miniatur|Dominikanerkirche in Bozenminiatur|Chor der DominikanerkircheDie Dominikanerkirche mit ihrem ehemaligen Kloster ist eines der kunsthistorisch bedeutendsten Bauwerke der Südtiroler Landeshauptstadt Bozen. Die römisch-katholische Kirche, die der Seelsorge der italienischsprachigen Bevölkerung dient und dem Hl. Dominikus geweiht ist, liegt am Dominikanerplatz 1 im Stadtteil Zentrum-Bozner Boden-Rentsch. Kunstgeschichtlich zählt ihr Mönchschor zu den frühesten Zeugnissen gotischer Sakralarchitektur in Tirol. Die gotischen Wandmalereien in Kirche und Kreuzgang aus der Zeit zwischen 1320 und 1520 sind die bedeutendsten ihrer Art in Bozen, während das Altarbild des Guercino im Langhaus ein hochrangiges Beispiel des italienischen Barock darstellt.
Geschichte Der Orden der Dominikaner wird erstmals 1272 in Bozen erwähnt, wo er sich südlich der Stadtmauer in der Nähe des Eisack ansiedelte. Die Mönche kamen vermutlich aus dem Konvent von San Lorenzo in Trient und führten ein Empfehlungsschreiben Bischof Leo Thundorfers von Regensburg aus dem Jahr 1273 mit sich. Der erste Prior des Klosters war aller Wahrscheinlichkeit nach Heinrich von Burgeis, der auch als Verfasser der poetischen Beicht- und Bußpredigt Der Seele Rat hervortrat.Max Siller: Die Ministerialen von Burgeis und der Dichter Heinrich von Burgeis. Prolegomena zur Interpretation des „Seelenrats.“ In: Elisabeth De Felip-Jaud, Max Siller (Hrsg.): Heinrich von Burgeis: Der Seele Rat. Symposium zu einem hochmittelalterlichen Predigermönch. Universitätsverlag Wagner, Innsbruck 2017, ISBN 978-3-7030-0947-1, S. 15–132. 1276 wird die erste, dem Erlöser geweihte Kirche urkundlich genannt. 1287 wird erstmals im Zusammenhang mit der Niederlassung der Dominikaner von einem Konvent gesprochen, als Meinhard II. Zollfreiheit auf Lebensmittel und Kleidung gewährte.
Um 1300 wurde mit dem Bau der neuen, heutigen Kirche begonnen, in der Anna von Böhmen, die erste Gemahlin des Tiroler Landesfürsten Heinrich, 1313 bestattet wurde. Nur wenig später ließ Giovannino de’ Rossi, dessen Vater aus Florenz nach Bozen gekommen war, westlich des Chors die Johanneskapelle errichten, in der er auch 1324 bestattet wurde. Sein Sohn, der sich Botsch nannte, gab den Auftrag zur Ausmalung der Kapelle mit Fresken und zur Errichtung des Turmes über dem nördlichen Kapellenjoch. Um diese Zeit wurden auch westlich der Johanneskapelle Sakristei, Kapitelsaal und Kreuzgang errichtet. Die bis um 1350 entstandenen Kapellen an der Ostwand des Langhauses wurden im 19. Jahrhundert entfernt. In der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts brachten Adel und Bürgertum die finanziellen Mittel zur Einwölbung des Langhauses und des Kreuzgangs auf. Diese Arbeiten wurden unter der Leitung von Hans Hueber aus Villach durchgeführt. Ab 1488 ist eine eigene St. Sebastians-Bruderschaft am Dominikanerkonvent bezeugt, deren Mitglieder zu den wichtigsten Bozner Patrizierfamilien wie etwa den Kiesfelder, Lantramer oder Truefer zählten.Angaben nach Obermair, S. 199, Nr. 1245.
Im 16. Jahrhundert schritt der Niedergang des Klosters so weit fort, dass der Landeshauptmann von Tirol im Jahr 1600 vorschlug, es den Jesuiten zu übergeben. Doch schon 1643 richteten die Dominikaner hier eine philosophisch-theologische Hochschule ein. Sie zählten zu dieser Zeit 24 Ordensbrüder. Damals wurden die spätgotischen Pfeiler im Langhaus und die Bogen zu den Seitenkapellen mit barocken Stuckkapitellen versehen. 1730/40 erneuerte man den Chor im Rokokostil.
Am 19. Februar 1784 wurde das Kloster durch Kaiser Joseph II. aufgehoben. Kunstwerke, Bücher und Archivalien wurden verkauft oder auch zerstört, die Gebäude selbst zunächst als Kaserne genutzt. Im Laufe des 19. Jahrhunderts diente das Kloster nacheinander als Militärmagazin, Militärbäckerei und als Schule. Während des Ersten Weltkrieges war hier ein Lazarett untergebracht, in dem der bedeutende Arzt Lorenz Böhler wirkte und grundlegende neue Erkenntnisse der Unfallchirurgie gewann. Eine Gedenktafel erinnert daran.
