mini|Stiftskirche St. Amandus mini|Innenansicht: Blick entlang des Hauptschiffes zum Chor

Die Stiftskirche St. Amandus in Bad Urach im Landkreis Reutlingen in Baden-Württemberg ist eine evangelische Kirche im Kirchenbezirk Bad Urach-Münsingen der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Als Schutzpatron der Kirche war in vorreformatorischer Zeit Amandus von Maastricht gewählt worden. Sie wurde als Stiftskirche konzipiert und gebaut.

Geschichte Unmittelbar bei der Wasserburg in der Siedlung Urach gab es um 1100 bereits eine Kirche am Platz der heutigen Amanduskirche. Bei Renovierungsarbeiten um 1990 wurden Fundamentreste von insgesamt 3 Vorgängerkirchen gefunden. Zwar konnten diese zeitlich nicht differenziert eingeordnet, zumindest konnte aber eine Kirchenbautradition an dieser Stelle nachgewiesen werden, die mindestens bis ins Ende des 11. Jahrhunderts zurückreicht. Um 1150 wird in Urach eine Kirche genannt, die der Jungfrau Maria sowie den Heiligen Andreas und Amandus gewidmet ist. Im 14. Jahrhundert wurde eine neue Kirche errichtet, der unmittelbare Vorgängerbau der heutigen Amanduskirche, die eine besondere Stellung im zuständigen Bistum Konstanz eingenommen haben soll. Sie hatte bereits eine beachtliche Größe: mit einer Länge von 45 m und einer Breite von 19 m war sie nur um ein Viertel kleiner als die heutige Kirche.

Vermutlich um 1474/75 beauftragte Graf Eberhard V. („Eberhard im Bart“) den Werkmeister Hans Koch, die spätgotische Stiftskirche zu bauen. Da Württemberg geteilt und Urach die Hauptstadt des südwestlichen Landesteils war, sollte der Kirchenbau die Residenz gegenüber Stuttgart aufwerten. Dazu musste die bisherige, nicht baufällige Kirche weichen, in der zuletzt noch im Juli 1474 die Trauung von Graf Eberhard V. und Barbara Gonzaga von Mantua gefeiert worden war. Auch wurden 1477 mit der Fertigstellung des Chores die Brüder vom gemeinsamen Leben nach Urach geholt und ihnen das Stift an die Kirche angebaut, um neue geistliche Impulse in Eberhards Territorium zu verbreiten. Nach dem Tod des Werkmeisters Hans Koch 1481 setzte Baumeister Peter von Koblenz den Kirchenbau fort. Der Graf und Bauherr erlebte die Fertigstellung um 1500 nicht mehr, auch Peter von Koblenz nicht, er wurde 1501 dort begraben. Im selben Jahr vollendete sein Nachfolger Marx Welling die Kirche mit der westlichsten Seitenkapelle des Nordschiffs. Das Stift Urach wurde mit dem Tübinger Vertrag 1514, kurz vor Einführung der Reformation, aufgelöst und der Gebäudekomplex später anders genutzt. Unmittelbar danach wurde in die Amanduskirche eine Prädikatur gestiftet.Matthias Figel: Der reformatorische Predigtgottesdienst. Eine liturgiegeschichtliche Untersuchung zu den Ursprüngen und Anfängen des evangelischen Gottesdienstes in Württemberg; Epfendorf/Neckar 2013, S. 189–195 (Liste: Die Prädikaturen in Württemberg vor der Reformation) – ISBN 978-3-928471-85-5

In der Nische rechts oberhalb der Kanzel wird von der Explosion der herzoglichen Pulvermühle 1707 berichtet, deren Druckwelle die mittelalterliche Farbverglasung der Nordseite und die Orgel zerstörte, sowie Schäden im Gewölbe verursachte.

Bei der Erneuerung 1896 bis 1901 wurden von Heinrich Dolmetsch der unvollendet gebliebene Turm ausgebaut, die Fassade verbessert, Ausstattungsstücke restauriert und das Innere der Kirche neugotisch gestaltet.Ellen Pietrus: Heinrich Dolmetsch – Die Kirchenrestaurierungen des württembergischen Baumeisters; Dissertation Universität Hannover 2003, veröffentlicht vom Regierungspräsidium Stuttgart, Landesamt für Denkmalpflege in: Forschungen und Berichte der Bau- und Kunstdenkmalpflege in Baden-Württemberg, Band 13, Stuttgart 2008, S. 206–207.Ellen Pietrus: Kirchenausstattungen von Heinrich Dolmetsch. Vom Umgang mit Raumfassungen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts; in: Denkmalpflege in Baden-Württemberg 34, Stuttgart 2005, S. 88–99. Die Kirche wurde am 27. Oktober 1901 im Beisein des württembergischen Königspaars eingeweiht. Das Kircheninnere wurde von 1988 bis 1990 nochmals renoviert und die neugotische Ausmalung im Chor entfernt. Die qualitätvolle sonstige Neugotik-Fassung an Langhauswänden, Fliesenbelägen, Leuchten und Schreinerarbeit blieb renoviert erhalten. 2006 erfolgte die Sanierung des Turms.

