mini|220px|Claude Thornill, ca. 1947. Foto: Gottlieb.

Centennial – Newly Discovered Works of Gil EvansAlternativtitel: Centennial: Ryan Truesdell Presents Newly Discovered Works of Gil Evans ist ein Jazz-Album von Ryan Truesdell. Es enthält (fast ausschließlich) bislang unveröffentlichte Arrangements des Pianisten und Bandleaders Gil Evans, die im August 2011 aufgenommen und bei ArtistShare am 13. Mai 2012, dem hundertsten Geburtstag von Gil Evans, veröffentlicht wurden.Victor Schermer: Ryan Truesdell: The Gil Evans Project (Interview mit Ryan Truesdell 2011) In: All About Jazz, 25. Juli 2011. Es wurde Ende 2012 zwei Mal für den Grammy Award 2013 nominiert, in den Kategorien Best Large Jazz Ensemble Album und Best Instrumental Arrangement.Nominierungen 2013. In: grammy.com (englisch)

Vorgeschichte des Centennial-Projekts Truesdell, der in Wisconsin aufgewachsen war und den Master in Jazzkomposition am New England Conservatory erworben hatte, arbeitete acht Jahre mit Maria Schneider als Komponist, Arrangeur, Kopist und Co-Produzent. Die Bandleaderin, die mit Evans in dessen letzten Lebensjahren zusammengearbeitet hatte, war für Truesdell das erste Verbindungsglied zu Evans; in der Zeit seiner Arbeit bei Maria Schneider forschte er mehrere Jahre bei Freunden, Schülern und der Familie von Gil Evans über dessen Arbeit, was zur Entdeckung verschiedener, bislang unveröffentlichter Arrangements führte. Truesdell zu seinen Recherchen:

„Dieses Projekt begann auf egoistische Weise […] Ich wollte zum eigenen Nutzen mehr über Gil erfahren. Viele der erhältlichen Evans-Arrangements waren ungenaue Transkriptionen. Ich musste an die Quelle gelangen.“Im Original: This project began selfishly […] I wanted to learn more about Gil for my own benefit. Many of the available Evans arrangements were inaccurate transcriptions. I needed to go to the source.

Zu seinen Beweggründen äußerte Truesdell 2011 in einem Interview:

„Mein Hauptziel ist es, den wahren Gil Evans und all das, was er gemacht hat zu zeigen. […] Wenn die Leute an Gil Evans denken, dann sofort an jene vier Alben, die er mit Miles Davis gemacht hat, besonders Sketches of Spain und Porgy and Bess. Aber dies stellt nur eine kurze Phase in der Mitte seiner Karriere dar. Wichtig ist es zu schauen, was er machte, bevor dort hingelangte, und was er danach vollbrachte. Zum Beispiel diese Lucy-Reed-Platte — das ist eine wunderschöne Platte mit einer sehr einmaligen Instrumentierung, aber nur wenigen war dies bekannt. Ich will dies ändern. Ich möchte, dass Gils Musik in einer Weise wieder gespielt wird, die ihm ehrt und so gespielt wie er es beabsichtigt hat, dessen Musik in das Leben der heutigen Generation bringt. Zielsetzung ist es, Gil für das zu feiern, was er war und für die schiere Schönheit und das Genie, das er in sein Arrangieren, Komponieren und die Musik als Ganzes einbrachte.“Im Original: My main purpose is to show the true Gil Evans and everything he did. As you said earlier, when people think of Gil Evans, they immediately think of those four records he did with Miles Davis, especially Sketches of Spain and Porgy and Bess. But that only represents a short time in the middle of his career. It's important to look at what he did before he got there, and what he accomplished afterwards. For example, that Lucy Reed record that I mentioned earlier—it's a beautiful record with a very unique instrumentation, but very few people are familiar with it. I want to change that. I want to have Gil's music performed again in a way that honors him and how he intended it to be performed, bringing his music into the lives of the present generation. The goal is to celebrate Gil for who he was and the sheer beauty and genius he brought to his arranging, composing, and music as a whole.