Die neue italienische Verwaltung plante nach 1918 mittels des Denkmalamtes Trient, die ehemalige Dominikanerkirche wieder für Kultzwecke zu verwenden. Aus Mangel an Geldmitteln konnte aber erst 1935 mit den entsprechenden Arbeiten begonnen werden, die nur langsam vorankamen. Noch vor Abschluss der Arbeiten zerstörten amerikanische Fliegerbomben 1944 das Kirchengebäude und den Turm. Nachdem Chor und Johanneskapelle notdürftig gesichert worden waren, kam es erst 1960–1962 zum Wiederaufbau von Langhaus und Turm. Die weiteren Restaurierungsarbeiten wurden 2008 abgeschlossen. Ein Teil des Klosters wird heute als Musikkonservatorium Claudio Monteverdi genutzt, wo der international renommierte Internationale Klavierwettbewerb Ferruccio Busoni stattfindet. In einem anderen Teil ist die Stadtgalerie untergebracht. Baubeschreibung mini|hochkant|Spätgotisches Maßwerkfenster am Ostchor der Dominikanerkirche, nach Karl Atz, Kunstgeschichte Tirols und Vorarlbergs (1909) Äußeres Die Fassade der Nordseite der Kirche liegt heute direkt am Dominikanerplatz; ursprünglich lag sie in einem ummauerten Vorhof. An den Ecken befinden sich zwei Strebepfeiler, in der Mitte liegt das Hauptportal, von einem Vordach geschützt, und über ihm eine spätgotische Rosette. Rechts neben dem Tor ist ein Fresko mit der Darstellung des Marientodes aus dem 3. Viertel des 15. Jahrhunderts, das Leonhard von Brixen zugeschrieben wird. Fresken darüber mit einer Marienkrönung und links vom Tor, die drei Heilige darstellten, sind bis auf kümmerliche Reste verloren.
An der Fassade der Ostseite ist ein hoher Spitzbogen zu sehen, der zur ehemaligen Nikolauskapelle führte. Weiters sind zwei Spitzbogenfenster und ein kleiner Rest des spätgotischen Fugennetzes sichtbar, mit dem ursprünglich die Fassade überzogen war. Ein kleiner Anbau stammt aus dem Jahr 1972.
Die Chorseite besitzt Strebepfeiler und acht Spitzbogenfenster aus dem frühen 14. Jahrhundert. Unter ihnen ist das Fenster in der Mittelachse hervorzuheben, das drei Bahnen und besonders feines Maßwerk aufweist.
Innenraum miniatur|Das Innere des Langhauses mit dem abschließenden Lettner Das Langhaus liegt tiefer als das Straßenniveau und wird durch das 2008 von Igino Legnaghi geschaffene Hauptportal über neuere Stufen betreten. Die dreischiffige Hallenkirche ist durch zwei Reihen von jeweils vier achteckigen Pfeilern gegliedert, die zusammen mit zwei Halbpfeilern im Norden und Konsolen an den Längsseiten das Gewölbe tragen. Die rot bemalten Rippen sind symmetrisch gestaltet. Am dritten Pfeiler rechts erkennt man die Jahreszahl 1468 am Wappen des Anton Minnig; dieses Datum markiert den Beginn des spätgotischen Umbaus der Kirche. Im Süden schließt ein rekonstruierter Lettner mit vier kleinen Kapellen das Langhaus gegen den Chor hin ab. Davor liegt an der Ostwand der Bogen zur ehemaligen Thomaskapelle, hinter dem heute ein Anbau von 1972 steht.
Durch den Bogen des Lettners gelangt man in den Chor, dessen schmale und hohe Gestaltung mit drei Jochen und 5/8-Schluss die spätgotischen Proportionen erkennen lässt. Die gesamte Oberfläche wurde aber im Rokoko-Stil überformt, also die Rippen des Gewölbes entfernt und durch reiche Stuckdekorationen ersetzt sowie statt der Konsolen Stuckkapitelle auf Wandpfeilern errichtet. Die Stuckdekorationen werden Hannibal Bittner aus Kärnten und die Malereien Giacomo Antonio Delai zugeschrieben. Bei der Restaurierung zwischen 1935 und 1943 hat man darauf verzichtet, den Chor wieder in seinen spätgotischen Zustand zurückzuversetzen, eine zu dieser Zeit eher unübliche Vorgangsweise. Es wurde lediglich das vermauerte Maßwerk der Fenster wieder freigelegt. Da das Gewölbe 1944 durch eine Bombe zerschlagen worden war, hat man die Stuckdekorationen 1986/87 rekonstruiert, zwei der zerstörten Deckenbilder wurden 2004 von Robert Scherer neu gemalt.