Von 1923 bis 1926 wirkte Karl Hartenstein als Stadtpfarrer an der Amanduskirche.

Der Uracher Götzentag In Urach – wo genau, ist nicht überliefert – fand 1537 auf Einladung von Herzog Ulrich das „Uracher Bildergespräch“, auch „Uracher Götzentag“ genannt, statt. Mit der Reformation und der württembergischen Kirchenordnung vertraute Theologen und Juristen, darunter Erhard Schnepf, Ambrosius Blarer, Johannes Brenz und Matthäus Alber, sollten die Frage klären, ob Heiligenverehrung und die Anbetung ihrer „ärgerlichen“ Bilder Götzendienst sei und sie aus den Kirchen entfernt werden müssten (Bildersturm) oder ob „unärgerliche“ Darstellungen des Heilsgeschehens zu Verkündigung, Lehre und Erziehung erlaubt sein könnten. Gerade Württemberg als im Endergebnis lutherische Kirche hatte eine nicht nur geographische Brückenfunktion zwischen der wittenbergisch-lutherischen und der zwinglischen Reformation Schweizer Prägung. Die Gesprächsteilnehmer konnten sich nicht einigen, sodass schließlich der Herzog Klarheit schuf und die Entfernung der Heiligenbilder anordnete, was längst nicht überall und in ganzem Ausmaß befolgt wurde. Aus Anlass des 475. Jubiläums dieses Uracher Götzentages ging es 2012 bei der Preisverleihung des Ersten Kunstpreises der Evangelischen Landeskirche in Württemberg in der Amanduskirche bewusst wieder um die neu zu führende Diskussion über die heutige Macht der Bilder neuer Medien und ihrer weltweiten Verbreitung.Hermann Ehmer: Das Uracher Bildergespräch 1537 und die Rolle des Bildes in der evangelischen Kirche Württembergs (Festvortrag); in: Bilder?Bilder! – Erster Kunstpreis der evangelischen Landeskirche in Württemberg; hrsg. von Reinhard Lambert Auer und Jenny Sturm für den Verein für Kirche und Kunst in der Evangelischen Landeskirche in Württemberg e. V.; Stuttgart 2013.

Das Gebäude Baumaterial Je nach Eignung und Verfügbarkeit wurde unterschiedliches Steinmaterial benötigt: Für das aufgehende Mauerwerk wurde rauer, schwarz patinierter Kalktuff verwendet (Bruch: Tal zwischen Seeburg und Urach); Quaderkalk für besonders vom Wetter beanspruchte Bauteile (Bruch: Mauchental/Hülbener Steige); Stubensandstein für steinmetzmäßig bearbeitete Eckquader, Architekturglieder und Fenster (Bruch: 20 km entfernt bei Mitteltal/Neckartal); feinerer Kalksandstein für innere Steinmetzarbeiten (Bruch: Brauner Jura der Umgebung).Klaus Ehrlich in: Friedrich Schmid: Die Amanduskirche in Bad Urach; hrsg. i. A. des Vereins zur Erhaltung der Amanduskirche e. V., Sigmaringen 1990, S. 24

Ausstattung Bildhauerarbeiten in Stein Reichhaltig figürlich gestaltete Wandstatuen-Konsolen, 21 Gewölbe-Anfängerkonsolen und 52 Schlusssteine überliefern viel von der Frömmigkeit, dem theologischen Denken und dem künstlerischen Wirken der am Bau Beteiligten und ihrer Zeit. Ihre Deutung gelingt im Detail nur mit einem tiefen Verständnis christlicher Ikonographie.Fritz Kalmbach: Steine sollen sprechen – Beiträge zur Ikonographie der Amanduskirche; in: Friedrich Schmid (Hrsg.): Die Amanduskirche in Bad Urach. Hrsg. im Auftrag des Vereins zur Erhaltung der Amanduskirche e. V., 1990, S. 63–100. Auf einem dieser Schlusssteine ist Amandus, der Schutzpatron und Namensgeber der Kirche an seiner Bischofskleidung und den Attributen Hirtenstab und Buch zu erkennen. Erst seit 1986 weiß man durch eine Kalendereintragung des Grafen Eberhard, dass es sich bei dem Namensgeber Amandus um den Bischof von Maastricht, den Apostel der Belgier im 7. Jahrhundert, handelt.

