mini|hochkant|Theodor Scherer-Boccard Theodor Scherer-Boccard (* 13. Mai13. Mai nach den neueren Beiträgen von Thomas Wallner im Historischen Lexikon der Schweiz (2012) und in der Geschichte des Kantons Solothurn (1992); Letter (1949) und Mayer (1900) geben den 12. Mai als Geburtstag an. 1816 in Dornach, Kanton Solothurn; † 6. Februar 1885 in Solothurn) war ein Schweizer Publizist, Verleger und Politiker. Der 1852 von Papst Pius IX. in den erblichen römischen Grafenstand erhobene Scherer-Boccard war ein führender Vertreter des Katholizismus im Kanton Solothurn. Seine ultramontanen, auf die Weisungen der päpstlichen Kurie gestützten Positionen vertrat er auch auf nationaler Ebene, unter anderem als Redaktor der Schweizerischen Kirchenzeitung und Mitgründer des schweizerischen Piusvereins.

Leben Jugend, erste politische und publizistische Tätigkeit mini|Das alte Amtshaus Dornachbrugg, Aufnahme 2012 Theodor Scherer wurde in ein altes, wohlhabendes«[Die Familie] war nach den damaligen Verhältnissen reich.» Bürgergeschlecht der Stadt Solothurn geboren. Sein Vater Franz Philipp Scherer war solothurnischer Ratsherr und Oberamtmann von Dorneck-Thierstein. Als solcher residierte er im Amtshaus oder «Schlosshof» im Dornacher Ortsteil Dornachbrugg, das somit zu Theodor Scherers Geburtshaus wurde. Scherers Mutter Maria Rosa entstammte der ursprünglich französischen Glaserfamilie Gressly, die infolge der Französischen Revolution in die Schweiz ausgewandert war. Sie war eine Nichte des Geologen Amanz Gressly. Beide Elternteile waren intensiv praktizierende Katholiken. Der Geistliche Johann Georg Mayer beschreibt den Vater in seiner Scherer-Biographie als engen Freund des Mariasteiner Abtes Placidus Ackermann und zeichnet die Mutter als eine Frau, die mit ihren Kindern häufig nach Mariastein pilgerte, wo sie erklärte, «ihre Kinder lieber durch einen frühen Tod, jetzt in ihrer Unschuld, als später durch ein sündhaftes Leben für die Ewigkeit zu verlieren». Theodors älterer Bruder Franz verstarb im Alter von zwölf Jahren an Scharlach. In der Folge verlegte die Familie ihren Wohnsitz von Dornach zunächst nach Olten, später nach Solothurn, wo Scherers Schwester Virginie geboren wurde. In Solothurn besuchte Theodor Scherer das Gymnasium und das daran anschliessende Lyzeum. Seine Studien setzte er bei den Jesuiten in Freiburg im Breisgau fort. Obwohl er sich auch zum Priesterstand hingezogen fühlte, beschritt er schliesslich einen weltlichen Lebensweg. Scherers Weltanschauung wird vom Historiker Peter Stadler als «früh fixiert» bezeichnet.

Scherer plante 1836 ein rechtswissenschaftliches Studium mit Aufenthalten in München und Paris, kehrte jedoch stattdessen nach Solothurn zurück, um seinen erkrankten Vater zu unterstützen. Dort gründete er als erst Zwanzigjähriger die erste konservative Zeitung des Kantons, die Schildwache am Jura, die «als konservatives Blatt von aggressivem Ton der Solothurner Regierung alsbald zu schaffen machte», wie Stadler in seiner Untersuchung zum Kulturkampf in der Schweiz schrieb. Am 27. Februar 1837 wurde Scherer bei den «Kollegienwahlen» (indirekte Wahl durch Wahlmänner) in den Grossen Rat des Kantons Solothurn gewählt, dem er bis 1841 angehörte. In dieser Zeit betrieb er ein politisches «Korrespondenzbureau», mit dem er Verbindungen zu katholischen und protestantischen konservativen Kräften sowohl in der Schweiz als auch im Ausland aufbaute.

