabung wieder auf. Die Kampagne der Universität Siena erstreckten sich über den Monat September und erreichte auch den ersten Saal der Höhle.

Unter dem äußeren Abri ließen sich Jungpaläolithikum und Mesolithikum erkennen, innerhalb der Höhle gelang es weitere acht Meter unter das Niveau zu gelangen, an dem Zorzis Grabung 1963 geendet hatte. Dort fanden sich Artefakte aus dem frühen Jungpaläolithikum, darunter ein Knochenfragment mit einem Graffito. Vor allem aber fand sich ein menschliches Skelett unter Ocker, dazu Schmuckgegenstände und Grabbeigaben. Um den Fund nicht zu gefährden, denn der Tote war erst bis zum Thorax ausgegraben worden, setzte man die Grabung bis November 1971 fort. Insgesamt sind die Schichten 12 m mächtig.

Menschliche Überreste Der Cro-Magnon-Junge (Paglicci II), entdeckt 1971, wurde auf ein Alter von 13 Jahren geschätzt, datiert wurde er auf etwa 25.000 Jahre. Zudem trat 1988/89 eine weitere Begräbnisstätte zu Tage, gleichfalls unter Ocker, die nur wenig jünger war. Es handelte sich um eine junge Frau von 18 bis 20 Jahren (Paglicci III),F. Malegni, F. Bertoldi, S. Manolis: The Gravettian female human skeleton of Paglicci cave: Paglicci 25 (Rignano Garganico, Puglia, Southern Italy), in: Homo 50 (1999) 127-148. die auf rund 23.000 Jahre datiert wurde.Sotiris K. Manolis, Francesco F. Mallegni: The Gravettian Fossil Hominids of Italy, in: Anthropologie 34,1-2 (1999) 99-108, hier: S. 100 f. (online, PDF) Danach wurde die Höhle notdürftig verschlossen, um Raubgräber fernzuhalten.

Die beiden Toten ließen sich in einer Untersuchung von 66 jungpaläolithischen (41 männlich, 25 weiblich) und 289 mesolithischen Skeletten (171 bzw. 118), deren Ergebnisse 1999 publiziert wurden, einordnen. Dementsprechend waren die Menschen vor dem letzten Maximum der Gletscherausdehnung recht groß, während sie in der Zeit danach deutlich kleiner waren. Die Menschen des westlichen Mesolithikums waren noch einmal geringfügig kleiner, wobei keine regionalen Unterschiede nachweisbar sind. Allerdings besteht zwischen West- und Osteuropa im Mesolithikum ein Größenunterschied, denn die östlichen Populationen waren im Schnitt größer als die westlichen.Vincenzo Formicola, Monica Giannecchini: Evolutionary trends of stature in Upper Paleolithic and Mesolithic Europe, in: Journal of Human Evolution 36,3 (1999) 319-333. Neben den Überresten der beigesetzten Leichname fanden sich bis 2014 insgesamt 116 weitere menschliche Knochen, die jedoch in der Höhle verstreut waren.Silvana Condemi, Giulia Capecchi, Lucia Monti, Jean-Luc Voisin, Aurélien Mounier, Stefano Ricci, Annamaria Ronchitelli: I resti umani rinvenuti a Paglicci (Rignano Garganico-FG): nota preliminare, in: Annali dell’Università di Ferrara 10,2 (2014) 233-238, hier: S. 234. Daher wurde die These aufgestellt, es habe bei den Begräbnissen möglicherweise Standesunterschiede gegeben, die sich in der Art des Umgangs mit den Toten niedergeschlagen hätten.Margherita Mussi, Wil Roebroeks, Jiří Svoboda: Hunters of the Golden Age: an introduction, in: Dies.: Hunters of the Golden Age. The Mid Upper Palaeolithic of Eurasia 30,000– 20,000 BP, University of Leiden Press, Leiden 2000, S. 1–10, hier: S. 3 (online, PDF). 69 der 116 Knochen konnten dem Gravettien zugeordnet werden, 47 dem Epigravettien. Sie gehörten zu mindestens 14 Erwachsenen und 8 jüngeren Individuen.Silvana Condemi, Giulia Capecchi, Lucia Monti, Jean-Luc Voisin, Aurélien Mounier, Stefano Ricci, Annamaria Ronchitelli: I resti umani rinvenuti a Paglicci (Rignano Garganico-FG): nota preliminare, in: Annali dell’Università di Ferrara 10,2 (2014) 233-238, hier: S. 235. Bei einer 2014 durchgeführten Untersuchung an Paglicci II, dem Jungen, fand man zwischen den Knöcheln Manganoxid, das tiefe Einritzungen aufwies. Man konnte feststellen, dass aus diesem kleinen Block mit verschiedenen Techniken versucht worden war, schwarzes Pigment zu gewinnen. Für die Frau wurde ein anderes Pigment gewählt.Annamaria Ronchitelli, Sonia Mugnaini, Simona Arrighi, Andrea Atrei, Giulia Capecchi, Marco Giamello, Laura Longo, Nadia Marchettini, Cecilia Viti, Adriana Moroni: When technology joins symbolic behaviour: The Gravettian burials at Grotta Paglicci (Rignano Garganico – Foggia – Southern Italy), in: Quaternary International 359–360 (2015) 423–441.

