Dieser Artikel beschreibt die Grammatik der ukrainischen Sprache. Sie zählt zusammen mit Sprachen wie dem Polnischen zu den slawischen Sprachen, im engeren Rahmen zusammen mit dem Russischen und dem Belarussischen zu den ostslawischen Sprachen.

Grammatische Merkmale: 7 Kasus, 2 Numeri, 3 Genera. Ukrainisch ist damit die einzige ostslawische Sprache, die den Vokativ bewahrt hat. Für den Plural gibt es bei Adjektiven oder Pronomen keine Genus-Unterscheidung. Wie in den slawischen Sprachen allgemein gibt es zu fast allen Verben jeweils ein Aspektpaar (imperfektiv und perfektiv). Es gibt keine Artikel ('der', 'ein'). Imperfektive Verben haben 3 Tempora (Präsens, Präteritum, Futur), bei perfektiven fehlt die Präsensbedeutung. Das imperfektive Futur kann analytisch oder synthetisch gebildet werden. Es gibt 3 Modi (Indikativ, Imperativ, Konditional) und 2 Genera Verbi (aktiv und passiv). Die alten Tempora Aorist, Imperfekt und periphrastisches Plusquamperfekt sind verloren gegangen. Der alte Dual ist nur noch in einigen erstarrten Wortformen wiederzufinden.

Einige phonetische und die Schrift betreffende Besonderheiten: Es gibt einen stimmhaften glottalen Laut , geschrieben г ('h') Ursprüngliches 'i' und 'y' sind zu zusammengefallen, geschrieben и ('y');die Infinitivendung ist -ти (-ty). Die Endung der Verben ist wie im Russischen in der 3. Person -t erhalten, allerdings palatalisiert (geschrieben -ть). Nur im Singular der e-Konjugation fehlt sie wie im Polnischen. Es gibt lange (geminierte) Konsonanten. Ebenso gibt es einen Laut , der teilweise gleich dem russischen 'в' (v), teilweise wie im Polnischen aus ursprünglichem hartem 'L' entstanden ist: ukrainisch писав (pysav) „[er] schrieb“ ≈ polnisch pisał [], russisch писал (pisal). Der Apostroph (’) wird als Härtezeichen (dem russischen 'ъ' entsprechend) verwendet. Der Buchstabe Ї / ї, der als [] ausgesprochen wird. Einem russischen/polnischen 'o' entspricht häufig ein ukrainisches i oder vi-: відкритий (vidkrýtyj) „offen“, russisch открытый (otkrytyj).Auch gibt es bei der Nominalflexion einen Wechsel o in offener Silbe <> i in geschlossener Silbe: вночі (vnoči) „in der Nacht“ <> ніч (nič) „die Nacht“, russisch ночь (noč').

Schrift und Lautlehre Die ukrainische Sprache ist aus größtenteils den gleichen Lauten wie das Russische zusammengesetzt; hinzu kommt das , wie es zum Beispiel im Tschechischen zu finden ist. Bis auf palatalisierte Konsonanten gibt es keine Laute, die nicht in ähnlicher Form auch im Deutschen zu finden wären.

Das Alphabet Das Ukrainische wird mit kyrillischen Buchstaben geschrieben. Verglichen mit dem russischen Alphabet fehlen einige Buchstaben und Zeichen (ъ ы э ё), andere sind hinzugekommen (і ї ґ є '), und einige weichen in ihrer Aussprache ab (в г е и).

Die nachfolgende Tabelle gibt die ungebundene Aussprache der ukrainischen Buchstaben wieder. Die Kursivschrift ist auch angegeben, da sich hier einige Buchstaben erheblich von der Normalschrift unterscheiden. Bei Transkriptionen mit lateinischen Buchstaben gibt es mehrere Varianten, von denen in der vierten Spalte einige aufgelistet sind.