Verfassungsstreit und Folgen

Die liberale Solothurner Verfassung von 1831, die repräsentativ-demokratischen Prinzipien folgte, erlaubte eine Revision erst nach Ablauf von zehn Jahren. Eine solche Revision wurde für 1841 allgemein erwartet, da die Volksrechte in der Verfassung von 1831 noch relativ schwach ausgebaut waren. Wie auch in anderen Kantonen (Bern, Zürich, Luzern und Aargau) nahmen im Kanton Solothurn mit der nahenden Revision die Unruhen zu. Die konservativ-ultramontane Opposition, der Scherer angehörte, sah die altliberale Partei,Zum Konflikt zwischen altliberalen und radikal-liberalen Strömungen im Kanton Solothurn siehe FDP Kanton Solothurn die Ende 1830 die Herrschaft des solothurnischen Patriziats beendet hatte, nun als «beharrendes Element» an, während den Liberalen die konservativen Forderungen nach Autonomie der Gemeinden und nach direkten Wahlen suspekt waren. Das sogenannte «Volksveto» wurde laut Mayer «durch Scherer vorgeschlagen und verteidigt». Nachdem im solothurnischen Grossen Rat am 19. Dezember 1840 eine Verfassung im Sinne der Regierung – ohne das Volksveto – angenommen worden war, spitzte sich der Konflikt vor der am 10. Januar 1841 anstehenden Volksabstimmung über die Verfassung zu. Während Scherer und der radikal-liberale Urs Joseph Hammer dafür eingetreten waren, dass im Fall einer Ablehnung eine neue Verfassung auszuarbeiten sei, beschloss der Grosse Rat, dass in diesem Fall die alte Verfassung für weitere zehn Jahre in Kraft bleiben solle. Somit hatte die Opposition nur die Wahl zwischen der alten und einer ihres Erachtens ungenügenden neuen Verfassung. Dies führte zu Flugblattkampagnen gegen den Verfassungsentwurf und gegen die Regierung. Am 2. Januar 1841 trafen sich in Mümliswil führende Männer der Revisionsbewegung und unterzeichneten einen Aufruf an das Solothurner Volk, die Verfassung abzulehnen. Scherers Unterschrift stand an dritter Stelle nach Ratsherr Leonz Gugger und dem Grossrat Friedrich Glutz von Blotzheim. Im Anschluss daran häuften sich die Putschgerüchte. Bevor der Aufruf von Mümliswil, die «Mümliswiler-Adresse», aber breit gestreut werden konnte, schlug die Regierung zu und liess am 5. und 6. Januar 1841 führende Persönlichkeiten der Opposition verhaften, unter ihnen auch Scherer. Sie liess die «Schildwache» und das Korrespondenzbureau polizeilich schliessen und klagte den inhaftierten Scherer des Hochverrats an. In der Volksabstimmung vom 10. Januar wurde die Verfassung angenommen.

Scherer und andere führende Persönlichkeiten der Opposition konnten das Gefängnis nach mehreren Monaten vorerst verlassen, um an der konstituierenden Versammlung des Grossen Rates teilzunehmen, in den sie erneut gewählt worden waren. Der erkrankte Scherer begab sich in der Folge zu einem Erholungsaufenthalt ins Birstal, wo ihn die Nachricht erreichte, dass ihm die erneute Verhaftung drohe. Sollte er als Hochverräter verurteilt werden, konnte eine lebenslängliche Kettenstrafe oder sogar die Todesstrafe verhängt werden. In der Folge flüchtete Scherer über Basel zunächst nach Frankreich und hielt sich in Paris auf. Indessen war im Kanton Luzern eine konservative Regierung an die Macht gelangt, die nun eine katholische Zeitung schaffen wollte und Scherer zu diesem Zweck als deren Direktor nach Luzern einlud. Scherer folgte diesem Ruf, ging nach Luzern und gründete dort mit anderen die Staatszeitung der katholischen Schweiz. Am 11. April 1843 verlieh ihm die Universität Würzburg den Titel des Doktors beider Rechte für sein Werk Revoluzion und Restaurazion der Staatswissenschaft.

Am 23. Juni 1843 wurde in Solothurn das Urteil über Scherer und seine zehn Mitangeklagten gefällt. Der Ankläger hatte für sämtliche Angeklagten die Todesstrafe gefordert. Das Gericht jedoch erklärte den Prozess als «nur polizeilicher Natur», wonach Scherer zu 11 Monaten Staatsgefängnis verurteilt wurde. Auch die anderen Angeklagten erhielten ähnliche Gefängnisstrafen. Scherer verliess Luzern im November 1843, um in Solothurn seine Haftstrafe anzutreten; laut Johann Georg Mayer, da sein wiederum erkrankter Vater Scherers Rückkehr nach Solothurn gewünscht hatte. Der Vater erwirkte denn auch durch ein Bittgesuch die Entlassung Scherers bereits am 28. Februar 1844.

