Lothar Loeffler (* 28. Januar 1901 in Erfurt; † 23. Oktober 1983 in Boll) war ein deutscher Anthropologe, Mediziner und Hochschullehrer. Während des Nationalsozialismus gehörte er zu den führenden Rassenbiologen und Rassenhygienikern. In der Bundesrepublik Deutschland engagierte er sich in der Familien-, Jugend- und Eheberatung sowie im Strahlenschutz.

Leben Studium und frühe Forschungen Der Sohn eines Ministerialdirektors studierte Medizin in Berlin, Breslau und Tübingen, wo er Mitglied der Verbindung Saxonia wurde.Vereinigung Alter Lüneburger und Sachsen: Adressenverzeichnis, 1969, S. 21. In Tübingen legte er 1924 das Staatsexamen ab und promovierte 1926 zum Dr. med. bei Wilhelm Weitz.Harry Scholz, Paul Schroeder: Ärzte in Ost- und Westpreussen. Leben und Leistung seit dem 18. Jahrhundert. Würzburg 1970, S. 39.Hans-Christian Harten, Uwe Neirich, Matthias Schwerendt: Rassenhygiene als Erziehungsideologie des Dritten Reichs. Bio-bibliographisches Handbuch. Berlin 2006, S. 429. Der Titel seiner Dissertation lautete „Über den Gesundheitszustand der Deutschen Studentenschaft und die Fürsorgemassnahmen der Wirtschaftshilfe der Deutschen Studentenschaft bis zum Frühjahr 1924“.

Loeffler wechselte auf Vermittlung Otmar Freiherr von Verschuers im Oktober 1927 vom Pharmakologischen Institut der Universität Tübingen als Assistent an das neu gegründete Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik in Berlin-Dahlem.Hans-Walter Schmuhl: Grenzüberschreitungen. Das Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik 1927–1945. Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus, Band 9. Wallstein, Göttingen 2005, S. 520. Dort nahm er an weißen Mäusen „experimentelle Untersuchungen zur Frage der künstlichen Erzeugung von Erbänderungen“ mittels „arsenhaltiger Substanzen“ vor. Im Oktober 1929 wechselte er an das Anthropologische Institut der Universität Kiel, wo er zunächst als Assistent unter Otto Aichel tätig war.Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Frankfurt am Main 2007, S. 376. Ab 1931 war Loeffler Dozent an der Universität Kiel.Hans-Walter Schmuhl: Grenzüberschreitungen. Das Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik 1927–1945. Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus, Band 9. Wallstein, Göttingen 2005, S. 77. In Kiel habilitierte er sich 1932 mit der Schrift „Über eine Mutation bei der weißen Hausmaus, ihre Genetik und deren Bedeutung für die menschliche Erblehre“.

Politische Betätigung Noch vor der „Machtergreifung“ trat Loeffler zum 1. August 1932 der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 1.273.555)Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/26221092 und schloss sich im selben Jahr der SA an. Außerdem trat er dem NS-Lehrerbund (NSLB) und dem NS-Ärztebund bei. Sowohl in Kiel (1933/34) als auch in Königsberg (1934–1942) war er lokaler Leiter des Nationalsozialistischen Deutschen Dozentenbund.Michael Grüttner, Biographisches Lexikon zur nationalsozialistischen Wissenschaftspolitik, Heidelberg 2004, S. 111. Seit 1934 gehörte er als Ärztlicher Beisitzer verschiedenen Erbgesundheitsgerichten an, die mit Inkrafttreten des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses eingerichtet wurden. Er entschied damit über die Anordnung von Zwangssterilisierungen mit.

