Die Detektivgeschichte ist als literarisches Genre eine im 19. Jahrhundert entstandene Untergattung des Kriminalromans, bei der die Rekonstruktion und die Aufklärung eines Verbrechens durch den Detektiv im Mittelpunkt steht. Wie kaum ein anderer Typus der Kurzgeschichte ist die Detektivgeschichte durch exakt beschreibbare Elemente und Gattungskonventionen bestimmt und hat so im Bewusstsein der Leser ein scharfes Profil gewonnen, das deren Erwartungshaltung im Hinblick auf ein vorhersehbares Schema (frame) prägt.Vgl. Sven Strasen, Peter Wenzel: Die Detektivgeschichte im 19. und im frühen 20. Jahrhundert. S. 84 und 86.
In der klassischen Detektivgeschichte wird die Aufklärung eines fiktiven, zu Beginn meist unerklärlichen und für den Leser bis zuletzt geheimnisumwitterten Tatbestands geschildert, der die Ermittlungsarbeit eines hochbegabten, oftmals exzentrischen Detektivs auslöst. mini|Illustration zu Poes Der Doppelmord in der Rue Morgue von Byam Shaw, 1909 Als frühe Prototypen, die die Entstehung der Detektivgeschichte als spezifischer literarischer Form maßgeblich beeinflusst haben, gelten dabei vor allem Edgar Allan Poes Kurzgeschichten Der Doppelmord in der Rue Morgue (1841) und Der entwendete Brief (1844).Vgl. Sven Strasen, Peter Wenzel: Die Detektivgeschichte im 19. und im frühen 20. Jahrhundert. S. 85. Siehe auch Anne Humpherys: British Detective Fiction in the 19th and Early 20th Centuries. In: Oxford Research Encyclopedias - Literature, online veröffentlicht im Juni 2017 unter . Abgerufen am 4. August 2019. Vgl. auch eingehender den Abschnitt Poe, the Detective Story, and Science Fiction bei Thomas Wright: Poe, Edgar Allan. In: Oxford Research Encyclopedias - Literature, online veröffentlicht im Juli 2017 unter . Abgerufen am 10. März 2018.
Charakteristische Elemente der klassischen Detektivgeschichte Der Detektiv bedient sich bei der Aufklärung des Falles der Indizien, Psychologie, Kombinatorik, Intuition und logischer Schlussfolgerung und steht als „Löser“ von erstaunlicher Intuition, messerscharfer Logik, untrüglicher Schlauheit und Gewandtheit im Mittelpunkt des Interesses.
Weitere charakteristische Elemente der klassischen Detektivgeschichte des 19. und frühen 20. Jahrhunderts sind neben falschen Spuren (red herrings) oder mehrdeutigen und versteckten Indizien auch unschuldige Verdächtige, eine mit der Auflösung des mysteriösen Verbrechens überforderte Polizei sowie ein Assistent des Detektivs, der als dessen Freund oder Vertrauter die Aufklärung des Falles schildert, ohne den Tathergang und den Ermittlungsprozess selbst in allen Einzelheiten zu durchschauen. Dieser auf dem Hintergrund der Sherlock-Holmes-Geschichten von Arthur Conan Doyle zumeist als „Watson-Figur“ bezeichnete Assistent agiert dabei als vermittelnde Instanz zwischen dem überaus scharfsinnigen, wohlinformierten Detektiv und dem im Dunkeln tappenden Leser.Vgl. Sven Strasen, Peter Wenzel: Die Detektivgeschichte im 19. und im frühen 20. Jahrhundert. S. 84.
Die Detektivgeschichte bietet dadurch ein hohes Identifikationsangebot für den Zuschauer oder Leser. Dieser projiziert während des Lesens oder des Kinobesuchs seine Wünsche bezüglich der Wiederherstellung der normalen Ordnung und Sicherheit auf den Detektiv, da diese Ordnung zu Beginn des Krimis durch das Verbrechen ins Wanken geraten ist. Wenn der Fall gelöst ist, wiegt sich der Leser oder Zuschauer in Sicherheit und ist beruhigt; so kann er die Auflösung des Falls sogar als Bestätigung seiner eigenen Person erfahren, da er am Ende die Lösungsschritte aus Sicht des Detektivs im Einzelnen nachvollziehen kann, auch wenn er sie zuvor in dieser Form nicht vorwegnehmen konnte.
Darüber hinaus fungiert der Detektiv als Repräsentant der jeweiligen gesellschaftlichen Wertevorstellung. Durch das methodische Vorgehen und die durch und durch geplanten Handlungen wähnt sich der Rezipient in der Annahme, mit Wissenschaft, Logik und Technik lasse sich die Natur und der Mensch bändigen. Das bekannteste Beispiel ist die bereits erwähnte Figur des Sherlock Holmes in den Geschichten Sir Arthur Conan Doyles.