Im Chor befindet sich der renaissancezeitliche Epitaph (1530) des Tiroler Landeshauptmanns Leonhard von Völs und seiner dritten Ehefrau Ursula von Montfort.
Ausstattung miniatur|Fresken an der Westwand des Langhauses Die ursprüngliche Ausstattung wurde durch die Klosteraufhebung und die Kriegsschäden weitgehend zerstört. Im Chor hängt über dem Altartisch ein aus Silber getriebenes Kruzifix von Igino Legnaghi aus der Zeit um 1965. Der Volksaltar befindet sich im Langhaus vor dem Lettner und wurde von Paul de Doss Moroder aus St. Ulrich in Gröden 2008 geschaffen. Ein bedeutendes Ausstattungsstück ist der Altar aus der ehemaligen Merkantilkapelle, im Anbau an der Ostseite. Ihn schuf 1641 der Architekt Mattia Pezzi aus Marmor mit vier Säulen und gesprengtem Segmentgiebel. Das Altarbild der nordseitigen Merkantilkapelle wurde vom Merkantilmagistrat Bozen 1654 bei Guercino in Auftrag gegeben und von diesem 1655 gemalt. Es stellt die wunderbare Erscheinung des hl. Dominikus in Soriano dar. Domenico Tomezzoli stellte 1684 die Skulpturen Glaube und Hoffnung sowie zwei Engel und die Reliefs mit den Wappen des Merkantilmagistrats her. Weiter im Norden an der Ostwand stehen zwei Holzskulpturen der Maria und des Hl. Antonius von Padua aus Gröden, dazwischen das Bild von Giuseppe Tortelli aus dem Jahr 1720, das ebenfalls Maria mit Kind und den Hl. Antonius darstellt. An der Nordwand befinden sich zwei barocke Grabsteine von Hans Kramer 1706 und Johannes Schaitter 1661.
Das Langhaus der Kirche war fast zur Gänze mit Fresken ausgemalt. Trotz der Zerstörungen des Krieges haben sich dennoch einige von ihnen erhalten. So sind an der Nordwand noch die Reste eines zwölfteiligen Zyklus über Antonius Eremita und ein großer Christophorus um 1500 zu sehen, während der Zyklus des Paduaner Malers Guariento di Arpo fast gänzlich zerstört ist. An der Westwand sind im ersten Bildfeld vier Heilige (Laurentius, eine Unbekannte, Margaretha und Oswald) aus der Zeit um 1400 dargestellt. Darauf folgt eine thronende Madonna, die von einem der Herren von Castelbarco gestiftet und von einem Veroneser Maler 1379 geschaffen wurde. Das nächste Bildfeld ist dreiteilig und zeigt eine sitzende Madonna, vor der ein Stifter in voller Rüstung kniet, das Volto Santo von Lucca mit dem bekleideten Christus am Kreuz, der dem Spielmann Genesius einen seiner Schuhe auf den Altar gelegt hat, und den Drachenkampf des Hl. Georg. Im letzten Bildfeld sieht man die Heiligen Antonius, Barbara und Georg, der den Ritter Blasius von Castelnuovo der Gottesmutter empfiehlt; es wurde 1404 von Hans Stotzinger gemalt. Am Lettner sind in der zweiten Kapelle Fragmente erhalten, darunter eine Hl. Maria Magdalena, und in der vierten Kapelle drei Apostel vom Meister der Urbanslegende. An der Ostseite schließlich sind Brustbilder von Aposteln und Heiligen aus der Zeit um 1330 zu erkennen.
Johanneskapelle miniatur|hochkant|Nordwand der Johanneskapelle Die Johanneskapelle ist der wertvollste Teil der ganzen Anlage, ihre Wandmalereien sind über Südtirol hinaus von überregionaler Bedeutung. Die Kapelle hat das Aussehen des frühen 14. Jahrhunderts bewahrt. Der lange und schmale Raum, der über drei Joche von Kreuzrippengewölben überspannt wird, erhält sein Licht durch ein hohes Spitzbogenfenster im Süden. Die Schlusssteine der Kreuzrippen und die Wandkonsolen tragen Tier- und Menschenköpfe, aber auch Ornamente. Am Boden sind drei Grabsteine erhalten, und zwar für Volkmar von Niederthor († 1347), der der Schwager jenes Botsch war, der die Kapelle ausmalen ließ; für Leonhard von Völs-Colonna († 1530), der Landeshauptmann von Tirol war, und für Karl von Völs-Colonna († 1585).