Truesdell war der Erste außerhalb der Evans-Familie, der Zugang zu den Familienarchiven mit Evans’ Manuskripten erhielt; er fand viele Kompositionen und Arrangements, die lang vergessen und nie aufgenommen worden waren. Da Truesdell erkannte, dass das Familienarchiv unvollständig war, forschte nach den Unterlagen von Evans’ früher Arbeit mit dem Claude Thornhill Orchestra; Truesdell fand diese in der Thornhill-Sammlung in der Bibliothek der Drury University in Springfield (Missouri). Des Weiteren forschte er im Material von Musikern, die mit Evans gearbeitet hatten, wie Howard Johnson und Gil Goldstein, ferner in der Library of Congress.

„So begann ich all die diese Musik zusammenzutragen,“ meinte Truesdell im Interview 2011, „inzwischen habe ich über fünfzig Stücke aus Gils gesamter Karriere, die nie aufgenommen wurden. Unglaublich! An diesem Punkt entschied ich, diese Musik müsse mitgeteilt und aufgenommen werden, und so beschloss ich das Gil Evans Centennial Project zu starten.“Im Original: So I started amassing all this music, and now I have over 50 pieces throughout Gil's entire career that have never been recorded. Amazing! That's when I decided that this music had to be shared and had to be recorded, so I decided to start the Gil Evans Centennial Project.

Nachdem er komplette Arrangements und Entwürfe gefunden hatte, ermutigte ihn Maria Schneider, dies auf Platte aufzunehmen: People needed to hear this stuff, I needed to hear this stuff. Diese Arrangements reichen chronologisch von 1946 bis 1971, allein fünf stammen aus Evans’ Arbeit mit dem Thornhill-Orchester. Truesdell meinte zu seiner Beschäftigung mit den Unterlagen:

„Ich schlug mich mit dem Gedanken herum, ob ich lediglich ein Thornhill-Album aufnehmen sollte, denn alles was Gil machte, kam von der Thornhill-Band. Das war sein Workshop, mit dem er neue Dinge ausprobierte, wie Harmonien der französischen Impressionisten. Er schrieb eine gewaltige Zahl an Arrangements für Thornhill … Nur die Hälfte davon wurde überhaupt aufgenommen.“Im Original: I struggled with whether I should do only a Thornhill record, everything Gil did came out of the Thornhill band. It was his workshop where he tried new things, like French Impressionist harmonies. He did an enormous number of arrangements for Thornhill. … Only about half of them were ever recorded.

Zu den Solisten des Centennial-Projekts gehören Frank Kimbrough, Steve Wilson, Dave Pietro, Greg Gisbert, Scott Robinson, Donny McCaslin, Joe Locke und Marshall Gilkes.Scott Albin: In: JazzTimes, 17. Juni 2012 (englisch). Die Rhythmusgruppe besteht aus den Gitarristen James Chirillo und Romero Lubambo, Pianist Frank Kimbrough, Bassist Jay Anderson, Schlagzeuger Lewis Nash und Perkussionist Mike Truesdell.

Das Gil-Evans-Projekt würde über Vorab-Subskription bei ArtistShare finanziert. Die Orchesterpassagen wurden von Toningenieur James Farber in den Avatar-Studios in New York eingespielt; die Orchesteraufnahmen fanden zwischen dem 24. und 26. August 2011 statt. Insgesamt dauerten die Aufnahmen zehn Tage. Truesdell und seine Musiker stellten das Centennial-Projekt im Rahmen der Gil-Evans-Jubiläumsfeiern im Mai 2012 mit einer Reihe von Konzerten der Öffentlichkeit vor; das Gil Evans Project Ensemble trat vier Abende im New Yorker Club Jazz Standard auf. Es folgten im Juli 2012 Auftritte auf dem italienischen Umbria Jazz Festival und am 5. August auf dem Newport Jazz Festival.Hilary Brown: In: downbeat.com, 21. Mai 2012 (englisch).Neben den Auftritten im New Yorker Jazz Standard spielte Truesdell die Musik von Out of the Cool (Impulse!, 1960); des Weiteren fand ein Konzert mit der Thornhill-Musik statt, an dem u. a. auch Phil Woods, Frank Kimbrough und Andy Bey mitwirkten. Außerdem führte Truesdell Gil Evans’ Arrangements für Cannonball Adderley mit Musikern der Eastman School of Music auf. Vgl. Interview mit V. Schermer 2011.

