Der Flensburger Stadtdenker war der Protagonist eines gleichnamigen Projektes in Flensburg. Der Verein Flensburger Baukultur e.V. führte das Projekt, auch Stadtdenker für Flensburg genannt, von 2004 bis 2008 durch und lud dazu jährlich eine prominente Persönlichkeit als „Stadtdenker“ in die dem Gast unbekannte alte Hafenstadt an der Flensburger Förde ein. Nach Ende eines einwöchigen Aufenthaltes befragten die Einheimischen den „Stadtdenker“ zu seinen unvoreingenommenen Eindrücken und Ideen. Die Berliner Stiftung Bürgermut wählte das ehrenamtliche Projekt 2009 zu einer der „1000 stärksten Ideen Deutschlands“.
Bedingungen Als wichtigste Bedingung durften die in Frage kommenden Kandidaten Flensburg nicht aus früheren Besichtigungen kennen oder in einem persönlichen Bezug zur Stadt stehen, da nur so eine unvoreingenommene Meinung über ihren Aufenthaltsort gewährleistet werden konnte. Der unvorbereitete Stadtdenker hatte sich erst bei Beginn seines Besuches, der von einem Montag bis zum darauffolgenden Freitag stattfand, über Flensburg zu informieren; der Verein gab im Vorhinein keinerlei Denkanregungen. Lediglich die beiden, zwei Wochen vorher zugesandten, lokalen Tageszeitungen, das Flensburger Tageblatt und die zweisprachige Flensborg Avis, gaben dem Protagonisten die Möglichkeit, im Voraus mehr über Flensburg zu erfahren. Er erhielt die Aufgabe, am Ende seines Aufenthaltes einen Abschlussbericht vorzutragen, der keinerlei Vorgaben hinsichtlich Form, Länge und Medien vorsah.Bernd Köster: Stadtdenker für Flensburg – Stadstænkerne i Flensborg. In Bernd Köster (Red.): Die Flensburger Stadtdenker/Stadstænkerne i Flensborg. Flensburg 2012. S. 7–15
Dem Verein Flensburger Baukultur e.V. kam die Idee zum jeweils 10.000 Euro teuren Projekt im Jahr 2004. Die Organisatoren gaben den Stadtdenkern nahezu jede erdenkliche Hilfestellung, indem beispielsweise Gesprächstermine organisiert, Kontakte zu den Medien hergestellt und Besichtigungen per Auto, Schiff, Flugzeug und Fahrrad ermöglicht wurden. Alle vom Verein ausgewählten Stadtdenker zeigten sich bei der ersten Kontaktaufnahme am Telefon zwar überrascht, sagten aber spontan ihre Teilnahme am Experiment zu.
Die fünf Flensburger Stadtdenker von 2004 bis 2008 Arno Brandlhuber 2004 Den ersten Stadtdenker, den Kölner (heute Berliner) Architekt und Hochschullehrer Arno Brandlhuber (* 1964), wählte der Verein aus, weil sein Büro Brandlhuber+ auf einen fachübergreifenden Austausch mit Handwerkern, Künstlern, Schriftstellern, Fotografen und Musikern Wert legt.Bernd Köster: Arno Brandlhuber 2004. In Bernd Köster (Red.): Die Flensburger Stadtdenker/Stadstænkerne i Flensborg. Flensburg 2012. S. 16–29.
Zu Anfang seines Aufenthaltes, der mit einer öffentlichen Veranstaltung in der Dänischen Zentralbibliothek für Südschleswig begann, standen für Brandlhuber zwei Fragen offen: „Wo oder was ist das Zentrum von Flensburg?“ und „Was ist das Wahrzeichen in Flensburg?“Vgl. Zitat bei Bernd Köster: Arno Brandlhuber 2004. In Bernd Köster (Red.): Die Flensburger Stadtdenker/Stadstænkerne i Flensborg. Flensburg 2012. S. 19. Das Publikum beantworte die rhetorisch gemeinten Fragen uneinheitlich und vermuteten das Zentrum am historischen Mittelpunkt der Stadt an der Stelle des alten Thingplatzes (), in der Innenförde oder am Südermarkt, dem belebten Handelszentrum in der Flensburger Innenstadt. Als Wahrzeichen wurden genannt das Nordertor, das Rathaus, die Nikolaikirche, die Förde und der Flensburger Hafen. Daraufhin machte Brandlhuber es sich zur Aufgabe in seiner Zeit als Stadtdenker, das Zentrum zu suchen und zu finden.
