mini|In der hinduistischen Zeremonialmusik im südindischen Bundesstaat Kerala gespielte idakka. Die Membranen sind auf Ringe aufgezogen.

Sanduhrtrommeln, seltener Stundenglastrommeln, englisch hourglass drums, bilden eine Gruppe von ein- oder meist zweifelligen Röhrentrommeln, bei denen der mittlere Durchmesser kleiner ist als die beiden Enddurchmesser. Daraus ergibt sich die an eine Sanduhr erinnernde Form. Sanduhrtrommeln werden ein- oder beidseitig mit gebogenen Stöckchen oder mit den Händen geschlagen. Die Membranen einfacher Sanduhrtypen sind über den Korpusrand gebogen und aufgeklebt, festgenagelt oder durch nachjustierbare Spannschnüre an der gegenüberliegenden Seite fixiert. Bei komplizierteren Typen sind die beiden Membranen auf Ringe aufgezogen und bilden zwei Scheiben, die lose auf den Korpusenden aufliegen und nur durch die Verspannung in ihrer Position gehalten werden. Diese verläuft im Unterschied zu zylindrischen und fassförmigen Röhrentrommeln mit Abstand zum Korpus, sodass sich während des Spiels durch seitlichen Druck auf die Schnüre die Tonhöhe um mehrere Notenwerte verändern lässt.

Sanduhrtrommeln sind in Südasien, Ostasien und Afrika verbreitet. Die meisten asiatischen Sanduhrtrommeln besitzen seit ihrer ersten Erwähnung in Mesopotamien im 3. Jahrtausend v. Chr. eine religiöse oder magische Bedeutung. In Indien setzen Straßenmusiker kleine sanduhrförmige Rasseltrommeln („Affentrommeln“) zur Begleitung ihrer Lieder ein. In Neuguinea begleiten aus einem Stammabschnitt gefertigte einfellige Sanduhrtrommeln (kundu) traditionelle Gruppentänze und in Westafrika zählen zweifellige Schnurtrommeln gemäß ihrer Funktion zu den Sprechtrommeln.

Herkunft Vorderasien Die ältesten namentlich und von Abbildungen bekannten Sanduhrtrommeln stammen aus Mesopotamien. Auf Keilschrifttafeln lautet im 3. Jahrtausend v. Chr. die verbreitetste Bezeichnung für Trommeln in der sumerischen Sprache UB, im späteren Akkadischen wurde daraus uppu. Dieses Wort in der Grundbedeutung „Schlag“ kann sich auch auf „Herzschlag“ beziehen und steht damit als Urgeräusch des lebendigen Menschen im Zusammenhang mit der Schöpfung, wie sie Gott Enki vollbrachte.Helge Kvanvig: Primeval History: Babylonian, Biblical, and Enochic. An Intertextual Reading. (Supplements to the Journal for the Study of Judaism) Brill, Leiden 2011, ISBN 978-90-04-16380-5, S. 50f. Das Wort kommt allgemein in der Verbindung SU UB vor, wobei das Präfix für Haut oder Membran steht und UB entsprechend eine innen ausgehöhlte oder eine etwas umschließende Form bezeichnen müsste. Nach frühen Ideogrammen zu urteilen, war eine solche Trommel zylindrisch und einfellig.