Musik des Albums Die Titel des Albums hat Evans für unterschiedliche Besetzungen, zwischen neun und 24 Stimmen, geschaffen; die Arrangements wurden zwischen 1946 und 1971 geschrieben. Das Album beginnt mit Punjab, das ursprünglich für Evans’ Album The Individualism of Gil Evans (Verve, 1964) vorgesehen war, aber verworfen wurde. Truesdall realisierte diese Aufnahme obgleich das vorgefundene Arrangement nicht für die Rhythmusgruppe ausnotiert war, nachdem er die Bänder mit den Proben hörte, indem er wegen Unstimmigkeiten in der Rhythmusgruppe eine Tabla ergänzte.Truesdall schreibt in den Liner Notes: „I immediately heard why Gil never wanted these tapes to be realised. … The performance was a bit rough, and there was something in the groove from the rhythm section that just didn't seem to fit into the arrangement. … I hat to unify the rhythm section with the rest of the orchestra.“ Herausgestellt werden Dan Weiss’ Tablaspiel, Frank Kimbrough am Piano und Steve Wilson am Altsaxophon.

Kurt Weills Barbara Song ist hier in Evans’ Arrangement aus dem Jahr 1971 vertreten, das der Bandleader für die 24-köpfige Berlin Dream Band (plus die Gastsolisten Steve Lacy und Karl Berger) geschrieben und mit dieser bei den Berliner Jazztagen aufgeführt hatte. Der Klang des Orchesters ist von Oboe, Fagott, Waldhorn und Englischhorn bestimmt; als Solist tritt Vibraphonist Joe Locke hervor. Für das Arrangement von The Maids of Cadiz verwendete Truesdell die Version, die Evans 1950 zuerst für Thornhills Band schrieb; bekannt wurde aber die spätere Version auf dem Miles-Davis-Album Miles Ahead (Columbia, 1957); Solisten sind hier Greg Gisbert mit der gestopften Trompete, Frank Kimbrough am Piano und Altsaxophonist Dave Pietro. Truesdell sagte zu dieser Version:

„Sie ist viel länger, ist einige Male moduliert und hat ein schnelleres Tempo. Es ist auch interessant zu sehen, welche Teile er in die spätere Miles-[Davis]-Version übernahm. Ich fand mehrere Beispiele von Stücken, die er 1945, '46, '47 schrieb und die er später im Lauf seiner Karriere wiederverwendete — zum Beispiel ein melodisches Motiv, das er in einem Arrangement für Thornhill geschrieben hatte, baute er später in Nobody’s Heart ein. Diese Neuentdeckungen werfen daher ein neues Licht auf Gils Entwicklung.“Im Original: It's much longer, modulates a few times, and is at a faster tempo. It's interesting to see what parts he took from that to use in the Miles version, too. I've found that there are many instances of things he wrote in 1945, '46, '47 that he reuses later on in his career—for example, a melodic motive he wrote in an arrangement he did for Thornhill that he later incorporated into „Nobody's Heart.“ These new discoveries really shed a new light on Gil's history.

Zu den Titeln, die mit Evans’ Arbeit für Thornhill in Verbindung stehen, gehören ferner How About You?, Who’ll Buy My Violets, mit Scott Robinson an der Klarinette, und das swingende Dancing On a Great Big Rainbow. How About You wurde 1947 live von Thornhill aufgenommen, existiert aber in keiner Studioversion; Truesdell verwendet die Flöte/Piccolo-Sektion, die Evans hinzufügte. Truesdell beschrieb das ungewöhnliche Arrangement:

„Das Arrangement hat Beboplinien und komplexe Cross-rhythmen zwischen den verschiedenen Teilen, mit drei Piccoloflöten an der Spitze. Wie viele Big Bands spielten 1947 Bebop mit drei Piccoloflöten?“Im Original: The chart has bebop lines and complex cross rhythms trading between different sections, with three piccolos on top. How many big bands were playing bebop with three piccolos in 1947?