Ukrainisches AlphabetRussischer Buchstabemit gleicher AusspracheAussprache in IPAUmschriftenА а А аA a[ɑ]etwa wie 'a' in 'Vase'aБ б Б бБ б[b]wie 'b' in 'Milbe'bВ в В вВ вam verbreitetsten ist [w/u̯]wie englisches 'w'v, wГ г Г гstimmhaftes [ɦ]hҐ ґ Ґ ґГ г[g]wie 'g' in 'Algen'gД д Д дд[d]wie 'd' in 'bilden'dE e E eэ[ε]wie 'e' in 'Nest'eЄ є Є єe[jε]wie 'je' in 'jetzt'jeЖ ж Ж жж[ʒ]wie 'j' in 'Journal'ž, zhЗ з З зз[z]wie 's' in 'Sonne'zИ и И иы[ɪ]etwa wie in 'i' in 'bin'yІ і І іи[i]wie 'i' in 'Idee'iЇ ї Ї ї[ji, jɪ]wie 'i' in 'Yitzhak'jiЙ й Й йй[j]wie 'j' in 'Jod'jК к К к1к[k]wie 'k' in 'Jacke'k(Statt 'ks' auch 'x')Л л Л л 5лwie [ł] in englisch 'milk'vor i/j/j wie deutsches [l]lМ м М мм[m]wie 'm' in 'Mai'mН н Н нн[n]wie 'n' in 'nun'nО о О оо[ɔ̝] etwa wie 'o' in 'oft'unbetont kommt auch [o] wie in 'oral' voroП п П п 1п[p]wie 'p' in 'Lippe'pР р Р р2рgerolltes [r]rС с С сс[s]wie 'ß' in 'außen'kann auch stimmhaft werdens(Zwischen Vokalen auch 'ss')Т т Т т 1 4т[t]wie 't' in 'Alter'tУ у У уу[u]wie 'u' in 'Ural'uФ ф Ф фф[f]wie 'f' in 'offen'fХ х Х хх[x] wie 'ch' in 'ach'vor i: [ç] wie 'ch' in 'ich'x, ch, khЦ ц Ц ц 1ц[t͡s]wie 'z' in 'Zeitung'c, tsЧ ч Ч ч 1ч[t͡ʃ]wie 'tsch' in 'deutsch'č, ch, tsch, tshШ ш Ш шш[ʃ]wie 'sch' in 'Schnee'kann auch stimmhaft werdenš, sch, shЩ щ Щ щ 3(щ)[ʃt͡ʃ]wie 'schtsch'šč, schtsch, shch, shtshЬ ь Ь ьь[j]palatale Aussprache der vorausgehenden Konsonanten’, j, jЮ ю Ю юю[ju]wie 'ju' in 'Jura'juЯ я Я яя[ja]wie 'ja' in 'Jade'ja

Als Härtezeichen wird der Apostroph (') verwendet. Die Affrikaten [d͡z] und [d͡ʒ] werden durch zwei Buchstaben wiedergegeben: дз (dz) bzw. дж (dž). Die Lautverbindung 'jo' erscheint orthographisch als йо oder nach palatalisiertem Konsonant als ьо: сьогодні (s'ohódni) „heute“.

Die Einzellaute

Konsonanten Alle Konsonanten außer й (j) kommen im Ukrainischen einmal in harter und einmal in weicher (palatalisierter) Variante vor. Letztere erscheint vor і, й/я/є/ї/ю (i, j) oder wenn sie durch das Weichheitszeichen ь (') explizit verlangt wird. Durch den Apostroph als Härtezeichen wird die Palatalisierung verhindert:п'ять (p''jat') [pjatʲ] „fünf“, від'їзд (vid''jizd) „Abfahrt“, п'єса (p''jesa) [pjεsɑ] „Schauspiel“. Einige Konsonanten können auch geminiert (verdoppelt) auftreten. Am Wortanfang bei einigen Formen des Verbs лити (lyty) „(ver)gießen“: ллю, ллє (llju, llje) ... [lʲ:u, lʲ:ε];ebenso beim Verb ссати (ssaty) [s:ɑtı] „saugen“ und seinen Ableitungen.