In seinem Abschlussbericht, vorgetragen in der alten Torpedohalle in Sonwik, hielt er zunächst in fünf Themenabschnitten fest, was er in seiner Zeit als Stadtdenker beobachtete: Ein harmonisches „gesellschaftliches Miteinander“ sah er zwischen Deutschen und Dänen und die hohe Arbeitslosigkeit wäre nicht erkennbar, jedoch wären die Ausländer in der Neustadt – trotz des hohen Bürgerengagements, wenn es sich um die Belange der Stadt handelt – noch nicht integriert. Ferner sollte die intakte und gut frequentierte „Einkaufsmeile Holm-Große Straße weiter gefördert“ und eine „Verdorfung des Stadtrands“ durch Einfamilienhausgebiete verhindert werden. Brandlhuber kritisierte die Randlage der Hochschulen auf dem Sandberg (Europa-Universität und Fachhochschule Flensburg) und nannte die Phänomenta als Vorbild für akademisches Leben in der Innenstadt. Intensiv erkundete er durch Segeln, Fliegen und Wandern das Gebiet und die Uferzonen rund um die Innenförde und stellte den anwesenden Politikern und Vertretern aus der Verwaltung die Frage: „Warum räumen sie an der Förde nicht auf?“Vgl. Zitat bei Bernd Köster: Arno Brandlhuber 2004. In Bernd Köster (Red.): Die Flensburger Stadtdenker/Stadstænkerne i Flensborg. Flensburg 2012. S. 23. Hier sollten Investoren zwar mehr gefördert, aber nicht nur die landschaftlich attraktivsten Grundstücke verkauft werden, notwendig wäre ein Masterplan für eine geordnete und behutsame Stadtentwicklung. Die Förde sei der „Markusplatz“ und so lautete die Antwort auf seine Auftaktfrage, wo das Zentrum wäre:
Gert Kähler 2005 Der zweite Stadtdenker, der Hamburger Bauhistoriker und Architekturkritiker Gert Kähler (* 1942) hat zwar in Berlin Architektur studiert, arbeitete zu der Zeit indessen als freier Publizist.Heiner Petrowitz: Gert Kähler 2005. In Bernd Köster (Red.): Die Flensburger Stadtdenker/Stadstænkerne i Flensborg. Flensburg 2012. S. 30–41 Einen Stadtdenker definierte er im Nachhinein als „jemand[en], der in fünf Tagen Defizite der Stadt erkennen und Rezepte zur Heilung finden soll“. Er sah darin „eine Aufgabe zwischen Donquichotterie und Größenwahn“ und wäre stolz, wenn man sich Stadtdenker „wie eine Promotion in den Personalausweis eintragen lassen“ könne.Vgl. Zitat bei
Beim ersten Kennenlerntreffen, das wieder in der Dänischen Zentralbibliothek stattfand, entzog sich Kähler den Wünschen des Publikums, sich zu den damals aktuellen Themen wie etwa dem seinerzeit geplanten aber nicht verwirklichten Hotelneubau am Förde-Ostufer zu äußern, und bewahrte sich so seine Unabhängigkeit. Seine Erkundungstouren führten ihn mit einem alten Segelschiff übers Wasser und mit einer Cessna im Rundflug in die Luft, beinhalteten Gespräche mit dem parteilosen Oberbürgermeister Klaus Tscheuschner, Geschäftsleuten sowie Stadtplanern und ließen auch das Nachtleben nicht außer Acht, denn seine Unterkunft befand sich im traditionellen Rotlichtviertel der Stadt am Hafen.