Spannung und Überraschung als grundlegende Funktionsmechanismen der Gattung
Ihren besonderen Reiz bezieht die klassische Detektivgeschichte insbesondere aus ihrem ganz spezifischen Rätselcharakter; dabei gehören neben der Spannung (suspense) vor allem das Moment der Überraschung (surprise) zu den grundlegenden Funktionsmechanismen dieser Gattung. In dem Ratespiel, das dem Leser präsentiert wird, wird die vollständige Lösbarkeit durch eine eigene Analyse in der Regel nur suggeriert: Die clues oder Fakten und Informationen, die am Ende zum entscheidenden Bestandteil der Auflösung des Falles werden, werden zunächst falsch kontextualisiert und dem Leser so dargeboten, dass dieser nichts mit ihnen anfangen kann. Ihre tatsächliche Relevanz wird erst mit der überraschenden Lösung am Ende der Geschichte nachträglich erkennbar; in der eigentlichen Klärungsphase am Schluss, die oftmals in verschiedene Teillösungen aufgegliedert werden kann, wird dabei vor allem ein rückwärtsgewandtes, analytisches Spannungsmoment erzeugt. In diesem neuen, überraschenden Sinnzusammenhang der schließlichen Auflösung spielen wiederum möglichst alle in der Exposition eingeführten Elemente (Personen, Motive oder Handlungen) eine genau bestimmte Rolle.Vgl. Sven Strasen, Peter Wenzel: Die Detektivgeschichte im 19. und im frühen 20. Jahrhundert. S. 87–89.
Charakteristika des Handlungsaufbaus, der Figuren und Schauplätze
Aus den gattungsspezifischen Prinzipien von suspense und surprise ergeben sich besondere strukturelle Notwendigkeiten für den gesamten Handlungsverlauf der Detektivgeschichte, der wesentlich schematischer als in anderen Kurzgeschichten ist: Auf die einleitende Schilderung des Verbrechens folgt die Suche nach einer Antwort auf die Fragen nach dem Täter (wer?), dem Tathergang (wie?) und dem Motiv (warum?); die Geschichte endet mit der vollständigen Aufklärung des Falles und der Überführung des Schuldigen. Die Handlung (plot) der klassischen Detektivgeschichte wirkt in vielen Fällen eher unwahrscheinlich oder wirklichkeitsfern und hat nur selten mit realen Kriminalfällen etwas gemein, da jedes Element der Handlung Baustein eines Ganzen in der Auflösung des Falles sein muss.Vgl. Sven Strasen, Peter Wenzel: Die Detektivgeschichte im 19. und im frühen 20. Jahrhundert. S. 87.
Die charakteristische Rätselstruktur der Gattung wirkt sich auch auf die Ausgestaltung der ermittelnden Figuren aus. Die zentrale Figur des Detektivs muss als „analytisches Medium“ über herausragende Fähigkeiten verfügen. Um die Lösung des Falles nicht vorzeitig preiszugeben, muss der Detektiv als Erzählfigur Distanz zum Leser wahren; dementsprechend ist es naheliegend, als ermittelnde Figur einen exzentrischen Einzelgänger zu wählen, der mehr oder weniger außerhalb der Gesellschaft steht. Als Ich-Erzähler findet sich demgegenüber vor allem in der frühen Detektivgeschichte vor der zunehmenden Nutzung anderer Konstruktionen die „Watson-Figur“, die als miterlebender und bewundernder Freund des Detektivs den Verlauf der Ermittlung schildert. Die nur eingeschränkte Sicht dieses Erzählers auf die Ereignisse und deren Bedeutung entspricht der dem Leser zugewiesenen Position in dem Rätselspiel. Auch die Angehörigen der Polizei sind als schematische Funktionsfiguren angelegt; durch das beharrliche Tappen der Polizei im Dunkeln erfährt der Status des Detektivs als Einzelkämpfer eine Aufwertung; zugleich kann der Autor mit Hilfe dieser Figuren dem Leser falsche Schlussfolgerungen suggerieren.Vgl. Sven Strasen, Peter Wenzel: Die Detektivgeschichte im 19. und im frühen 20. Jahrhundert. S. 89f.