Klassifikation und Merkmale Die folgende Tabelle zeigt die Konsonanten der ukrainischen Sprache (mit в (v) in der Aussprache als Halbvokal).Nicht-fettgedruckte Laute sind palatalisierte Varianten. Artikulations-Ort → Labial Coronal Dorsal Glottal Artikulationsart Bilabial Labio-dental Dental/Alveolar PalatalisiertAlveolar Post-alveolar Palatal Velar Glottal Nasal                 Plosive   Affrikaten         Frikative               Approximanten               Lateral              Vibrant              

Labiale:b, p; w, f; m (б,п,в,ф,м).Diese Laute sind mit orthographischen Ausnahmen meist hart,ihnen kann nur dann ein jotifizierter Vokal (j + Vokal) folgen, wenn ein dentaler Konsonant *vorausgeht: свято (svjato) „Fest(tag)“,und sie werden nicht verdoppelt. Post-alveolar:ž, č, š (ж,ч,ш), und eigentlich auch šč (щ).Im Gegensatz zum Urslawischen sind diese Laute im Ukrainischen hart geworden, was zur gemischten Deklination bei Substantiven führt.Alle außer щ (šč) können verdoppelt werden.Nur wenn einer dieser Laute verdoppelt wird, kann ihnen ein jotifizierter Vokal folgen: збіжжя (zbížžja) „Korn“.Keiner dieser Laute steht vor einem Weichheitszeichen (ь). Dentale:d, t; s, z; c; l, n (д,т,с,з,ц,л,н).Wie im Urslawischen können alle diese Laute hart oder weich vorkommen.Nur wenn ein Dental als letzter Laut in einem Präfix vorkommt, kann ihnen ein Härtezeichen (') folgen.Dentale können verdoppelt werden. Alveolar:r (р).Der Alveolar kann hart oder weich vorkommen.Am Silben- oder Wortende ist er immer hart, weshalb ihm kein Weichheitszeichen (ь) folgen kann.Verdoppelt kommt er nur in Fremdwörtern vor. Velare:h/g, k, ch (г/ґ,к,х).Wie im Urslawischen sind Velare immer hart.Diese Laute können nie verdoppelt werden,ihnen kann kein Härtezeichen (') folgen.Kommt einer dieser Laute vor einem jotifizierten oder weichen Vokal zu stehen, wird er durch die Gesetze der 1. und 2. Palatalisierung verändert.

Aussprache 1 Plosive und Frikative (p, t, k, c, č) werden unbehaucht gesprochen. 2 Das r wird gerollt wie etwa im Italienischen. 3 Die Aussprache von щ (šč) wird nicht wie im Russischen zu [ɕ:] abgeschliffen. Ein palatalisierter Konsonant wird etwa so gesprochen, als ob ihm in der Aussprache ein 'j' folgte: у хаті (u chati) [u xɑtʲi] „in der Hütte“.4 Palatalisiertes 't' am Silbenende wird dabei wie polnisch 'ć' gesprochen, also etwa wie 'tch' in 'Hütchen'. 5 Hartes 'l' wird [ɫ] im englischen 'milk' gesprochen, weiches 'l' wie [l] im Deutschen./l+j/ verschmelzen zu einem weichen 'l', ohne dass das 'j' hörbar ist: люблять (ljubljat') [ˈlʲublʲatʲ] „[sie] mögen“. Verdoppelte Konsonanten werden länger gesprochen (wie etwa 'ttt' in 'Betttuch' [tː]).

Vokale und Diphthonge Im Ukrainischen werden nach ihrer Qualität 6 Vokale unterschieden: а,е,і,о,у,и (a,e,i,o,u,y). Es gibt keinen Unterschied hinsichtlich der Länge von Vokalen.

Klassifikation Als 'harte' Vokale werden bezeichnet:a, o, u und aus urslawischem *y entstandenes y. Als 'weiche' gelten:e, i und aus urslawischem *i entstandenes y. Als 'jotiert' werden Vokale bezeichnet, denen in der Aussprache ein 'j' vorausgeht. Für sie gelten besondere Schreibweisen:- jo wird йo oder nach zu palatalisierendem Konsonanten ьо geschrieben.- für ja, je, ji, ju gibt es die Buchstaben я (ja), є (je), ї (ji), ю (ju).- für dialektales jy schreibt man йи (?) oder benutzt den Buchstaben ї.

