Walther Niekerken (* 16. Februar 1900 in Tötensen; † 9. November 1974 in Hamburg) war ein niederdeutscher Philologe.

Leben und Wirken Walther Niekerken erhielt eine Schulausbildung an einer neunklassigen Mittelschule in Hamburg-Harburg. Anschließend besuchte er eine Präparandenanstalt und ein Lehrerseminar in Nordheide. Während des Ersten Weltkriegs musste er kurzzeitig Kriegsdienst leisten. 1919 bestand er die erste Lehrerprüfung. Anschließend arbeitete er für achteinhalb Jahre als Lehrer an Volksschulen in Harburg und der Lüneburger Heide. Während dieser Zeit erarbeitete er seine Dissertation über Das Feld und seine Bestellung im Niederdeutschen. Ab 1928 studierte er Deutsche, Englische und Französische Philologie und Philosophie.

Zum 1. Mai 1933 trat er der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 3.039.377).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/30571549 Im Dezember 1933 promovierte er zum Dr. phil. bei Conrad Borchling und Agathe Lasch. Anschließend arbeitete er als Assistent Conrad Borchlings am Germanischen Seminar der Universität Hamburg und ab 1936 darüber hinaus als Dozent an der Hochschule für Lehrerbildung in Hamburg. Obwohl er während des Zweiten Weltkrieges als Polizeioffizier einberufen worden war, erhielt er zum 1. Oktober 1943 einen Ruf als außerordentlicher Professor der Universität Hamburg. Dabei handelte es sich um den früheren Lehrstuhl von Agathe Lasch, die 1934 entlassen und 1942 als Jüdin ermordet worden war.

Obwohl er neben der Parteimitgliedschaft der SA, dem Kampfbund für deutsche Kultur und dem Reichsbund für Volkstum und Heimat angehörte und sich als Kreisredner für die Partei betätigt hatte,Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich, Frankfurt am Main 2007, S. 435. blieb Niekerken nach Ende des Zweiten Weltkriegs nach kurzzeitiger Amtsenthebung Professor an der Hamburger Universität. Der Grund hierfür waren zahlreiche positive Beurteilungen, die ihm Schüler und Kollegen erteilt hatten. Ab dem Wintersemester 1945/46 galt Niekerken als die wichtigste Lehrkraft für Niederdeutsche Philologie der Lehranstalt. In Streitigkeiten mit Ulrich Pretzel und Hans Pyritz gelang es ihm, das Fach an der Universität zu erhalten, womit er sich große Verdienste um das Fach und die Anerkennung seiner Schüler erwarb. Niekerkens Dienstzeit endete mit der Emeritierung am 31. März 1968.

Von 1946 bis 1966 war Niekerken Vorsitzender des Vereins für niederdeutsche Sprachforschung.Vorsitzende des VndS. In: vnds.de. Verein für niederdeutsche Sprachforschung, abgerufen am 15. Juni 2024.

Eine Auseinandersetzung mit Walther Niekerken löste der 1939 veröffentlichte Vortrag von Friedrich Ernst Peters Formelhaftigkeit, ein Wesenszug des Plattdeutschen aus.Volltext Formelhaftigkeit, ein Wesenszug des Plattdeutschen Die Polemik sollte explizit oder implizit über Jahre hinweg die Diskussion um die niederdeutsche Sprache mitbestimmen. Peters’ Ausführungen zu der phraseologischen „Anmut“, aber auch zu den Grenzen des Niederdeutschen sah Niekerken als Abwertung der von ihm institutionell vertretenen Sprache.Die Stellungnahmen von Peters und Niekerken sind nachzulesen in: Niederdeutsche Welt, 14, 6, 1939, S. 157–164. Noch im Jahr 1960 veröffentlichte Niekerken den Aufsatz „Von den Grenzen der niederdeutschen Sprache“,In: Hart, warr nich mööd: Festschrift für Christian Boeck, zum 85. Geburtstag am 10. März 1960, hrsg. von Gustav Hoffmann und Gustav Jürgensen, Hamburg-Wellingsbüttel, Verl. der Fehrs-Gilde, 1960, S. 214–225. in dem er Peters mit keinem Wort erwähnt, sich aber unausgesprochen auf ihn bezieht. Er vertritt darin, mehr emotional als wissenschaftlich fundiert, den Standpunkt, das Plattdeutsche hätte zwar seine Grenzen, „wie jede andere Sprache“, es verfüge aber auch über Entwicklungspotenzial, das Plattdeutsche könne durch Dichter und Denker bereichert werden. Sogenannte „einfache“ Sprachen seien oft tiefgründiger als angenommen und das Niederdeutsche dem abstrakten Denken nicht ferner als das Hochdeutsche. So könne z. B. eine Übertragung Kants ins Plattdeutsche durchaus in Erwägung gezogen werden. Das Plattdeutsche eigne sich ggfs. sogar besser als das Hochdeutsche für die Übersetzung bestimmter Originaltexte verwandter Sprachen. Niekerken führt seine Argumentation aus dem Jahr 1942 im Wesentlichen fort, allerdings vor verändertem politischen Hintergrund: Während in der NS-Zeit gelegentlich eine von der Blut-und-Boden-Ideologie eingefärbte deutschtümelnde Auffassung von „Volkssprache“ bei ihm aufscheint, wird diese nun durch eine „demokratisch“ legitimierte, soziolinguistisch begründete Aufwertung des Plattdeutschen ersetzt, das insbesondere in der Lage sei, so Niekerken, soziale Schranken zu überwinden.

Literatur

Weblinks

Biografien-Datenbank: NS‑Dabeigewesene

Einzelnachweise

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