Vereinfachte Stratigraphie Insgesamt ließen sich zunächst 21 Schichten unterscheiden, deren jüngste (3,aC. Mazzi, L. Bigliocca, E. Piovan: Florence Radio Carbon Dates III, in: Radiocarbon 19,2 (1977) 165-169, doi:10.1017/S0033822200003507.) dem Epigravettien angehört, das seinerzeit auf etwa 9500 v. Chr. datiert wurde, die älteste (21,dC. Mazzi, L. Bigliocca, E. Piovan: Florence Radio Carbon Dates II, in: Radiocarbon 16,1 (1974) 10-14, doi:10.1017/S0033822200001405.) auf etwa 23.000 v. Chr. Eine Verfeinerung der Stratigraphie bzw. ihrer Datierung wurde durch die Tephraschichten erleichtert, von denen die bedeutendste diejenige ist, die durch die Eruption der Phlegräischen Felder westlich von Neapel um 37300 v. Chr. entstanden war. Heute ist Schicht 26 die Basis der Stratigraphie; diese Basis der Sequenz besteht aus einer carbonathaltigen Kruste, überlagert von einer dicken, roten, schluffig-lehmigen Schicht. Die tiefste Schicht geht auf die Aktivität des Vulkans Monte Vulture zurück, die vor 130.000 Jahren endete. Eine erosive Oberfläche, der obere Teil der Schicht 26, besteht aus hellbraunem, schluffigem Lehm. Schicht 25 ist ebenfalls ohne Bedeutung für die Urgeschichte, da sie nur aus rotem, siltigem Lehm besteht, der von einer carbonathaltigen Linse bedeckt wird. Schicht 24a und 24b enthalten pyroklastischen Staub.M. Cremaschi, F. Ferraro: The upper Pleistocene in the Paglicci Cave (Gargano, southern Italy): Loess and tephra in the anthropogenic sequence, in: Atti della Società Toscana di Scienze Naturali. Mem. Serie A, 112 (2007) 153-163.

Grabungen der Universität Siena (ab 1972), weitere Ergebnisse Seit 1972 widmen sich die Grabungen der Universität Siena vor allem dem ersten Saal. Dabei gelang 1988 die Freilegung der zweiten Gravettienbeisetzung, der einer Frau, die bereits 1971 entdeckt worden war, aber auch weiterer Kunstwerke. Dazu zählten Graffiti, nicht weiter deutbare symmetrische Felsritzungen auf Steinfragmenten, auf Knochen und auf Kieseln – an letzteren lassen sich vorbereitende Glättungsarbeiten und eine Art Rahmenbildung belegen, der Gebrauch von Ocker hingegen nur in einem einzigen Fall, schließlich waren alle zuvor Gebrauchobjekte, bevor die Ritzungen angebracht wurdenSimona Arrighi, Valentina Borgia, Francesco d’Errico, Annamaria Ronchitelli: I ciottoli decorati di Paglicci: raffigurazioni e utilizzo, in: Rivista di Scienze Preistoriche 58 (2008) 39–58. –, die an archaische Schriftformen erinnern. Hinzu kamen Felsritzungen an einem herabgestürzten Block nahe dem Eingang der Höhle sowie das Fragment einer Kalkplatte mit einem Teil einer menschlichen Darstellung.