Vorn Hinten Geschlossen Fast geschlossen Halboffen Offen

и (y) [ɪ] kann als zurückgezogener mittelhoher vordererРусанівський. Тараненко, Зяблюк 2004, S. 104 oder gesenkter zurückgezogener hoher vorderer Vokal klassifiziert werden. o ist mittlerer Vokal. a ist vorgeschoben.Жовтобрюх. Кулик 1965 S. 117–118

Aussprache Die Vokale a, e, o, и (a,e,o,y) offen (ungespannt) wie in 'Vase, Nest, oft, bin'.Unbetontes 'и (y)' klingt ähnlich dem deutschen Schwa wie in 'komme'. Es gibt keine Abtönung von unbetontem 'o' zu [a] wie im Russischen. Unbetontes 'o' kann eher dem 'u' angenähert als geschlossenes [o] wie in 'Opal' erscheinen. i, y (і,u) sind geschlossen (gespannt) wie in 'Idee, Ural'. Unbetonte Vokale werden kürzer und reduzierter als betonte gesprochen.

Ein 'й (j)', das nach einem Vokal steht, bildet mit diesem zusammen in der Aussprache einen Diphthong:дай (daj) [dai̯] „gib!“ (im Deutschen schriebe man dieses Wort 'dei'). Der Halbvokal [w/u̯] (gesprochen wie im englischen 'Winston') existiert als dialekte Aussprache von в (v).Bei dieser Aussprache können Vokal + /w/ zusammen einen Diphthong bilden, wie zum Beispiel ав (av) [au̯] (in deutscher Orthographie würde man 'au' schreiben).Einen eigenen Silbenkern bildendes 'u' in russischen oder polnischen Wörtern erscheint im Ukrainischen oft als v: навчати (navčaty) „lehren“, polnisch 'nauczyć'. u-Diphthonge aus Fremdwörtern umschreibt man mit y (u): Фауст (Faust) „(Goethes) Faust“.

Betonung Die Hauptbetonung kann bis auf die viertletzte Silbe zurückgehen. Sie wird im Folgenden durch einen Akzent (´) auf dem betonten Vokal gekennzeichnet. Zu jedem Wort muss man die Betonung lernen; sie ändert sich häufig zwischen verschiedenen Beugungsformen eines Wortes. Zwischen Singular und Plural: místo - mistá „Stadt - Städte“. Zwischen ich-Form und allen anderen Personen im Präsens: hovorjú - hovóryš „spreche - sprichst“. Bei manchen Pronomen je nachdem, ob sie allein oder nach Präpositionen stehen: mené - u méne „mich - bei mir“ (ebenso tebé - tébe; johó - n'óho; jijí - néji), komú - na kómu „wem (Dativ/Lokativ) - zu wem“.

Lautgesetze Zeichenerklärung:- Das Zeichen > oder -> bedeutet in Bezug auf Lautwandel 'wird zu',- während < die Etymologie eines Lautes aus der urslawischen, im zweiten Schritt aus der urindogermanischen Sprache bezeichnet.- Ein C steht stellvertretend für einen Konsonanten, V für einen Vokal.- Der Asterisk (*) gibt an, dass das nachfolgende Wort oder der nachfolgende Laut rekonstruiert, aber nicht überliefert ist. Er fehlt in Beispielen bei solchen Wörtern, die im Altkirchenslawischen in identischer Form existierten.

Vokaleinschub Beim Aufeinandertreffen mehrerer Konsonanten am Wortende wird nach gewissen Regeln ein zusätzliches o (immer nach v/h/k/ch) bzw. e (vor l/m/r/c) dazwischengeschoben.Dieser Einschub geschieht zwischen den Konsonanten an der mit _ gekennzeichneten Stelle in folgenden Umgebungen, wo C einen beliebigen Konsonanten vertritt: ...C(ь)_l(ь) ...C(ь)_m(ь) ...C(ь)_r(ь)