Auch die Gruppe der nicht ermittelnden Person ist funktional bestimmt; der Kreis dieser Personen muss begrenzt und überschaubar sein, dem Leser frühzeitig bekanntgemacht werden und konstant bleiben, um die oben dargestellte Entsprechung von Exposition und Lösung formal zu ermöglichen. Da der Leser vor der Auflösung keinen Einblick in das Bewusstsein des Täters und der übrigen Tatverdächtigen erhalten darf, können die Eigenschaften dieser Figuren nur von außen gezeigt, nicht jedoch psychologisch ausgeleuchtet werden. Die tendenziell eher flache Charakterzeichnung dieser Figurengruppe in den klassischen Detektivgeschichten ist daher ebenso eine Folge der Funktionsmechanismen der Gattung.
Aus der Notwendigkeit, das Figurenensemble überschaubar zu machen, ergeben sich des Weiteren strukturelle Notwendigkeiten im Hinblick auf die Wahl des Schauplatzes sowie des Milieus. Ein beschränkter Handlungsraum und ein klar umrissenes sowie sozial abgegrenztes Milieu erweisen sich dabei als zweckdienlich; auch die beliebte Eingrenzung des Tatortes auf die Form eines geschlossenen, fest versperrten Zimmers (locked room) ist auf diesem Hintergrund verständlich.Vgl. Sven Strasen, Peter Wenzel: Die Detektivgeschichte im 19. und im frühen 20. Jahrhundert. S. 90.
Entstehungsgeschichte des Genres
Prototypisches Modell der Gattung: Die Detektivgeschichten von Edgar Allan Poe mini|Illustration zu E. A. Poes The Purloined Letter, um 1864 Aus Sicht der literaturgeschichtlichen Forschung und Kritik werden allgemein die drei von Edgar Allan Poe verfassten Kurzgeschichten The Murders in the Rue Morgue (1841), The Mystery of Marie Rogêt und The Purloined Letter (1844) als erste prototypische Ausprägungen der Detektivgeschichte gesehen, denen eine besondere modellgebende Funktion bei der Entstehung des Genres zukam.
In diesen Erzählungen Poes sind bereits fast alle konstitutiven Bau- oder Systemteile der Gattung vorhanden, beispielsweise ein geheimnisvolles, scheinbar unaufklärbares Verbrechen; eine hilflose Polizei; ein exzentrischer, hochbegabter (Privat-)Detektiv; dessen Freund und Gehilfe als bewundernder Erzähler; der verschlossene Raum; die typische Rätselstruktur mit dem Ausbreiten aller Indizien und dem spektakulären analytischen Dénouement.
Allerdings ist die Gesamtstruktur dieser Erzählungen Poes in mehreren Aspekten noch deutlich von der späteren klassischen Detektivgeschichte zu unterscheiden. So erweist sich beispielsweise der vermeintliche Mord in The Murders in the Rue Morgue als Unglücksfall und nicht als planvolle Tat mit einem Motiv; ebenso gibt es nur einen einzigen Verdächtigen, der die Tat aber wahrscheinlich nicht begangen hat. In The Purloined Letter ist der Täter von Anfang an bekannt; es geht ausschließlich darum, das Versteck des gestohlenen Briefes zu entdecken, um diesen wieder in die Hände seiner Verfasserin zurückzugeben. Zwar enthalten Poes Geschichten die drei gattungstypischen Bestandteile der Schilderung des Falls, der Ermittlung und der Auflösung, gewinnen ihre Spannung in dem relativ langen Auflösungsteil aber weniger aus dem Mitraten als aus dem Nachvollzug der genialen Gedankengänge des Detektivs. Im Mittelpunkt steht damit bei Poe weniger das Denkergebnis als das Denkverfahren; dementsprechend beginnt in The Murders in the Rue Morgue die ursprüngliche Fassung in der Einleitung nicht mit der Darstellung des Falles, sondern mit einer sieben Seiten langen theoretischen Abhandlung über die analytische Begabung an sich, wie sie in späteren Detektivgeschichten kaum mehr möglich gewesen wäre.Vgl. Sven Strasen, Peter Wenzel: Die Detektivgeschichte im 19. und im frühen 20. Jahrhundert. S. 91–94. Siehe auch Paul Gerhard Buchloh: Edgar Allan Poe · The Murders in the Rue Morgue. In: Karl Heinz Göller u. a. (Hrsg.): Die amerikanische Kurzgeschichte. August Bagel Verlag, Düsseldorf 1972, ISBN 3-513-02212-3, S. 94–102, hier S. 95f. sowie 98–101.
Schematisierung und Ausbau zum Erfolgsmodell der Gattung: Die Sherlock-Holmes-Geschichten von Arthur Conan Doyle mini|Sherlock Holmes und Watson, Illustration von Sidney Paget, 1892