Bis zum Tode seines Vaters am 14. Dezember 1844 blieb Scherer noch bei seiner Familie in Solothurn, wo er auch in enger Verbindung zum konservativen Staatsrechtler Karl Ludwig von Haller stand, der ihm zum «Mentor und Ideenspender» wurde. Danach siedelte er auf Einladung des ultramontanen Luzerner Regierungsrats Constantin Siegwart-Müller mit Mutter und Schwester nach Luzern über, wo er eine Stelle als Kabinettssekretär Siegwart-Müllers antrat. In der Zeit des Sonderbunds war Scherer mit der diplomatischen Korrespondenz Siegwart-Müllers, der dem Kriegsrat des Sonderbunds vorsass, betraut. Daneben war er in der Sonderbundszeit Berichterstatter der Augsburger Allgemeinen Zeitung für die katholische Schweiz; seine Artikel für diese Zeitung waren mit † oder †† gezeichnet.

Nach dem Sonderbundskrieg mini|Landsitz Hünenberg, Aufnahme 2013 Der Sieg der liberalen Kantone im Sonderbundskrieg beendete die politische Karriere sowohl Siegwart-Müllers als auch Scherers. Scherer, seine Mutter und seine Schwester zogen zurück nach Solothurn. Er konzentrierte sich nun ganz auf seine publizistische Tätigkeit für den Schweizer Katholizismus, besonders als Redaktor der Schweizerischen Kirchenzeitung (1855–1880). Die politischen Verhältnisse in der Schweiz nach 1848 wurden von Scherer grundsätzlich abgelehnt – Peter Stadler vermutet, dass auch dies dazu beigetragen hat, dass er sich in keiner politischen Laufbahn mehr versuchte und zu keinen Parlamentswahlen mehr antrat. Jedenfalls stand seine Haltung, sich unter Verzicht auf eine politische Laufbahn in den Dienst der Kirche zu stellen, im Einklang mit einer allgemeinen Tendenz romtreuer Katholiken im Verlauf des 19. Jahrhunderts, so Alois Steiner in der Zeitschrift für Schweizerische Kirchengeschichte.

Nach einer Reise nach Rom ernannte Papst Pius IX. Scherer am 18. Mai 1852 zum römischen Grafen. 1855 erwarb er das Schlösschen Hünenberg in der Gemeinde Ebikon bei Luzern, wo er anfänglich im Sommer und ab 1864 ganzjährig wohnte. Scherer war Mitbegründer einer Reihe katholischer Organisationen, so 1857 des schweizerischen Piusvereins, als dessen Präsident er in der Folge bis zu seinem Tod amtierte. Scherers Mutter starb 1859. 1868 heiratete er Marie Louise de Boccard, die aus dem Patriziergeschlecht de Boccard aus der Stadt Freiburg im Üechtland stammte, und nannte sich seither Scherer-Boccard. Die Ehe blieb kinderlos.

1874 war Scherer-Boccard am ersten Versuch der Gründung einer gesamtschweizerischen katholisch-konservativen Partei beteiligt, der jedoch erfolglos blieb. Die zu gründende Partei hätte nach Scherer-Boccards Ausführungen, die vom Historiker Urs Altermatt als «wegweisend» bezeichnet werden, bereits den Charakter einer Volkspartei auf demokratischer Grundlage erhalten. Die Gründung einer Konservativen Volkspartei, der späteren Christlichdemokratischen Volkspartei der Schweiz (CVP – heute Die Mitte), fand letztlich jedoch erst 1912 statt. Zu Scherers Lebzeiten standen der Parteigründung Widerstände altkonservativer Gruppen des katholisch-konservativen Lagers entgegen, nach deren Ansicht eine eidgenössische Partei die Handlungsfähigkeit der Fraktion gestört hätte.

Scherer-Boccard wohnte in den Jahren vor seinem Tod hauptsächlich in seinem Schlösschen in Ebikon. Ab Ende Dezember 1884 hielt er sich jedoch in seinem Solothurner Haus auf, wo er einen Hirnschlag erlitt, dessen Folgen er am 6. Februar 1885 erlag. Er wurde in Ingenbohl im Kanton Schwyz beigesetzt.

Nachlass