Eine weitere sumerische Bezeichnung für eine Trommel war BALAG, worunter in früher Zeit möglicherweise Musikinstrumente allgemein und mit dem Zusatz GIŠ.BALAG (giš, „Holz“) Saiteninstrumente verstanden wurden.Wilhelm Stauder: Die Musik der Sumer, Babylonier und Assyrer. In: Bertold Spuler (Hrsg.): Handbuch der Orientalistik. 1. Abt. Der Nahe und der Mittlere Osten. Ergänzungsband IV. Orientalische Musik. E.J. Brill, Leiden / Köln 1970, S. 215. Das Ideogramm für BALAG zeigt eine sanduhrförmige Trommel mit zwei Fellen, die waagrecht an einem Schultergurt hängend mit beiden Händen geschlagen wurde. Ein Rollsiegelabdruck aus Ur stellt eine Musikantengruppe mit Leier, Flöte, Rassel und einem Trommler dar, der sein Instrument in derselben Spielposition mit zwei Stöcken schlägt. Die Sanduhrtrommel BALAG wurde beim Tempelritual für Enki gespielt, der unter anderem als Gott der Musiker galt und dessen Name gelegentlich mit dem Zeichen der Trommel wiedergegeben wurde. Es gab eine kleinere Variante der Sanduhrtrommel namens BALAG.TUR, bei der das Suffix tur eine Verkleinerungsform darstellt, analog zum Jagdbogen GIŠ.BAN, der als BAN.TUR zum kleineren Musikbogen, dem ältesten Saiteninstrument wurde.Richard J. Dumbrill: The Archaeomusicology of the Ancient Near East. Trafford Publishing (Ebookslib), 2005, ISBN 1-4120-5538-5, S. 180, 224. Die Sanduhrtrommel bestand vermutlich in ihrer primitivsten Form aus zwei verbundenen Schädeldecken und gehörte zur Gruppe der alten magischen Ritualtrommeln wie etwa der in der tibetischen Kultmusik gebrauchten Schädeltrommel chang teu und der heiligen hölzernen Sanduhrtrommel damaru, die in Indien als Attribut Shivas dargestellt wird. Die sumerische Sanduhrtrommel wurde zur Verehrung der Götter gespielt und verstärkte die Ausdruckskraft des religiösen Gesangs. Aus einem hethitischen Ritualtext von etwa 1300 v. Chr. geht hervor, dass katraš-Frauen (Zimbel-Spielerinnen) die Trommel (BALAG) geschlagen und so die Götter herbeigerufen hätten. Im Akkadischen hieß die Trommel balaggu, balangu, palagga oder pelaggu. Davon abgeleitet sind die aramäische Bezeichnung palgah und syrisch pelagga. Ihr Korpus bestand aus Holz. Die Membranen wurden anfangs noch nicht mit Schnüren miteinander verspannt, sondern vermutlich an Holzdübeln fixiert.Francis W. Galpin, 1937, S. 2f.

Die ausführlichste zeitgenössische Beschreibung eines sumerischen Tempels und zugleich der längste zusammenhängende Text in sumerischer Sprache ist auf zwei großen Tonzylindern eingraviert, die im wiederaufgebauten Tempel des Gottes Ningirsu von Girsu im Gebiet Lagaš in Südmesopotamien deponiert waren.Jeremy Black, Graham Cunningham, Eleanor Robson, Gábor Zólyomi: The Literature of Ancient Sumer. Oxford University Press, Oxford 2004, S. 44–52. Um 2100 v. Chr. ließ der Priesterkönig Gudea den Tempel prächtig ausgestalten. Die Keilschrift auf dem ersten Zylinder beinhaltet zu Beginn, wie Gudea im Traum die göttliche Idee zum Tempelbau erhielt, wie er beauftragt wurde, ein heiliges Schwert, einen Streitwagen und eine Trommel für Ningirsu anfertigen zu lassen. Die Trommel BALAG wurde in die Fürsorge eines bestimmten Priesters gegeben, der allein das Recht besaß, sie zeremoniell einzusetzen und der als Titel den Namen des Instruments trug. Die BALAG scheint recht laut geklungen und folglich groß gewesen zu sein, denn ihr Schlag wurde mit dem Gebrüll eines Ochsen verglichen.

Ein Siegelabdruck aus der Akkadzeit (24./23. Jahrhundert v. Chr.) zeigt neben der sitzend dargestellten Göttin Ištar einen Altar in der Form einer stehenden schlanken Sanduhrtrommel, auf der Opfergaben abgelegt sind. Die besondere Beziehung der BALAG zur mesopotamischen Hauptgöttin geht auch aus einem Keilschrifttext hervor, worin das Auftauchen eines anderen, Balag.DI genannten Trommeltyps vor der Göttin bei der Leberschau als günstiges Zeichen gewertet wird. BALAG.DI, akkadisch timbūttu oder timbpūtu, war vermutlich eine kleinere sanduhrförmige Trommel, die speziell zur Gesangsbegleitung verwendet wurde. Ein elamitisches Siegel von etwa 1200 v. Chr. zeigt musizierende Tiere mit einer Harfe, Doppelpfeife und einer BALAG.DI in den Pfoten eines Löwen. Die Frage, ob unter dem Namen BALAG neben der entsprechenden Gruppe von Trommeln auch Saiteninstrumente gemeint sein konnten, verbindet Francis W. Galpin mit der zweiten Bedeutung des Wortes timbūttu als eine Art Cricket, das zur Akkadzeit gespielt wurde. Das bei einem derartigen Ballspiel erzeugte Geräusch hat mit einem Trommelschlag, aber nicht mit einem Saiteninstrument zu tun. Timbūttu egli ist folglich mit „Harfe auf dem Feld“ falsch übersetzt, stattdessen ahmen die bei der timbūttu mit einem feilenartigen Stab angeriebenen harten Spannhäute zwischen den beiden Membranen nach dem Prinzip der Schnur-Reibetrommeln das Spielgeräusch nach. Die Membranen durch Seitwärtsbewegung der Spannschnüre anzuregen gehörte bei der BALAG.DI folglich zur Spielweise. Sie steht damit in Verbindung mit den heutigen indischen Zupftrommeln (ektaras) und den Reibetrommeln, die aus Asien nach Europa gelangten. Eine kleine Reibetrommel in Spanien heißt chicharra, wie das spanische Wort für Cricket und für Zikaden. Die Insekten besitzen ein Trommelorgan (Tymbal, von griechisch kymbalon, „Zimbel“, veraltet für „Rahmentrommel“), das aus leicht gebogenen Plättchen besteht, die am Hinterleib des Insekts in Bewegung versetzt werden und ein charakteristisches hohes Schnarrgeräusch hervorbringen. Der Rahmentrommelspieler produziert ein ebensolches Geräusch wie der „Gesang der Zikaden“, wenn er mit dem Handballen über die Membran reibt.Francis W. Galpin, 1937, S. 4f.

