mini|hochkant|Galina Starowoitowa (1996)

Galina Wassiljewna Starowoitowa (; * 17. Mai 1946 in Tscheljabinsk; † 20. November 1998 in Sankt Petersburg) war eine russische Ethnologin, Menschenrechtsaktivistin und liberale Politikerin. Sie galt international als profilierte demokratische Stimme Russlands und setzte sich für demokratische Reformen, Minderheitenrechte und einen pluralistischen Rechtsstaat ein. Sie war Ko-Vorsitzende der Bewegung „Demokratisches Russland“ und gehörte zu den bekanntesten liberalen Politikerinnen der 1990er Jahre in Russland. Am 20. November 1998 wurde sie im Treppenhaus ihres Wohnhauses in Sankt Petersburg erschossen; trotz mehrerer Verurteilungen gelten die politischen Hintergründe und möglichen Auftraggeber der Tat als nicht vollständig aufgeklärt.

Leben und wissenschaftliche Arbeit Galina Starowoitowa wurde am 17. Mai 1946 als Tochter eines weißrussischen Vaters und einer russischen Mutter in Tscheljabinsk im Uralgebirge geboren.. Im Jahr 1948 zog die Familie nach Leningrad, wo Starowoitowa aufwuchs. 1966 schloss sie an der militärtechnischen Hochschule Leningrad ein Studium ab und wurde 1971 an der Universität Leningrad graduiert, wo sie Psychologie studierte. 1980 promovierte sie am Institut für Ethnografie der Akademie der Wissenschaften.Ten years without Starovoytova, Мария Калужская, Grani.ru, November 20, 2008. In ihrer 1987 veröffentlichten Doktorarbeit beschäftigte sie sich mit den Tataren von Leningrad.fembio.org Als Ethnographin arbeitete sie zu Fragen des Kaukasus, interethnischer Beziehungen und nationaler Minderheiten und publizierte rund 70 Artikel, Aufsätze und Monografien.fembio.org Nach der Entstehung der armenischen nationaldemokratischen Bewegung wurde sie eine Verfechterin der Selbstbestimmung der Region Bergkarabach. Von 1994 bis 1998 war sie Gastprofessorin am Watson Institute for International Studies der Brown University in Providence, Rhode Island, wo sie Vorlesungen über die Politik der Selbstbestimmung ethnischer Minderheiten hielt.

Politischer Werdegang Starowoitowa begann ihre politische Karriere 1989 mit der Wahl in den Volksdeputiertenkongress der Sowjetunion, wo sie die Interessen der armenischen SSR vertrat. Der Schwerpunkt ihrer politischen Arbeit lag besonders auf der Ausarbeitung einer neuen Verfassung sowie auf der Problematik ethnischer Minderheiten im Kaukasus. Während des armenisch-aserbaidschanischen Konfliktes um die Region Bergkarabach vertrat sie im Kongress die Position der Armenier. Von 1990 bis zu seiner Auflösung 1993 hatte sie einen Sitz im neu gegründeten Kongress der Volksdeputierten der Russischen Föderation von Sankt Petersburg. Im Sommer 1991 unterstützte Starowoitowa die Wahlkampagne von Boris Jelzin zum Präsidenten der Russischen Föderation und wurde zu dessen Beraterin für interethnische Fragen ernannt. Nach dem Zerfall der Sowjetunion blieb sie zunächst Beraterin Jelzins für Nationalitätenfragen. Ende 1992 wurde sie vermutlich im Zusammenhang mit ihrer offenen Kritik an Moskaus Positionierung im Konflikt zwischen Osseten und Inguschen von ihren Aufgaben freigestellt. 1995 wurde sie von der Bewegung „Demokratisches Russland“, deren Vorsitz sie gemeinsam mit Lew Ponomarjow und dem Kleriker Gleb Jakunin innehatte, in die Staatsduma gewählt. 1996 versuchte sie, sich als Kandidatin für die russische Präsidentschaftswahl registrieren zu lassen; der Oberste Gerichtshof bestätigte jedoch die Zurückweisung eines Teils ihrer Unterstützungsunterschriften. Im Vorfeld des Ersten Tschetschenienkriegs setzte sie sich für eine diplomatische Lösung des Konfliktes ein und positionierte sich deutlich gegen die Tschetschenienpolitik von Boris Jelzin. Im April 1998 wurde sie Ko-Vorsitzende der Bewegung „Demokratisches Russland“ und bereitete in Sankt Petersburg eine Kandidatur des liberalen Bündnisses „Nördliche Hauptstadt“ vor. Starowoitowa war gegen eine Erweiterung der Machtbefugnisse des FSB und stimmte gegen die Nominierung von Jewgeni Primakow als Ministerpräsident.Bullets Silence Voice of Reason, KM, Perspective, Volume IX, Number 2 (November–December 1998), Institute for the Study of Conflict, Ideology, and Policy, Boston University.