Hochschullehrer in Königsberg Loeffler wurde 1934 als ordentlicher Professor für Erb- und Rassenbiologie an die Universität Königsberg berufen, wo er auch das Rassenbiologische Institut leitete. (Am Institut für Rassenbiologie wirkte als Oberarzt ein Bernhard Duis, der 1949 die Forschungsstelle für menschliche Erb- und Konstitutionsbiologie der Medizinischen Fakultät Hamburgs erhieltUte Felbor: Rassenbiologie und Vererbungswissenschaft in der Medizinischen Fakultät der Universität Würzburg 1937–1945. Königshausen & Neumann, Würzburg 1995 (= Würzburger medizinhistorische Forschungen. Beiheft 3; zugleich Dissertation Würzburg 1995), ISBN 3-88479-932-0, S. 110 f. und 219.). Von 1935 bis 1942 gehörte Loeffler der Gauleitung in Ostpreußen an und führte als Gauamtsleiter in Königsberg das Rassenpolitische Amt der NSDAP.Michael Grüttner: Hochschulpolitik zwischen Gau und Reich. In: Die NS-Gaue: regionale Mittelinstanzen im zentralistischen „Führerstaat“. In: Jürgen John, Horst Möller, Thomas Schaarschmidt (Hrsg.): Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte: Sondernummer. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München 2007, ISBN 978-3-486-58086-0, S. 182. 1936 stand er neben Verschuer auf Platz eins der Berufungsliste der Universität Frankfurt am Main, um das neue Universitätsinstitut für Erbbiologie und Rassenhygiene in Frankfurt am Main zu übernehmen. Er lehnte den Ruf ab, weil ihm Frankfurt „mit seinen vielen Juden als zu konfliktreich erschien.“Peter Weingart, Jürgen Kroll, Kurt Bayertz: Rasse, Blut und Gene. Geschichte der Eugenik und Rassenhygiene in Deutschland. Frankfurt/Main 1992, S. 441.

Loefflers Fachgebiet war zunächst die Strahlengenetik. Bei der Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft gehörte Loeffler zusammen mit Nikolai Wladimirowitsch Timofejew-Ressowski und Heinrich Martius einer im September 1933 berufenen Kommission unter Alfred Kühn an, die Untersuchungsstrategien bei „Keimschädigungen durch Röntgen- und Radiumstrahlen“ erarbeiten sollte.Hans-Walter Schmuhl: Grenzüberschreitungen. Das Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik 1927–1945. Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus, Band 9. Wallstein, Göttingen 2005, S. 239. Um dieses Vorhaben zu realisieren, erhielt er Forschungsgelder von der Notgemeinschaft und dem Reichsgesundheitsamt, um gemeinsam mit Timofejew-Ressowski und Paula Hertwig strahlengenetische Tierexperimente durchzuführen. Zugleich führte er eine Studie über die Keimschädigung durch Röntgenstrahlung beim Menschen durch.Hans-Walter Schmuhl: Grenzüberschreitungen. Das Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik 1927–1945. Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus, Band 9. Wallstein, Göttingen 2005, S. 514ff. Ab 1934 war er Fachreferent für Rasseforschung der Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft.

Loefflers antiindividualistische und makrogeschichtliche Verwendung eines naturwissenschaftlich objektivierten Rasse-Begriffs gilt als paradigmatisch für die Medizin im Nationalsozialismus.Gerhard Kaiser: Grenzverwirrungen. Literaturwissenschaft im Nationalsozialismus. Akademie Verlag, Berlin 2008, S. 312f. In seinem Vortrag Der Auslesegedanke als Forderung in der Medizin, einer am 30. Januar 1936 gehaltenen Festrede, äußerte er:

Loeffler setzte sich 1942 erfolgreich für eine Förderung serologischer Arbeiten über Rassendifferenzierung beim Menschen seines Mitarbeiters in Königsberg Karl Horneck ein, der entsprechende Versuche an Kriegsgefangenen im Kolonialmedizinischen Sonderlazarett in St. Médard bei Bordeaux durchführte.Hans-Walter Schmuhl: Grenzüberschreitungen. Das Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik 1927–1945. Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus, Band 9. Wallstein, Göttingen 2005, S. 512ff.