Eine ähnliche Bedeutung im Ritual wie die BALAG besaß die sumerische LILIS (akkadisch lilissu). Sie war eine Kesseltrommel mit einem Korpus aus Bronze. Aus Metall bestand auch der Korpus der DUB. Auf dieses Wort scheinen die kleine indische Kesseltrommel duggi (dugi, eine Tontopftrommel der Baul), die in den Veden häufig erwähnte dundubhi, die budbudika (ein anderer Name für die Sanduhrtrommel damaru) und die georgische Zylindertrommel dabdabi (heute doli) zurückzugehen. BALAG und DUB bezeichneten ferner Abstraktionen wie „Wehklage“ und „Gejammer“. Zur Zeremonialmusik am Ningirsu-Tempel von Lagaš gehörten neben der heiligen Trommel BALAG die wesentlich größere, hochkant stehende Rahmen- oder Zylindertrommel A.LA, die von zwei Männern gespielt wurde, und das Blasinstrument SĪM.DA. Im 8. Jahrhundert v. Chr. spielten zu Ehren der Göttin Ištar eine kleine Trommel uppu, eine Kesseltrommel lilissu, ein Doppelrohr-Blasinstrument ḫalḫallatu, eine runde Rahmentrommel manzu und eine balaggu zusammen.Francis W. Galpin, 1937, S. 6f, 17.

In frühislamischer Zeit gab es laut der Abhandlung von al-Mufaḍḍal ibn Salama († um 904) die gewöhnliche Trommel ṭabl, die Bechertrommel kabar und die zweifellige sanduhrförmige kūba, von der bereits Anfang des 7. Jahrhunderts gesagt wurde, dass sie von Muslimen nicht gespielt werden darf. Die kūba ist auf einer Miniatur aus dem 14. Jahrhundert zu einem Buch des arabischen Erfinders al-Dschazarī (12. Jahrhundert) abgebildet. Al-Dschazarī konstruierte unter anderem eine mit Wasserkraft angetriebene Uhr, auf deren Abbildung vier sitzende Musikanten zu sehen sind, die außer der Sanduhrtrommel die Laute ʿūd, die Rahmentrommel dāʾira und die Flöte quṣṣāba spielen.Henry George Farmer: Musikgeschichte in Bildern. Band III: Musik des Mittelalters und der Renaissance. Lieferung 2: Islam. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1966, 26, 92 Eine persische Quelle aus dem 12. Jahrhundert erwähnt eine lange Reihe von Musikinstrumenten, darunter die senkrechte Winkelharfe tschang, die Stachelfidel kamantsche, die Rahmentrommel dāʾira, die Bechertrommel tombak und die genannte Sanduhrtrommel kōba. Zum Musizieren im Freien kamen unter anderem die Trichteroboe surnay und die Kesseltrommel kōs hinzu.Persische Musik. In: Friedrich Blume (Hrsg.): Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Band 10. Erste Auflage 1962, Sp. 1095f. Beim andalusischen Gelehrten al-Shakundi († 1231/32) findet sich die Bezeichnung akwāl für eine Trommel, die wohl eine der in der heutigen arabischen Musik weit verbreiteten Bechertrommeln war. Ihr Name ist in der berberischen Volksmusik im Maghreb als agwāl, tagwalt oder gwāl überliefert. Im marokkanischen Atlasgebirge heißt so eine seltene, kleine sanduhrförmige Tontrommel,Philip Schuyler: Morocco. In: Stanley Sadie (Hrsg.): The New Grove Dictionary of Music and Musicians. Band 17. Macmillan Publishers, London 2001, S. 140. die ebensolche ġūwāl (Pl. gwāl) wird im Norden Marokkos unter anderem zusammen mit der Zupflaute gimbri im Besessenheitsritual des weiblichen Geistes Aisha Qandisha eingesetzt.