Politische Positionen und Wirken Starowoitowa nahm ihre wissenschaftliche Arbeit zu Nationalitätenfragen zum Ausgangspunkt für ein politisches Engagement für Minderheitenrechte, demokratische Freiheiten und einen pluralistischen Rechtsstaat. Sie trat besonders scharf gegen xenophobe, antiwestliche und antisemitische Strömungen auf; einer ihrer letzten öffentlichen Konflikte betraf die Weigerung der Duma, antisemitische Äußerungen des kommunistischen Abgeordneten Albert Makaschow zu verurteilen. Zugleich kritisierte sie die Regierung, wenn diese nationalistische oder chauvinistische Tendenzen beschwichtigte, und wurde nach Beginn des Ersten Tschetschenienkriegs zur Kritikerin Jelzins. Zu ihren wichtigsten Initiativen gehörte ein Lustrationsentwurf, mit dem ehemalige Funktionäre des KPdSU-Apparats und Mitarbeiter sowjetischer oder russischer Geheimdienste von zentralen Staatsämtern ausgeschlossen werden sollten. In westlichen Nachrufen wurde hervorgehoben, dass sie im Unterschied zu vielen Politikern der 1990er Jahre kaum mit Geschäftsinteressen verbunden war und deshalb als besonders glaubwürdige Reformpolitikerin wahrgenommen wurde. Ihre Ermordung wurde als politischer Einschnitt gedeutet, weil sie eine Abgeordnete mit hohem öffentlichem Vertrauen und eine der wenigen verbliebenen liberalen Stimmen der Jelzin-Zeit traf.

Ermordung und Ermittlungen mini|Grab Starowoitowas in Sankt Petersburg (2009) Am Abend des 20. November 1998 kehrte Starowoitowa aus Moskau nach Sankt Petersburg zurück, wo zwei Angreifer auf sie und ihren Mitarbeiter Ruslan Linkow schossen. Sie wurde im Treppenhaus zu ihrer Wohnung am Gribojedow-Kanal mit drei Schüssen in den Kopf getötet; Linkow überlebte schwer verletzt. Die Untersuchung des Mordes erfolgte unter persönlicher Aufsicht des damaligen Innenministers Sergei Stepaschin, der zuvor Leiter des FSB gewesen war und später russischer Ministerpräsident wurde. Im Juni 2005 verurteilte das Stadtgericht Sankt Petersburg Juri Koltschin wegen Organisation des Mordes zu 20 Jahren und Witali Akischin als Schützen zu 23,5 Jahren Haft; vier weitere Angeklagte wurden freigesprochen. Im September 2008 wurde ein weiterer Tatverdächtiger für seine Rolle bei der Organisation der Tat zu elf Jahren Haft verurteilt. Dem offiziellen Untersuchungsbericht zufolge wurde der Mord von dem ehemaligen GRU-Killer Juri Koltschin organisiert.Anna Politkovskaya (2007) A Russian Diary: A Journalist’s Final Account of Life, Corruption, and Death in Putin’s Russia, Random House, S. 38. 2015 wurde der frühere Duma-Abgeordnete Michail Gluschtschenko wegen Organisation des Mordes zu 17 Jahren Haft verurteilt, während Vorwürfe gegen Wladimir Barsukow als weiteren Organisator bis Ende 2023 nicht gerichtlich entschieden waren. Drei weitere Tatverdächtige waren nach früheren Ermittlungsangaben weiterhin flüchtig. Die eigentlichen Drahtzieher des Mordes konnten allerdings nicht abschließend ermittelt werden.8-я годовщина трагической гибели Галины Старовойтовой, interview with Valery Borschov by Vladimir Alexeyevich Kara-Murza, Radio Svoboda, November 20, 2006. Weggefährten Starowoitowas und Personen aus der Szene um den Sankt Petersburger Hafen und das Ölterminal gehen davon aus, dass ihre Recherchen zu Wirtschaftskriminalität und Korruption dazu führten, dass die dortigen Silowiki und die Tambow-Bande ihre Ermordung beschlossen und durchführten.Catherine Belton: Putins Netz. Wie sich der KGB Russland zurückholte und dann den Westen ins Auge fasste. HarperCollins, Hamburg 2022, ISBN 978-3-7499-0328-3 (deutsch), S. 145–146.

Weblinks Spiegel Online vom 9. September 2009: Ermittlungen wegen Politikermord – Die Blutspur führt ins russische Parlament

Einzelnachweise

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