Hochschullehrer in Wien Während des Zweiten Weltkrieges wechselte Loeffler als Professor für Erb- und Rassenbiologie 1942 von der Universität Königsberg an die Universität Wien, wo er als Direktor ebenfalls das neu gegründete Institut für Rassenbiologie und Rassenhygiene übernahm und bis Anfang Mai 1945 tätig war. Die Institutsgründung wurde bereits 1939 beschlossen und mit Geldmitteln in Höhe von einer Million Reichsmark ausgestattet. Loefflers Berufung verzögerte sich aber auf Grund inneruniversitärer Machtkämpfe. Denn Loeffler hatte gefordert, dass zum Institut auch die an der philosophischen Fakultät angesiedelte Anthropologie gehören sollte. Damit hätte er wie in Königsberg zwei Fakultäten angehört, und die Anthropologie wäre bei Medizinern und Philosophen Prüfungsfach geworden. Die dabei geführte Kontroverse reflektierte eine bereits länger geführte Grundsatzdebatte zwischen den eher anthropologisch und den eher medizinisch orientierten Rassenhygienikern. Tatsächlich wollte Loeffler die Bedeutung der Auslese für die Medizin demonstrieren und das Anthropologische Institut zu einer Abteilung der Rassenhygiene machen.Edith Saurer: Institutsneugründungen 1938–1945. In: Gernot Heiß, Siegfried Mattl, Sebastian Meissl, Edith Saurer, Karl Stuhlpfarrer (Hrsg.): Willfährige Wissenschaft. Die Universität Wien 1938–1945. Verlag für Gesellschaftskritik, Wien 1989, ISBN 3-85115-107-0, S. 318. Mit der „Abteilung für experimentelle Genetik“ unter der Leitung von Georg Gottschewski richtete er die erste und einzige derartige Abteilung in der „Ostmark“ ein.Die Ungleichmacher. In: Der Standard, 16. April 2010. An Loefflers Institut leitete Horst Geyer von 1943 bis 1945 die Abteilung für Psychologie, Neurologie und Psychiatrie.Eberhard Gabriel, Wolfgang Neugebauer (Hrsg.): Von der Zwangssterilisierung zur Ermordung. Zur Geschichte der NS-Euthanasie in Wien. Teil II, Wien 2002, S. 268.

Loeffler galt als überzeugter Nationalsozialist. Von ihm wird berichtet, er habe in Wien in SA-Uniform gelehrt.Herbert Posch, Doris Ingrisch, Gert Dressel: „Anschluss“ und Ausschluss 1938. Vertriebene und verbliebene Studierende der Universität Wien. Münster 2008, S. 210. Als Institutsleiter führte er in Personalunion auch die institutseigene Abteilung Rassenhygiene und hielt Vorlesungen zur Rassenhygiene. Zudem hielt er dort im Sommersemester 1944 fächerübergreifend eine Vorlesung zum Thema „Das Judentum als rassisches und soziales Problem“.Gudrun Exner: Bevölkerungsstatistik und Bevölkerungswissenschaft in Österreich 1938 bis 1955. Böhlau, Wien/Köln/Weimar 2007, ISBN 978-3-205-77686-4, S. 208.

1942 führte Loeffler für den Reichsausschuss zur wissenschaftlichen Erfassung von erb- und anlagebedingten schweren Leiden eine Studie im Zuge der Kindereuthanasie über „erbbiologische Fragen nach sozialen Gesichtspunkten“ durch, bei der er sich Datenmaterials bediente, das der führend an der Kindereuthanasie beteiligte Ernst Wentzler zur Verfügung stellte.Hans-Walter Schmuhl: Grenzüberschreitungen. Das Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik 1927–1945. Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus, Band 9. Wallstein, Göttingen 2005, S. 236. Bei dem Bevollmächtigten für das Gesundheitswesen Karl Brandt gehörte Loeffler ab 1944 dem wissenschaftlichen Beirat an.

Noch im Juli 1943, Monate nach der Kapitulation des deutschen Afrikakorps, beantragte Loeffler bei der Kolonialabteilung des Reichsforschungsrates Fördermittel für ein Projekt, bei dem die Bedeutung der „Cromagnonrasse“ für Nordafrika gezeigt werden sollte, um die politische Konzeption der Achsenmächte zu stützen, wonach Nordafrika eigentlich zu Europa gehöre. Arbeitshypothese war dabei die Annahme eines „Weißafrika“ in rassenkundlicher Abgrenzung von einem „Negerafrika“.Ernst Klee: Deutsche Medizin im Dritten Reich. Karrieren vor und nach 1945. S. Fischer, Frankfurt am Main 2001, S. 176–177. Seinen Antrag vom 26. Juli stellte Loeffler für seinen Mitarbeiter, den Rassenhygieniker Hans Ritter, der sich mit der 1868 gefundenen „Cromagnonrasse“, die als „Grundlage der nordischen und fälischen Rassen“ anzusehen seien, befasste und das Thema Rassenkundliche Untersuchungen an nordafrikanischem Skelettmaterial untersuchen sollte.Ernst Klee: Deutsche Medizin im Dritten Reich. Karrieren vor und nach 1945. S. Fischer, Frankfurt am Main 2001, ISBN 3-10-039310-4, S. 176–177 und 264.

Nachkriegszeit