mini|hochkant|Kanzel mit Papst Gregor und Hieronymus mit dem Löwen

Kanzel Die Kanzel, deren genaue Entstehungszeit ebenso wie ihr Steinmetz unbekannt sind, ist nach Aufbau und Gestaltung eine der reichsten ihrer Art in Württemberg und ist mit figürlichen und ornamentalen Steinmetzarbeiten an Fuß, Aufgang, Kanzelkorb und Brüstung gestaltet. Karl Halbauer datiert sie bauzeitlich auf um 1500 und weist ihre ursprüngliche Position am mittleren, dem vierten nördlichen Langhauspfeiler nach,Karl Halbauer: Predigstül – Die spätgotischen Kanzeln im württembergischen Neckargebiet bis zur Einführung der Reformation; in der Reihe: Veröffentlichungen der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg, Reihe B: Forschungen, Band 132; Stuttgart 1997, S. 303–322 was nach der Reformation eine Bestuhlung als Querkirche ergab,Ulrich Zimmermann: Die Predigtkirche und die Querkirche – Protestantischer Kirchenbau in Württemberg. Eine Studie zur Geschichte und Theologie des Kirchenraums und zur Entstehung zweier Kirchenbautypen; Ubstadt 2025, S. 237, 239, 269 – ISBN 978-3-95505-592-9 die 1901 durch Versetzen um einen Pfeiler nach Osten und Einbau eines neuen, nach Osten gerichteten Gestühls in eine Längskirche umgewandelt wurde.Ellen Pietrus: Heinrich Dolmetsch – Die Kirchenrestaurierungen des württembergischen Baumeisters; Dissertation Universität Hannover 2003, veröffentlicht vom Regierungspräsidium Stuttgart, Landesamt für Denkmalpflege; in: Forschungen und Berichte der Bau- und Denkmalpflege in Baden-Württemberg, Band 13, Stuttgart 2008, S. 208 f Wie bei den Kanzeln der Stiftskirchen in Tübingen und Herrenberg sind in den Feldern die lateinischen Kirchenväter Gregor der Große, Hieronymus, Augustinus von Hippo und Ambrosius von Mailand abgebildet, denen jeweils ein Evangelistensymbol beigegeben ist. Vor allem die Steinskulpturen am Kanzelkorb thematisieren die Beziehung zwischen verschiedenen Heiligen, den Brüdern vom gemeinsamen Leben und dem Bauherrn Graf Eberhard V. („Eberhard im Bart“), dem ersten regierenden Herzog von Württemberg und Teck.Monika Ingenhoff-Danhäuser: Die Kanzel; in: Friedrich Schmid (Hrsg.): Die Amanduskirche in Bad Urach. Hrsg. im Auftrag des Vereins zur Erhaltung der Amanduskirche e. V., 1990, S. 101–109. So ist in der fünften Nische neben den Kirchenvätern – allerdings durch reiches Maßwerk getrennt – Jean Gerson abgebildet, ein französischer Kirchenrechtler, der auf dem Konzil von Konstanz für die Brüder vom Gemeinsamen Leben eintrat, deren Gemeinschaft teilweise als ketzerisch angesehen wurde, da die Mitglieder einer damals neuartigen Frömmigkeitsform anhingen und kein Ordensgelübde ablegten.Reformationskirchen Württemberg: Stiftskirche St. Amandus Bad Urach. In den Brüstungsecken befinden sich Figuren der Heiligen Ulrich und Willigis, ein Papst, ein Mönch und der Heiligen Benedikt von Nursia. Die Figur des Mönches wurde bei der Renovierung im 19. Jahrhundert angebracht und wird gerne als Martin Luther gedeutet. Nachträglich der Kanzel hinzugefügt wurde nach der Reformation ein Brüstungsaufsatz, der die vier Kirchenväter zu Evangelisten umdeutet.

1632 kam der hölzerne Renaissance-Schalldeckel hinzu. Der farbig gestaltete Schalldeckel ist gekrönt von einem segnenden Salvator mundi. Im Aufbau befinden sich Figuren von Moses, Petrus und Johannes dem Täufer. Seine Umschrift lautet: Seelig / seind die / so Gottes / wort hör / en vnd be / wahren / lukae XI. Der Kanzeldeckel wird Claus Schließwecker zugeschrieben. Bei der Renovierung 1899 wurde der Brüstungsaufsatz abgenommen und als Lesepult in den Chor der Kirche versetzt. Gleichzeitig wurde die Kanzel um einen Pfeiler nach Osten versetzt. Dabei wurde ein Teil der Kanzel neugeschaffen, nämlich die achteckige Sockelplatte, der Kanzelfuß mit fünf Prophetenfiguren und den an Wasserspeier erinnernden grotesken Tiergestalten sowie die Treppe. Auch ein Teil des Rankenwerks am Kanzelkorb wurde nach der Umsetzung erneuert.

mini|König David, Moses und Josef auf dem Taufstein

Taufstein