Zum Abschluss der Woche formulierte Kähler seine Beobachtungen auf einer Präsentation im Orchesterprobenraum des Schleswig-Holsteinischen Sinfonieorchesters auf dem Museumsberg und stellte zehn Themenblöcke auf, die im Großen und Ganzen auch für andere Städte zu empfehlen seien: In einer „Stadt für alle“ sei nicht nur das Bürgertum an Planungen zu beteiligen. Er forderte eine „kompakte Stadt“ und Workshops, um die Fußgängerzone attraktiver zu machen. Gleichzeitig stellte er fest, dass in Flensburg, der „Stadt am Wasser“, der Hafen das Herz der Stadt sei und dementsprechend erhalten werden müsse. Ihm schwebte als Idee ein Grenzlandmuseum vor, um die friedliche Grenzregion als Erfolgsgeschichte darzustellen. Ferner sei lokale Baukultur in Planungsprozessen, der lokalen Presse und Schulen besser zu vermitteln, dann könne angemessen und maßstabsgerecht weitergebaut werden. Ihm fiel die „zurückhaltende Gemütslage“ der Einheimischen auf, sah darin die Notwendigkeit eines „gebauten Anstoßes“ mit überregionaler Bedeutung, wie es beispielsweise einer Privatinitiative in Hamburg mit der Elbphilharmonie gelungen sei. Vorstellbar sei ein Leitbild zur Stadtentwicklung und er schlug Fotowettbewerbe vor, mit Aufgabenstellungen wie „Welches ist ihr schönstes Haus?“ Zum Schluss zog Kähler einen Vergleich mit Wismar, Stralsund und Lübeck, allesamt Hafenstädte an der Ostsee mit zahlreichen historischen Häusern, und schlussfolgerte daraus, dass Flensburg es ebenso „wert [sei], in die Liste der Weltkulturgüter aufgenommen zu werden.“ Er begründete diesen Vorstoß mit der „einmaligen Lage als landschaftsräumliches Amphitheater“, eine Eigenschaft, wie sie sonst kaum im Ostseeraum zu finden sei. Ausdrücklich ermunterte der Hanseat das Auditorium:
Elsebeth Gerner Nielsen 2006 Im dritten Jahr entschied sich der Verein, als ersten weiblichen Protagonisten Elsebeth Gerner Nielsen (* 1960) in den Reigen der Stadtdenker aufzunehmen. Die Kopenhagener (heute wieder Koldinger) Soziologin beeindruckte die Organisatoren durch ihre politische Karriere als ehemalige dänische Kulturministerin (1998–2001), als aktives Mitglied des Folketings (1994 bis 2007) und als sachkompetente Sprecherin der linksliberalen Partei Det Radikale Venstre für Kultur, Umwelt und Immigration.Bertram Frick: Gerner Nielsen 2006. In Bernd Köster (Red.): Die Flensburger Stadtdenker/Stadstænkerne i Flensborg. Flensburg 2012. S. 42–57 Gerner Nielsen beteuerte:
Vor 100 Zuhörern in der Dänischen Zentralbibliothek offenbarte die Dänin in Hinblick auf ihre Affinität zur Soziographie, was sie in ihrer neuen Rolle als Stadtdenkerin ergründen wolle: „Ob sich alle Bürger in gleichem Maße in Flensburg zu Hause fühlen.“ In Gesprächen, die sie nicht nur mit „Kollegen“ aus der Politik und Verwaltung, sondern auch bei ihren Erkundungsgängen mit Passanten auf der Straße, in Kulturzentren und in Schulen führte, lautete ihre Kernfrage: „Wenn sie Stadtdenker wären, welche Initiativen würden Sie vorschlagen, um Ihre Stadt zu verbessern?“
Nach Ablauf einer Woche flirtete Gerner Nielsen in ihrem abschließenden Vortrag in der bis auf den letzten Platz besetzten Alten Post mit dem Gedanken, einen Ortswechsel vorzunehmen, und schwärmte: „Die Lage der Stadt mit dem Hafen könnte mich zum Umzug hierher bewegen. Hier möchte ich gerne wohnen.“Vgl. Zitat bei Bertram Frick: Gerner Nielsen 2006. In Bernd Köster (Red.): Die Flensburger Stadtdenker/Stadstænkerne i Flensborg. Flensburg 2012. S. 45. Ihren positiven Eindruck von Flensburg untermauerte sie in einem analytischen Katalog aus 64 Denkanstößen, die die Stärken und Schwächen der Stadt aufzeigen sollten. Zu erkennen sei Potenzial in der Rolle als kompetente Schnittstelle zwischen Deutschland und Dänemark, aus der für bilaterale Zusammenarbeiten stärkeren Nutzen gezogen werden solle. Die Mehrsprachigkeit und der Multikulturalismus – positiv erwähnte sie die türkische, russische, polnische, italienische und griechische Sprache und Kultur – trügen zur Vielfalt im Geschäfts- und Nachtleben bei. Als Schwäche erkannte sie mangelnde Zukunftsvisionen in der Stadtplanung, der Gesellschaftspolitik sowie der Grenzregion und forderte: „Flensburg sollte sich als Regionshauptstadt für Nord- und Südschlesig verstehen.“ So könne „das Fundament für die Globalstadt des 21. Jahrhundert gelegt“Vgl. Zitat bei Bertram Frick: Gerner Nielsen 2006. In Bernd Köster (Red.): Die Flensburger Stadtdenker/Stadstænkerne i Flensborg. Flensburg 2012. S. 47–49. werden.